Clara Zetkin 19221113 Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution

Clara Zetkin: Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution

(13./14. November 1922)

[Protokoll des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, Petrograd-Moskau vom 5. November bis 12. Dezember 1922. Hamburg 1923, 8. und 9. Sitzung, S. 231-260]

CLARA ZETKIN (Deutschland): Genossinnen und Genossen! Die russische Revolution steht vor uns, heute wie vor fünf Jahren, als das gewaltigste weItgeschichtliche Ereignis dieser Zeit. Kaum dass die Riesin sich kühn emporreckte und vorstürmte, und in dem Maße, wie sie den ebenso zähen wie leidenschaftlichen Kampf für ihre Existenz und ihre Fortentwicklung aufnahm, schieden sich in der Arbeiterklasse aller Länder schärfer denn je die Geister und die Wege. Hie Reform, hie Revolution! das war der Ruf, der auf die russische Revolution aus allen Ländern antwortete. Die sich darin kündende Situation gibt der russischen Revolution eine ganz bestimmte, weit reichende Bedeutung. In der Arbeiterklasse hatte sich etwa seit Mitte der neunziger Jahre eine geistige, politische Einstellung herausgebildet, die der ideologische Niederschlag des imperialistischen. Kapitalismus war und seiner Rückwirkung auf die Lage der Arbeiterklasse. Theoretisch bezeichneten wir sie als Revisionismus, praktisch als Opportunismus. Was machte ihr Wesen aus? Die Meinung, ich sage der Wahn, dass die Revolution überflüssig und vermeidbar geworden sei. Der Kapitalismus — so wurde von den Revisionisten, den heutigen Reformisten, behauptet — erzeugt aus sich selbst Organisationsformen, die die ihm immanenten wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche überwinden oder wenigsten soweit mildern, dass die Verelendungstheorie, die Krisentheorie, die Katastrophentheorie ihre Gültigkeit verloren haben. Nach der revisionistischen Auffassung schuf der Kapitalismus selbst nicht mehr die objektiven Faktoren einer notwendigen, einer unaufhaltsamen Revolution. Nach der gleichen Auffassung wurde auch der soziale Faktor der Revolution ausgeschaltet, der Wille den Arbeiterklasse zur Revolution. Demokratie und Sozialreform “höhlten allmählich” — so wurde erklärt — “den Kapitalismus aus. Die Gesellschaft wüchse aus dem Kapitalismus in den Sozialismus hinein.”

Diese Auffassung wunde zwar theoretisch auf den Parteitagen der Sozialdemokratie, der führenden Partei der 2. Internationale, abgelehnt. Sie wurde 1900 und 1904 auf den Internationalen Kongressen von Paris und Amsterdam verworfen, wenn auch auf dem zuerst genannten nicht mit der nötigen Klarheit und Schärfe. Allein in der Praxis der Parteien den 2. Internationale wurde sie mehr und mehr herrschend. Das zeigt sich bereits in der Einstellung der internationalen Kongresse in Stuttgart, Kopenhagen und Basel zur Frage des Imperialismus, des Militarismus und eines drohenden Weltkrieges.

Der Weltkrieg brach aus. Die Bourgeoisie der kriegführenden Länder philosophierte mit Maschinengewehren, mit Tanks, mit Unterseebooten, mit Tod und Verderben speienden Luftfahrzeugen. Schon bei Ausbruch des Weltkrieges war es klar, und es wurde in seinem Verlauf immer deutlicher, dass er nichts anderes bedeutete als die Krise der Krisen, dass er enden würde mit einer furchtbaren Katastrophe, der Katastrophe des Weltkapitalismus. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass, während die Entwicklung der Dinge die Krisen- und Katastrophentheorie bestätigte, der größte Teil der organisierten Arbeiterklasse der hoch entwickelten kapitalistischen Länder an der Theorie der Abkehr von der Revolution, an der Theorie des Reformismus festhielt. Das führte beim Kriegsausbruch zum schmachvollen Bankrott den 2. Internationale.

Die Lehre des Weltkrieges wurde vom Proletariat nicht durch den internationalen Zusammenschluss zur Generalabrechnung mit dem Kapitalismus beantwortet, sondern umgekehrt, durch den Zusammenschluss der Proletarier mit der Bourgeoisie ihrer so genannten Vaterländer. Und als am Ende des Weltkrieges der Kapitalismus seine Unfähigkeit bewies, die Katastrophe zu überwinden, als die Bourgeoisie ihre Unfähigkeit und ihren mangelnden Willen bekundete, die Welt aus dem geschaffenen Chaos wieder aufzubauen, da hielten die opportunistischen Arbeiterführer erst recht an ihrer Theorie des Reformismus fest. Sie erfanden eine neue Auslegung dafür: Nicht aus dem Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern nur aus seiner Wiederaufrichtung, aus seiner neuen Blüte könne der Sozialismus, der Kommunismus erstehen. Nicht durch den revolutionären Klassenkampf, nur durch das Zusammenwirken, durch die Harmonie, die Arbeitsgemeinschaft, durch die Koalition von Bourgeoisie und Proletariat könnten die Leiden und Übel des Krieges überwunden, könnte die Gesellschaft wieder aufgerichtet werden. Keine Revolution für den Aufbau der Gesellschaft auf kommunistischer Grundlage! Statt dessen: Zusammenschluss mit der Bourgeoisie zur Wiederherstellung des Kapitalismus. Dies die reformistische Losung.

Genossen und Genossinnen, in dieser stickigen Atmosphäre war die russische Revolution ein reinigendes Gewitter. Das russische Proletariat war das erste und ist leider bis heute das einzige geblieben, wenn wir von der Schaffung der kleinen Sowjet-Republiken absehen, die sich auf früher großrussischem Gebiet gebildet haben, das mit logischer Folgerichtigkeit die praktischen Schlussfolgerungen aus dem imperialistischen Kriege und aus dem Zusammenbruch des Kapitalismus gezogen hat.

Die russische Revolution hat mit der Tat die Liquidierung des Revisionismus, des Reformismus begonnen, jene Liquidierung, die die Weltrevolution selbst vornimmt. Die russische Revolution brachte unzweideutig, klar die Erkenntnis und den Willen proletarischer Massen zum Ausdruck, dem Kapitalismus ein für alle Mal ein Ende zu machen. Sie ist der erste gewaltige Akt der Weltrevolution, die das Weltgericht über den Kapitalismus ist.

