• 2005| "Nichtverstehen als Sinnsetzung"
  • Begleitetxt zu der Ausstellung "Hidden Layers" von Christine Ermer, Kathrin Krüger und Maritta Weber
  • Packhof Hann. Münden
  • Der Text war gewissermaßen eine "Auftragsarbeit" von Christine Ermer. Die unten stehende Fassung ist die unfertige/vorläufige Fassung der Eröffnungsrede, die vorab im Katalog erschien. Die Rede und Fotos der Ausstellung folgen, wenn ich an daran gelange :-)

Nichtverstehen als Sinnsetzung

"Der Hörer nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Aussage". (Heinz von Foerster)

Das heißt überraschenderweise: Nicht die Intention des Senders entscheidet, sondern die Deutung des Empfängers. Er ist der Konstrukteur der Aussage. Das wohlvertraute Sender-Empfänger-Modell steht Kopf. Nehmen wir für einen Moment an, Sie finden das plausibel. Was heißt das dann für die Kunstbetrachtung?

Der passive Empfänger, der Bildkonsument wird damit aus seiner Empfängerstarre zwar erlöst, aber auf ihm lastet nun plötzlich eine neue Verantwortung. Die Verantwortung für die Aussage nämlich, die er ja bestimmt, laut Foerster. Die berühmtberüchtigte Frage, was wollen uns die Künstler sagen, wird damit obsolet. Betrachter und Künstler werden zu Komplizen. Eine klar definierte Aussage, die der Betrachter gleich einem Kunden aus der Auslage nimmt, existiert nicht mehr. Im herkömmlichen Sinne gibt es kein Verstehen mehr. Nicht verstehen können, was bedeutet das? Für Roger M. Buergel, den nächsten Documenta-Leiter, ist genau das die Erfahrung von Schönheit. Er sagt: „Für mich ist sie [die Schönheit] die Erfahrung, an der Bewegung der Welt teilzuhaben. Und diese Erfahrung mache ich, wenn mir etwas begegnet, das ich nicht einfach einordnen und verstehen kann. Wenn mein konventionelles Herangehen an die Welt scheitert.“

Doch wenn sich ein Kunstwerk massiv vor uns aufbaut und keinen Eingang bietet, sind wir wohl eher frustriert als irritiert. Schön - in einem weiten Sinne - ist Kunst, wenn sie uns neue Räume eröffnet. Oder nein: Wenn wir uns selbst, angeregt und irritiert durch die Künstler solche Möglichkeitsräume erschließen.

Die Arbeiten von Christine Ermer, Kathrin Krüger und Maritta Weber eröffnen solche Möglichkeitsräume. Solche Räume werden nie ganz durchmessen, nie restlos begriffen, nie wirklich verstanden. Es bleibt immer ein Mehr, ein unsagbarer Überschuss. Jede Bedeutungsschicht verweist auf eine andere, die sich nicht ganz zeigt, die sich im Betrachten wieder entzieht und verbirgt: Hidden Layers - verborgene Schichten.

Behälter und Zeit

Mit Hilfe dieser beiden beobachtungsleitenden Begriffe will ich versuchen, verborgene, das heißt: mögliche Sinnschichten in den Arbeiten von Christine Ermer, Kathrin Krüger und Maritta Weber zu "entbergen". Ich will einen Weg andeuten, eine Möglichkeit ...

Schneewittchen lag in einem gläsernen Sarg. Damit wurde sie für einen Moment aus dem Fluß der Zeit herausgenommen. Einen Augenblick oder "etwas" behalten wollen, hat immer etwas handgreifliches. Wenn man sich an etwas erinnert, dann behält man es. Aber dieser Behälter ist immer auch ein Sarg. Behalten heißt nicht nur anhalten, sondern auch aus dem Zusammenhang herausnehmen, herausreißen.

Drei Arbeiten will ich so befragen: Kathrin Krüger lässt Stücke in Kunstharz ein, in gläserne Särge. Christine Ermer legt Fotos von menschlichen Innereien in Holzkisten (Bohrungskisten). Maritta Weber packt Enten in Datenbanken. Dinge werden aus ihrem lebensweltlichen Zusammenhang heraus genommen, festgehalten, festgestellt. Wir können sie behalten. Das ist ein Gewaltakt.

Doch nicht nur: "... Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!" Was macht also die Ambivalenz dieses Festhaltens aus? Die Arbeiten von Christine Ermer, Kathrin Krüger und Maritta Weber stellen diese Fragen und halten sie in der Schwebe. Jede auf ihre Weise.

Kathrin Krüger macht das Profane zum ästhetischen Objekt, in dem sie Alltagsgegenstände in Kunstharz festhält. Ein Stein, ein Keks, Sektkorken, ein Billet, eine Baumrinde ... Das Besondere wird im Allgemeinen aufgehoben. Und zwar in jener berühmten dreifachen Deutung des Begriffes "aufheben": Es wird bewahrt, aufgelöst und erhöht. Die Schichten, nein die Ge-schichten, die diese Gegenstände erzählt haben, werden verborgen und der Gegenstand verweist (jedoch nur scheinbar) nur noch auf sich selbst ...

Christine Ermer zeigt Bohrungskästen. Darin werden normalerweise die "Ergebnisse" von Bohrungen ins Erdinnere aufbewahrt. Sie hat sie ersetzt durch Fotos von menschlichen Innereien. Dazu lesen wir Texte, die auf ein Bild von 3,5 Millionen Jahre alten Fußspuren eines Erwachsenen und eine Kindes projiziert werden: "Lernen zu vergeben, Loslassen und akzeptieren ..." Welchen Sinn möchte ich dem geben? Mit der Installation stelle ich mir die Frage: Was ist der Mensch? Was ist unser Menschenbild? Sind wir ein "denkendes Ding", das man abschließend versteht, wenn man es "wissenschaftlich" aufbohrt, wie es die Hirnforscher zur Zeit zu versuchen scheinen. Oder ist der Mensch, etwas, das quasi aus seiner Natur heraus "wesenhaft" verborgene Schichten aufweist?

(Hier gibt es ein Bild einer Arbeit von Christine Ermer im Packhof)

Maritta Weber wandert zwischen den Welten und entdeckt, dass die eine nicht aufhört, wo die andere beginnt: "Die Fabrik hört nicht auf, wo ihr Ausgang ist." sagt Thomas Brasch. Aber auch der Park hört nicht auf, wo sein Ausgang ist: Maritta Weber sieht das eine im anderen. Diese beiden Welten sind keine klar getrennte, sich selbst enthaltende Behälter. Nein: sie überlagern sich. Wobei die je ausgeblendete Welt der "Hidden Layer" der sichtbaren wird. Man kann die eine Welt in der Begrifflichkeit der anderen erfassen. Die Tiefen des Lagersystems der Fabrik "offenbaren" in diesem neuen Zugriff ihre ästhetische Dimension. Und die Enten des Parks werden in klar definierte Felder einer elektronischen Datenbank gezwängt (Zellenhaltung).