Gewiss Genossen, die Menschewisten, die Sozialrevolutionäre und ihre Geschwister außerhalb Russlands vertreten die Theorie, die russische Revolution sei nichts als eine kleine nationale Angelegenheit und müsse sich in den Bahnen einer rein bürgerlichen Revolution halten. Die Rückkehr zur Februar-Märzrevolution müsse das Ziel sein. Nun ist es ganz sicher, dass in der russischen Revolution zum Ausdruck gekommen sind die gegebenen historischen Umstände, die auf russischem Boden zur Vernichtung des Zarismus und zu neuen politischen staatlichen Formen drängten. Aber vom ersten Tage ihres Daseins an hat sich auch gezeigt, dass die russische Revolution trotzdem keine kleine nationale Angelegenheit ist, vielmehr die große Sache des Weltproletariats; hat sich gezeigt, dass sie nicht eingezwängt werden kann in das enge Strombett einer bürgerlichen, bloß politischen Revolution, weil sie ein Teil ist des gewaltigen Geschehens der proletarischen Weltrevolution. In der russischen Revolution leben und weben nicht nur die revolutionären gesellschaftlichen Kräfte, die objektiven und subjektiven Tendenzen, die auf russischem Boden selbst entstanden sind. In der russischen Revolution sind wirksam die wirtschaftlichen, die sozialen, revolutionären Tendenzen und Kräfte des internationalen Kapitalismus, der bürgerlichen Gesellschaft der ganzen Welt. Das erweist sich schon äußerlich in der Tatsache, dass die Revolution ausbrach infolge jenes Weltkrieges, der kein zufälliges Ereignis war, sondern das zwangsläufige Ergebnis der Verknüpfung und Verschlingung weltwirtschaftlicher und weltpolitischer Verhältnisse unter der Herrschaft des Finanzkapitals, des imperialistischen Kapitalismus. In der russischen Revolution kommen zum Ausdruck alle jene ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse, die durch den imperialistischen Weltkapitalismus sowohl in Russland selbst als auch außerhalb Russlands geschaffen worden waren. In der russischen Revolution ist aber auch kristallisiert, zusammengeballt die geschichtliche Erkenntnis und der revolutionäre Wille des Proletariats aller Länder zur Revolution. Der internationale, revolutionäre Sozialismus mit den geistigen und sittlichen Kräften, die er weckte und schulte, ist lebendig, wirksam geworden in der russischen Revolution.

So ist die russische Revolution der große Beweis weltgeschichtlichen Maßes von dem Leben, der Stärke von der Unwiderstehlichkeit des sozialen Faktors der historischen Entwicklung, d. i. die Erkenntnis, der Wille, das Handeln und das Kämpfen proletarischen Massen, die den Kapitalismus niederzwingen und den Kommunismus verwirklichen wollen.

Es ist behauptet worden, der Beginn der proletarischen Revolution gerade in Russland sei zurückzuführen auf die Schwäche der russischen Bourgeoisie. Diese Schwäche habe es bewirkt, dass auf russischem Boden und nirgends sonst bis zum heutigen Tage die Weltrevolution sich rasselnd und reisig aufgerichtet habe. Das ist gewiss wahr, aber doch nur zu einem Teil. Genossen und Genossinnen, ich behaupte, dass noch entscheidender dafür gewesen ist als die Schwäche der russischen Bourgeoisie, die Stärke des revolutionären Denkens und des revolutionären Handelns der russischen Proletarier, die durch die bolschewistische Partei ideologisch geschult und emporgehoben, mit revolutionärem Geist erfüllt und organisatorisch als Macht zusammengeschlossen, bewusste Träger der Geschichte wurden. Für meine Auffassung spricht dieses: das russische Proletariat hätte beim Ausbruch der Revolution wohl die verhältnismäßig schwache russische Bourgeoisie überrumpeln und nieder rennen können. Aber der weitere Triumph der Revolution, ihr Fortbestehen während fünf Jahren, von denen jeder Tag ein Kampftag gegen die starke Weltbourgeoisie gewesen ist, dieser Triumph zeigt, dass für die russische Revolution eines stärker noch, entscheidender war als die Schwäche der russischen Bourgeoisie: die Stärke, die Leidenschaft, die zähe Ausdauer, kurz der entschlossene Wille zur russischen Revolution, der die Proletariermassen unter Führung der Bolschewiki beseelte.

Genossen und Genossinnen! Schon von Anfang an trat hervor, dass die Revolution in Russland weder nach ihrem wichtigsten sozialen Träger, dem Proletariat, noch nach ihrem Inhalt eine rein bürgerliche Revolution sein konnte. Es erschallte immer lauter die Forderung: Friede durch die Revolution; das Land den Bauern; Arbeiterkontrolle den Produktion und vor allem die Losung: Alle Macht den Sowjets, alle Macht den Räten! Diese Forderungen waren unvereinbar mit einer bürgerlichen Revolution. Gewiss, sie traten zunächst zurück, sie kamen während der Monate im Zeichen der Februar-Märzrevolution noch nicht voll zur Geltung. Allein sie wurden mit steigendem Nachdruck erhoben, gewannen an Boden, verwandelten sich aus propagandistischen Losungen in Kampfobjekte.

Die Bourgeoisie war in diese Revolution eingetreten, organisiert. In den Semstwos, in den Dumas verschiedener großer Städte, in vielen industriellen Vereinen und Verbänden usw., die während des Weltkrieges entstanden waren. Das russische Proletariat dagegen hatte keine revolutionären Kampfesorganisationen. Es schuf sie sich erst im Verlaufe der Revolution in Gestalt der Räte. Es ist kennzeichnend, dass die Räte zunächst nicht den Kampf auf revolutionärer Grundlage für revolutionäre Ziele und mit revolutionärer Entschiedenheit aufnahmen. In den Räten waren anfangs die Menschewisten und Sozialrevolutionäre maßgebend. Sie hielten im russischen Proletariat fest, was das Wesen des Reformismus, der freiwilligen Abdankung des Proletariats Vor der Macht den Bourgeoisie ausmacht. Nämlich den mangelnden Mut zur Verantwortung und das mangelnde Vertrauen in die eigene Kraft.

Es ist charakteristisch, dass die Konferenz von 82 Delegierten der Arbeiter- und Soldatenräte, die im April 1917 in Petrograd zusammen trat, eine Resolution fasste, in der es heißt, der Kampf zwischen Kapital und Arbeit müsse den Verhältnissen Rechnung tragen, die durch die noch nicht vollendete Revolution und durch die Kriegslage geschaffen seien. Die Formen des Kampfes müssten durch die Rücksicht darauf bestimmt wenden. Der Kleinmut des russischen Proletariats, ja sogar seiner gewerkschaftlich organisierten Elite fand seinen Ausdruck in der Beschlussfassung der Konferenz allrussischer Gewerkschaftsvertreter, die am 20. Juni des gleichen Jahres ebenfalls in Petrograd eröffnet wurde. Diese Konferenz erwies durch die zur Annahme gelangenden Forderungen bereits den steigenden Einfluss den bolschewistischen Partei, als der revolutionären Klassenpartei des Proletariats. Neben anderen radikalen Forderungen. wurde die der Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter erhoben. Aber — so wurde dann hinzugesetzt — das Proletariat könne nicht allein die Verantwortung für das Funktionieren der Staatsorgane zur Regelung der Wirtschaft übernehmen. Diese Aufgabe sei so schwierig, so kompliziert, dass alle produktiven Elemente, alle Bevölkerungsklassen zur Mitwirkung herangezogen werden müssten.

Diese Stellungnahme der organisierten Arbeiter steht durchaus im Zeichen den Koalitionspolitik des Proletariats mit den Bourgeoisie, wie sie von den kleinbürgerlichen, reformistischen, sozialistischen und sozialrevolutionären Parteien seit der Februar-Märzrevolution getrieben wurde. Sie war in Wahrheit und Tat Bourgeoispolitik, demokratisch bemäntelt, Ausdruck kapitalistischer Klassenherrschaft. Sie äußerte sich am drastischsten darin, dass sie an Stelle des Friedens die Junioffensive brachte, an Stelle der Befriedigung des Landhungers den Bauern die Niederkartätschung aufständischer Muschiks, an Stelle der Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter zur Gesundung der Wirtschaft den Verzicht auf jede Sozialreform und die Ausplünderung und Sabotage der Wirtschaft durch die Kapitalisten und namentlich durch die feindselige Ablehnung auch nur einer Konzession an die Forderung des Proletariats und der Bauern: Alle Macht den Räten.

Die Demokratie gab im Kampfe gegen das revolutionär vorstoßende Proletariat sehr bald ihre Prinzipien preis. Sie enthüllte sich mehr und mehr als die nackte Klassenherrschaft der Bourgeoisie, verschärft zur Diktatur der Bourgeoisie. Da die koalierten, sozialistischen Kleinbürger und Intellektuellen aus Rücksicht auf die Bourgeoisie und durch sie gebunden nicht wagten, über den Rahmen einen bürgerlichen, politischen Revolution hinauszugehen, so war das Ende, dass der Diktator schon im Monat September vor der Tür stand. Und hinter dem Diktator, ob nun ein Militär, ob ein Kerenski, ganz gleich, da lauerte die Wiederaufrichtung des Zarismus.

In diesem Augenblick griff das Proletariat unter Führung der bolschewistischen Partei entscheidend ein. Es jagte die Harmonienegierung der “reinen Demokratie” zum Teufel und übertrug alle Staatsgewalt den Räten der Arbeiter, der Bauern und Soldaten. Aus deren Vertretung wurde eine provisorische Regierung eingesetzt. In diesem entscheidenden historischen Augenblick bewies das Proletariat, dass es sein Misstrauen in die eigene Kraft verloren und den mangelnden Mut zur Verantwortlichkeit gewonnen hatte, eine alte Welt zu zertrümmern und eine neue Welt aufzubauen. Das russische Proletariat war das erste und ist bis heute das einzige, das damit aufgehört hat, ein Objekt der Geschichte zu sein, und das nunmehr zum Subjekt der Geschichte geworden ist, das nicht mehr Geschichte erduldet, sondern seinerseits selbständig Geschichte macht.

Die Machtergreifung durch das Proletariat, unter der Führung der Bolschewiki rückt für uns eine Lehre in den Vordergrund. Es ist das Recht und die Bedeutung des revolutionären Aufstands mit bewaffneter Hand, auch einer Minderheit. Aber diese Lehre der russischen Revolution grenzt sich nach rechts und nach links hin scharf ab. Sie zeigt, dass geschichtlich jene kleinliche Rechenmeisterei keine Berechtigung hat, die die Revolution zu einem glatten Additions- und Subtraktionsexempel machen will, jene Klugrederei, die den revolutionären Kampf, den Kampf um die Besitzergreifung der Staatsgewalt durch das Proletariat, nur unter einer Bedingung für “erlaubt” hält. Nämlich der, dass eine so große Mehrheit für diesen Kampf gesichert sei, dass der Sieg unter allen Umständen schon im Voraus verbürgt werde. Diese Auffassung erniedrigt die Revolution zu einem Versicherungsgeschäft auf bare und prompte Zahlung. Sie wurde durch die russische Revolution Lügen gestraft. Aber ebenso grenzt sich der entscheidende revolutionäre Aufstand des Proletariats in Petrograd und Moskau von aller romantischen Putschabenteuerei ab. Er war nicht die Aktion einer kühnen, kleinen Partei, die ohne festen Zusammenhang mit proletarischen Massen in der blauen Luft revolutionärer Schlagworte und Formeln operierte. Nein, die Aktion der Bolschewisten war die heldenhafte Tat einer als Partei organisierten Minderheit, die sich — auf breitester Front — den Zusammenhang mit den Massen gesichert hatte, in den proletarischen Massen verwurzelt war.

In der Geschichte erscheint die Eroberung der Macht für die Sowjets, in der die Bolschewiki führend vorangingen, als eine glänzende isolierte Tat, die wie mit einem einzigen Schlage geschah. So aber liegen die Dinge nicht. Der kühnen Tat waren Monate der eifrigsten, zähesten Agitations-,,Propaganda” und Organisationsarbeit durch die Bolschewiki unter den Massen vorangegangen. Es war dadurch dem Kampfe nicht nur die Unterstützung der breitesten Massen gesichert, sondern noch ein anderes. Die Kampfeslosungen der Bolschewiki wurden von den Massen verstanden, konnten Kampfesobjekte der Massen selbst werden. So war die Tat des Aufstandes keine revolutionäre Gymnastik einer wagemutigen Partei, sondern eine revolutionäre Tat breitester revolutionärer Massen. Aber das Entscheidende dabei ist das Wagnis. Die Antwort auf die Frage: Sieg oder Niederlage stand trotz aller Vorbereitung unten den Massen nicht im Voraus fest. Das Wagnis konnte, durfte nicht vermieden werden. Wer die Revolution, wer den Aufstand vertagen will, bis der Sieg gesichert Ist, der vertagt den Sieg bis zum St. Nimmerlein. Und letzten Endes lehnt er damit nicht nur den revolutionären Kampf ab, sondern verzichtet auf die Revolution selbst. Die revolutionäre Aktion einer Partei kann noch so klug, noch so sorgsam unter den proletarischen Massen vorbereitet sein, der Sieg ist ihr damit noch nicht verbürgt. Es heißt wagen, um zu gewinnen. Wenn die Bolschewiki, wenn die revolutionären Proletarier in der russischen Revolution im ersten kühnen Anlauf gewonnen hatten, so nur, weil sie den Mut hatten, zu wagen. Das ist eine Lehre der russischen Revolution, die die Proletarier aller Länder beherzigen müssten: Wägen, gewiss, aber im Hinblick auf das Wägen nicht auf das Wagen verzichten. Das Wägen darf nur Grundlage und Vorbereitung für das Wagen sein.

Genossen und Genossinnen! Sobald die russischen Arbeiter mit Unterstützung der russischen Bauern die Macht erobert hatten und daran gingen, in den Sowjetordnung ihre Diktatur aufzurichten, bewahrheitete sich eine andere geschichtliche Erkenntnis. Bereits im Jahre 1884 hat sie unser Altmeister Engels in einem Briefe vom 11. Dezember an Bebel ausgesprochen. Sie steht in schroffstem Widerspruch zu dem Gesinge und Gesage der Reformisten allen Länder, die Demokratie sei allein der Weg, der zur Befreiung des Proletariats führe. Diese Erkenntnis verträgt sich nicht mit den Politik bürgerlich-proletarischer Harmonieseeligkeit, nicht mit der Politik der Koalitionsregierungen. Engels wies darauf hin, dass am Tage der Krise und nach der Revolution das Proletariat keinen ärgeren, keinen erbitterteren Feind vor sich haben werde als die “reine Demokratie”. Ich will die betreffende Stelle vorlesen;

Die reine Demokratie kann im Moment der Revolution als letzter Rettungsanker erneute Bedeutung bekommen. So verstärkten die sog. feudal-bürokratischen Massen (1848, März bis September) die Liberalen, um die revolutionären Massen niederzuhalten. Jedenfalls ist unser einziger Gegner am Tage der Krise und am Tage nachher die um die reine Demokratie sich gruppierende Gesamtreaktion und das — glaube ich — darf nicht aus den Augen verloren werden.”

Genossen und Genossinnen! Es ist auffällig, dass die reformistischen Herren jeder Schattierung, die so beschäftigt sind, mit Engels- und Marxzitaten das Recht der russischen Revolution, das Recht der proletarischen Revolution zu bestreiten, dass jene Herren, die so geschäftig sind, in allen Zungen das Lob der Demokratie zu verkünden, gerade die angeführte Meinung Engels vergessen zu haben scheinen. Merkwürdig oder auch nicht. Die russische Revolution hat augenscheinlich bewiesen, wie Recht Engels hatte. Schon am Tage der Revolution und in der ersten Zeit nach Aufrichtung der Rätemacht trat als schärfster Feind der Klassenherrschaft des Proletariats die “reine Demokratie” hervor. Die “reine Demokratie”, die die russischen Proletarier seit der Februar-Märzrevolution am Werke gesehen hatten als Klassenherrschaft des Kapitals, als Diktatur den Bourgeoisie. Die Losung, mit der die “reine Demokratie” den Kampf gegen die Sowjetdemokratie, gegen die Arbeiterdemokratie aufnahm, war: die Konstituante und nicht die Sowjetmacht. Die “reine Demokratie” stellte der Sowjetmacht, legitimiert durch die Revolution, die Schöpfung der Revolution, ihr vornehmster Träger, die Forderung der Konstituante entgegen. Das berührt eigentümlich. Die “reine Demokratie” hatte gegen acht Monate Zeit gehabt, eine Konstituante wählen zu lassen und einzuberufen. Sie hatte das nicht getan, sie hatte darauf verzichtet, das zu verwirklichen, was sie als den reinsten Ausdruck des Volkswillens hinstellte. Warum? Die Konstituante hätte nicht zusammentreten können, ohne dass sich das Gespenst der proletarischen Revolution und das der Agrarrevolution drohend erhoben hätten. Das Gespenst der Agrarrevolution in Gestalt der Land- und Friedensforderung der Bauern. Das Gespenst der proletarischen Revolution in Gestalt der Losung: Frieden und Produktionskontrolle durch die Arbeiter. Und so war von der “reinen Demokratie” zuerst die Wahl der Konstituante, dann der Zusammentritt der Konstituante wieder und wieder verschleppt worden. Jetzt auf einmal, als Mittel zur Niederzwingung der Sowjetmacht, wurde die Forderung den Konstituante, das Kampfziel, das Sturmbanner der “reinen Demokratie”. Die Konstituante wurde als das Unantastbarste, als Heiligstes erklärt, dem allein die schöpferische Kraft eigene, eine rechtsgültige Staatsordnung zu schaffen.

Die Forderung der Konstituante ist nicht nur von den kleinbürgerlichen Sozialisten, von den Reformsozialisten im Bunde mit den bürgerlichen Parteien in allen Ländern erhoben worden. Sie hat einen Widerhall gefunden bis in unsere eigenen revolutionären Reihen. Ich erinnere daran, dass niemand Geringeres — als die geniale Theoretikerin des Kommunismus, Rosa Luxemburg, zu einer bestimmten Zeit die Forderung vertreten hat: Konstituante und Sowjets! Konstituante und Sowjets als Rückgrat den proletarischen Staatsmacht! Es ist kennzeichnend für die Bedeutung diesen Forderung, dass sie nicht lange zurück wieder aufgetaucht ist. Bei dem Kronstadter Aufstand wurde sie von einem Teil den Sozialrevolutionäre erhoben, von anderen schließlich zurückgewiesen, wurde sie erhoben sogar von dem Kadettenführen Miljukow. Konstituante und Sowjets, so hieß es. Aber die Sowjets natürlich “ohne Kommunisten”, was darauf hinausläuft: Körper ohne Seele, Inhalt ohne Kern, Wort ohne Tat.

Aber davon abgesehen. Wie lagen denn die Dinge nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat? Hat es eine Berechtigung, wenn oft genug heute noch in weiten Kreisen der Arbeiterklasse der Revolutionsregierung zum Vorwurf gemacht wird, dass sie die Konstituante auseinander jagte, als sie am 5. Januar zusammentrat? Prüfen wir die Tatsachen ganz nüchtern. Die Konstituante erklärte sofort bei ihrem Zusammentritt, dass sie nicht zur Mitarbeit mit den Sowjets kam, sondern als Feindin der Sowjets, dass sie die Berechtigung der Sowjetmacht leugnete und damit das Recht der Revolution selbst. Ihre sozialrevolutionäre, menschewistische und bürgerliche Mehrheit lehnte die geheischte Anerkennung den Sowjetmacht ab, wie die Anerkennung den von ihr eingesetzten provisorischen Regierung. Ja, sie lehnte es ab, darüber auch nur zu diskutieren. Die Bolschewiki in der Konstituante und mit ihnen die linken Sozialrevolutionäre beantworteten diese freche Kriegserklärung so, wie sie beantwortet werden musste. Sie verließen die Konstituante, und die Sowjetmacht erklärte diese für aufgelöst und trieb sie auseinander.

Soweit gehen auch viele Kritiker der russischen Revolution im Lager des europäischen und amerikanischen Proletariats mit der bolschewistischen Politik, die die Politik der russischen Revolution schlechthin ist. Die Sowjetmacht war berechtigt — so geben sie zu — die Konstituante auseinanderzujagen; denn sie war unter anderen Voraussetzungen gewählt worden und spiegelte keineswegs mehr die Meinung, den Willen den breiten schaffenden Volksmassen wider. Die seitdem stattgefundenen Sowjetwahlen hatten das klar und unwiderruflich gezeigt. Aber — so fügen sie hinzu — die Sowjetregierung hätte sofort Neuwahlen ausschreiben müssen. Gegen Ausschreibung von Neuwahlen, gegen die Einberufung einer neuen Konstituante sprachen jedoch nicht nur die Gründe technischer und äußerer Natur, die sofort für das Unterbleiben dieser Maßnahme geltend gemacht worden sind. Nämlich dass es bei der Zerrüttung des Verkehrswesen., bei dem losen Zusammenhang zwischen den zentralen Punkten des politischen Lebens und der Peripherie schwer sein würde, in kurzer Zeit Wahlen zustande zu bringen, die ein wirklich treues Spiegelbild des Volkswillen. gegeben hätten.

Nein, es sprachen dagegen geschichtliche, politische Gründe weit tieferen Art. Die Konstituante einberufen, die Entscheidung über die Staatsordnung und Staatsgewalt in ihre Hand legen, hieß in letzter Linie, die Sowjetmacht, die Sowjetordnung, die Revolution und ihr Recht leugnen. Und eine Konstituante neben Sowjets, welches konnte und sollte ihre Rolle sein? Sollte die Konstituante vielleicht nur als beratende Körperschaft funktionieren, und sollte die Entscheidung in den Händen der Sowjets liegen? Das wäre eine Lösung gewesen, mit der der “reinen Demokratie” durchaus nicht gedient war. Die “reine Demokratie” wollte nicht beraten und begutachten, sondern herrschen und regieren. Die Sowjetmacht aber konnte sich unmöglich zu einer beratenden Körperschaft degradieren lassen. Das russische Proletariat durfte die politische Macht nicht mit der Bourgeoisie teilen oder ihr gar zurückgeben, nachdem die Revolution diese Macht ganz in seine starke Faust gelegt hatte. Es wäre ein Dualismus der Macht entstanden, wenn Sowjets und Konstituante nebeneinander existiert hätten, ein Dualismus, der sehr bald zu einem Kampf um die Macht führen musste. Das Werk der Revolution wäre in Frage gestellt, bedroht worden. Die Konstituante neben den Sowjets wäre nichts weiter gewesen als ein Iegaler Mittelpunkt für die legal und illegal wühlende und hetzende Gegenrevolution. Deshalb keine Konstituante, alle Macht den Sowjets! Das musste die Losung der russischen Revolutionspolitik sein, wenn die politische Macht tatsächlich in den Händen des Proletariats bleiben sollte.

In Verbindung mit der Ablehnung der Konstituante hat eine andere Maßnahme der russischen Revolutionspolitik die Empörung der strengen Kritiker herausgefordert: Das Sowjetwahlrecht. Das Sowjetwahlrecht ist bekanntlich ein beschränktes Wahlrecht insofern, als alle Ausbeutenden von seinem Besitz ausgeschlossen sind. Ausbeutende können weder wählen noch gewählt werden. Davon abgesehen ist es allgemein für alle Arbeitenden über 18 Jahre. Diese Beschränkung war eine notwendige Maßregel zur politischen Expropriation der Bourgeoisie. Die Sowjetordnung legt die ganze politische Macht in die breiten schaffenden Massen. In Betrieb und Fabrik, im Dorfe wählen sie ihre Vertreter in die Sowjets. Da ist es ausgeschlossen, dass sie der Bourgeoisie durch das Recht, zu wählen und gewählt zu werden, einen Teil der politischen Macht zurückgibt.

Man hat gemeint, die Verweigerung dieses Rechts sei eine kleinliche Maßregel, durch die schaffende Kräfte entmutigt und zurückgeschreckt würden, freudig am Aufbau der neuen Ordnung mitzuwirken. Gewiss, die Zahl der Bourgeois, denen das Wahlrecht vorenthalten wird, ist nicht allzu groß. Aber groß war die soziale, die wirtschaftliche Macht, die sich zu Beginn der Revolution noch in den Händen der Bourgeoisie befand. Das Proletariat, das seine Macht aufrichten wollte, hatte wahrhaftig keinen Anlass, auch nur ein Jota politischer Macht und politischen Rechts an seine frühere Ausbeuter- und Herrenkaste zurückzugeben.

Dazu kommt noch ein anderes: die Wahlentrechtung sollte ein Zeichen sozialer Ächtung und Brandmarkung sein. Wer nicht arbeitet, sei es mit dem Kopf, sei es mit der Hand, wer Ausbeuter und Parasit in der Gesellschaft ist, der soll auch kein Recht besitzen, über den Ausbau der politischen und sozialen Zustände direkt oder indirekt mit zu entscheiden. Und noch ein Moment kommt in Betracht, warum das Sowjetwahlrecht der ausbeutenden Klasse nicht zusteht. Es ist die grundsätzliche Bedeutung, die dem Wahlrecht zukommt als politischem, rechtlichem Ausdruck des Charakters einer Gesellschaftsordnung. Die Art des Wahlrechts lässt erkennen die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft, der Macht und des Rechts der verschiedenen Klassen. Das von der Revolution geschaffene Wahlrecht der bürgerlichen Ordnung bedeutete ursprünglich nur eine Ausdehnung der politischen Rechte und der politischen Macht von den Trägern des alten feudalen unbeweglichen Eigentums auf die Träger des beweglichen kapitalistischen Eigentums. Deshalb war es an Vermögen, Einkommen, Steuerleistung und anderes gebunden. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes ist der Ausdruck der Tatsache, dass sich neben der besitzenden Klasse eine neue Klasse, die der Besitzlosen, emporzuringen beginnt. Im allgemeinen Wahlrecht wird neben dem Besitz auch die Arbeit, die soziale Leistung des einzelnen, als Grundlage politischer Macht und politischen Rechts gewertet. Aber die Sowjetregierung baut die Gesellschaft nicht auf auf der Teilung der Macht zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Arbeit und Besitz, sondern auf der Arbeit allein. Dem Charakter des Rätestaats als Arbeiterstaat, dem Wesen der neuen sozialen Ordnung entsprechend konnte das Wahlrecht nur ein Wahlrecht der Arbeitenden und nicht auch der Ausbeutenden sein.

Es genügte jedoch nicht, Genossen, dass die Sowjetrepublik als Macht, als Diktatur des Proletariats, in Paragraphen gefasst, auf dem Papier aufgerichtet wurde. Sie musste Leben, Tat werden. Das konnte nur im heißen Kampfe mit der Bourgeoisie, der Gegenrevolution geschehen. Fast vom ersten Tage ihrer Existenz an musste sie ihre Verteidigung aufnehmen. Nicht bloß gegen die russische Bourgeoisie, sondern auch gegen die Weltbourgeoisie, die sich sofort mit jener solidarisch fühlte. Sie musste kämpfen gegen die Konterrevolution im eigenen Lande, wie an allen Fronten. Die junge proletarische Macht musste geschützt werden gegen Feinde von außen und innen.

Das erste Wort der Sowjetmacht war ein Wort des Friedens. Ich sage: des Friedens, aber nicht im Sinne des Pazifismus, wie ich später nachweisen werde. Sowjetrussland schied aus dem Weltkriege aus, es demobilisierte, aber siehe die Antwort darauf. Die Heere des deutschen Imperialismus, in ihnen Sozialdemokraten, das Erfurter Programm im Tornister, stießen weiter gegen Petrograd vor. Sie hielten die Ukraine und andere Gebiete besetzt. Die Entente schickte sich an, die Sowjetmacht zu überfallen und leistete der Konterrevolution politischen, finanziellen und militärischen Beistand. Die Rote Armee musste geschaffen werden, sollte die Sowjetmacht erhalten bleiben. Es hieß Gewalt sammeln, organisieren, Gewalt ausüben, um Gewalt abzuwehren. Die eine Form der Gewalt zum Schutze des Arbeiterstaats war die Rote Armee, die seinen Bestand und seine Unabhängigkeit auf den Schlachtfeldern verteidigte. Die andere Form der Gewalt war die Diktatur des Proletariats, gesteigert bis zum Terror. Beide Formen der Gewalt waren harte, geschichtliche Notwendigkeit, unvermeidliche Notwehr, damit Sowjetrussland leben und sich aufbauend entwickeln konnte.

Infolge des Einflusses der reformistischen Führer gibt es noch immer breite Arbeitermassen, die die geschichtliche Notwendigkeit des revolutionären Verteidigungskriegs und das Wesen des Terrors nicht begreifen. Sie lassen die “Rote Armee” als Ausfluss eines angeblichen “Sowjetimperialismus” beschimpfen, sie entrüsten sich insbesondere über “die Barbarei” des Terrors. Aber sehen wir die Dinge wie sie sind. Der rote Terror in der russischen Revolution war die Antwort auf den weißen Terror der noch starke Machtmittel besitzenden Bourgeoisie. Die Bourgeoisie ging nicht nur daran, durch Verschwörungen, Aufstande usw. die politische Macht des Proletariats zertrümmern zu wollen, sie bot auch ihren ganzen Einfluss auf, um die Aufbauarbeit zur Erneuerung der Wirtschaft, des sozialen Lebens zunichte zu machen. Der rote Terror den Sowjets war nichts als nackte Notwehr. Die russische Revolution musste tun, was Marx in seiner tief schürfenden Abhandlung “Die Klassenkämpfe in Frankreich” als erste Pflicht jeden Revolution bezeichnet: sie musste “Feinde niederschlagen”. Es galt nicht nur die Feinde niederzuschlagen, die Diktatur des Proletariats, unter bestimmten Umständen verschärft zum Terror, hatte noch eine andere Aufgabe zu erfüllen: die Gegenrevolutionäre zu entmutigen, auch die letzten Hoffnungen in ihrer Seele auszurotten, als könnte es ihnen je gelingen, die verlorene Ausbeutungs- und Herrschaftsmacht wieder zurück zu erobern. Eine Revolution kann nicht befreiend durch das Land schreiten im Flügelkleid der Mädchenschule, nicht im weißen fleckenlosen Gewand, die Friedenspalme in den Händen. Sie muss kommen mit ehernen Sandalen an den Füssen, das Schwert reisig gegürtet, weil die Gegner das so wollen, das herausfordern. Die Härten der proletarischen Diktatur, ihre Terrormaßregeln, sind nicht frei gewählte Willenstaten der Revolution. Sie werden dieser vielmehr aufgezwungen durch die Gegenrevolution. Und sie haben einen großen Zweck. Ihr Wesen ist, durch Schlimmes noch Schlimmeres zu verhüten. Die Notwendigkeit der Abwehr begreift auch die Notwendigkeit des Vorbeugens in sich. Man jammert über die Hunderte, über die Tausende, die im Bürgerkrieg, die als Opfer des Terrors gefallen sind. Man rauft sich die Haare aus in Verzweiflung über die angebliche Erdrosselung der “Demokratie”, der bürgerlichen Freiheiten durch die Diktatur des Proletariats, durch den Terror. Aber niemand spricht von den Zehntausenden, die als Opfer der Gegenrevolution gefallen sind. Niemand gedenkt der weiteren Zehntausende, die sicher von dem gleichen Schicksal ereilt worden wären, wenn nicht revolutionäre Gewalt die Gewalt der Gegenrevolution gebrochen hätte. Niemand im Lager der Reformsozialisten gedenkt der Tatsache, dass ohne die Härten der Revolution Millionen und Abermillionen länger in der Barbarei der kapitalistischen Ausbeutung und Knechtschaft schmachten müssten, dem Verderben und Sterben preisgegeben.

Genossen, kann ich vielleicht eine Pause machen?

VORSITZENDER: Genossin Zetkin bittet, jetzt eine Pause eintreten zu lassen. (Lebhafte Zustimmung.) Dagegen erhebt sich kein Widerspruch. Das Präsidium schlägt vor, die Fortsetzung der heutiges. Tagesordnung auf morgen Vormittag 11 Uhr zu verlegen.

CLARA ZETKIN (mit Beifall begrüßt): Genossen und Genossinnen! Ich habe gestern meine Rede mit den Ausführung abgebrochen, dass die Sowjetmacht zu ihren Verteidigung und Erhaltung der Gewalt nicht entraten konnte. Nichts ist aber falschen als die Behauptung unserer reformistischen und bürgerlichen Gegner, die Sowjetmacht bestehe nur dank der Gewalt. Eine Staatsgewalt kann nicht lange auf Bajonetten sitzen. Das haben die 8 Monate der Koalitionsregierungen in Russland und namentlich die Monate der Kerenski-Regierung der Sozialrevolutionäre deutlich gezeigt. Das gilt ganz besonders für eine Zeit der Revolution, in der die Tage nach Monaten und die Jahre nach Jahrzehnten, manchmal sogar Jahrhunderten zu bemessen sind. Die Sowjetmacht musste sich ihre Existenzberechtigung durch ihre schaffende, durch ihre aktive Politik sichern. Als ein wichtiger Wesenszug tritt die Internationalität der Sowjetpolitik in den Vordergrund. Sie kam unzweideutig in der Stellung zur Kriegs- und Friedensfrage zum Ausdruck. Friede war der erste Ruf des Proletarierstaates. Die Friedensforderung hatte gewiss eine starke Wurzel in dem Elend, das der Krieg geschaffen hatte; unten seinem Druck forderten die bäuerlicher und proletarischen Massen den Frieden. Ihre andere, mindestens ebenso starke Wurzel war das Bewusstsein internationaler revolutionärer Solidarität der Arbeitenden, der Schaffenden der ganzen Welt.

Marx hat in den Klassenkämpfen in Frankreich geschrieben: In Frankreich ist die sozialistische Umwälzung proklamiert worden. Sie kann aber in Frankreich nicht gelöst werden, die sozialistische Umwälzung kann überhaupt innerhalb nationaler Wände nicht gelöst werden.1 Diese Überzeugung war vom ersten Tage eines der Leitmotive der Russischen Revolution, der bolschewistischen Revolutionspolitik. Zu den ersten Erlassen der Provisorischen Regierung gehörte ein Aufruf an die Regierungen und Völker für den Frieden. Er ließ klar hervortreten, dass er nicht von bürgerlich-pazifistischen Illusionen eingegeben war, sondern den Frieden als revolutionäre Tat der Proletarier, als Tor, als ersten Schritt zur Weltrevolution forderte. In diesem Aufruf wurde insbesondere den Arbeitern von Deutschland, Großbritannien und Frankreich nachgerühmt, dass sie der Menschheit bereits große und wertvolle Dienste geleistet hätten. Darum, so hieß es weiter, müssten sie auch jetzt ihre Pflicht zur Befreiung der Menschheit vom Kriegselend tun.

Der Ruf der Räterepublik — Frieden durch die proletarische Revolution — verhallte ungehört, obgleich sicherlich der Friede und die Revolution verhältnismäßig nie so billig und unter so vorteilhaften Umständen zu haben gewesen wären, wie in unmittelbarer Weiterführung der proletarischen Revolution Russlands. Ein Jahr der Verbrechen, der Gräuel, der Verwüstung von Menschenleben und Gütern wäre erspart geblieben. Und das Wichtigste: die breiten proletarischen Massen waren damals im Besitz der Waffen und konnten sie mit aller Wucht gegen die ausbeutende Klasse kehren. Es kam nicht zum Weltfrieden durch die Weltrevolution. Die Sowjetrepublik war zu dem Separatfrieden mit dem Zweibund, zu dem Frieden von Brest-Litowsk gezwungen. Dieser Friede verschärfte für den jungen proletarischen Staat die Schwierigkeiten der inneren Lage aufs äußerste. Er wurde von den Sozialrevolutionären, der festesten, energischsten organisierten Macht der Konterrevolution in Sowjetrussland, zu einer schamlosen Hetze gegen die Rätemacht ausgenutzt. Ihr wurde die Verantwortung für den militärischen Zusammenbruch aufgebürdet.

Aber wie lagen die Dinge in Wirklichkeit? Mit den Härten, den Demütigungen des Brest-Litowsker Friedens musste der junge Sowjetstaat büssen für das Verbrechen und die Torheit der Junioffensive der Kerenski-Regierung. Er musste zahlen für den Imperialismus der “reinen Demokratie”. Weiter behaupteten die Sozialrevolutionäre, die Gegenrevolutionäre — und sie nutzten das als einen besonderen Angriffspunkt gegen die Rätemacht aus —‚ durch den Brest-Litowsker Frieden habe der Sowjetstaat den deutschen, den hohenzollernschen Militarismus auf Kosten der ach so glänzend bewiesenen “Demokratie” und “Kultur” der Entente-Imperialisten gestärkt. Der deutsche Imperialismus ist jedoch von Brest-Litowsk ganz geraden Wegs nach Versailles und zum Versailler Frieden marschiert. Die Siegestollheit des deutschen Imperialismus entflammte und steigerte auf der anderen Seite den Siegerwillen bis zur Weißglühhitze. Die Spuren des Brest-Litowsker Friedensvertrages schreckten! Er bewirkte den Einsatz aller Machtmittel in den Krieg. Es kam zum Zusammenbruch des deutschen Militarismus, des deutschen Imperialismus.

Zu den Kräften aber, die den Zusammenbruch herbeigeführt haben, muss unstreitig die russische Revolution und ihr Beispiel als einer der stärksten moralischen und politischen Faktoren zur Zermürbung des Durchhaltewillens der deutschen und österreichischen Armee gerechnet werden. Als die deutschen Proletarier sich zu weigern begannen, noch länger auf den Schlachtfeldern für den Profit, die Ziele der deutschen Bourgeoisie zu verbluten, war das erste Wort, das die militärische Auflehnung stammelte: Soldatenräte! Und als der militärische Zusammenbruch zum politischen Umsturz wurde, als sich in Deutschland die Revolution erhob, war ihr erstes Wort: Arbeiter- und Bauernräte. Woher hatten die schaffenden Massen Deutschlands diese Formeln für ihre Empörung, ihren Freiheitsdrang genommen? Sie hatten sie von der russischen Revolution gelernt.

Leider blieb es bei dem Buchstabieren des revolutionären ABC. Das deutsche Proletariat hat damals noch nicht fließend revolutionär lesen gelernt. Es hatte nicht gelernt, was die russischen Arbeiter und Bauern, die “rückständigen” Analphabeten, in acht Monaten aus der bürgerlichen, der kapitalistischen Politik der Koalitionsregierungen gelernt hatten. Und es hat dies bis heute, nach vier Jahren, noch nicht gelernt. Die deutschen Arbeiter gaben die in den Räten konzentrierte politische Macht in die Hände der Bourgeoisie zurück. An die Stelle der Diktatur des Proletariats setzten sie die “Demokratie”, das heißt die Klassenherrschaft der Bourgeoisie. So blieb zunächst die Erwartung der russischen Revolutionsführen unerfüllt, dass die Weltrevolution rasch ihre Wogen weiterwälzen würde. Die Gegner haben die Bolschewiki belächelt und wohl auch gescholten ob ihren festen Überzeugung, dass die russische Revolution der Anfang der Weltrevolution sei, die sich im Sturmlauf weiterentwickeln würde.

Genossinnen und Genossen! Dieser Spott ist sehr leicht, und er ist nicht berechtigt. Die Führen der russischen Revolution haben klar die Richtung und das Ziel der ausgebrochenen Weltrevolution erkannt. Über das Tempo konnten sie sich täuschen. Warum? Ziel und Richtung der historischen Entwicklung lassen sich klar erkennen, klar fassen, in Perspektive aufzeichnen. Sie sind gegeben durch das Wirken der objektiven Kräfte in den Gesellschaft. Aber das Tempo hängt in höchstem Masse ab von den subjektiven Kräften des geschichtlichen Werdens, d. h. in diesem Falle von dem revolutionären Erkennen, Wollen und Handeln der proletarischen Massen. Bei der Bewertung dieses Faktors kommen so viele Imponderabilien in Betracht, dass sich nicht mit Sicherheit über das Tempo der Entwicklung der Weltrevolution prophezeien lässt. Aber was von den Klagmeiern der Weltgeschichte den Bolschewiki als Rechenfehler angekreidet wird, das ist zu einer den stärksten treibenden Kräfte für die durchhaltende, tragende Kraft der russischen Revolution geworden. Diesen Rechenfehler ist zehnmal, hundertmal fruchtbarer In seiner Auswirkung weit über die Grenzen Sowjetrusslands hinaus, als alle die neunmal gescheit sein sollenden Rezepte der überlegenen Rechenmeister. Der unerschütterlichen Überzeugung, dass die Weltrevolution weiter schreiten müsse, dass sie vollenden werde, was auf russischem Boden begonnen: gerade dieser Überzeugung verdankt das russische Proletariat jene Vertrauenskraft, jenen geradezu religiösen Glauben an die Weltrevolution, an die revolutionäre Solidarität der Proletarier aller Länder, die bis heute, nach fünf Jahren heißesten Kampfes, unerhörter Leiden die Massen Sowjetrusslands frisch, kampfbegeistert, arbeitsfreudig, kühn und entschlossen erhalten hat.

Von der Friedenspolitik den russischen Revolution zu ihrer Wirtschaftspolitik! Die Wirtschaftspolitik sollte die feste, tragende Kraft des revolutionären Proletariats schaffen. Sie sollte die Gesellschaft umwälzen. Von Anfang an hatte die Revolution ihren proletarischen Charakter herausgekehrt. Ihre Wirtschaftspolitik musste in der Richtung auf das kommunistische Endziel eingestellt sein. Wenn die politische Sowjetmacht die Aufgabe hatte, den Kommunismus zu verwirklichen, so musste sie das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufheben. Und nicht genug damit. Sie musste die gesamte Gesellschaftswirtschaft neu, planmäßig, in kommunistischem Sinne organisieren. Das war eine gewaltige Aufgabe, bei deren Lösung die Tragik der russischen Revolution in Erscheinung tritt. Diese Tragik besteht in dem Widerspruch zwischen dem klarsten, dem leidenschaftlichsten Willen, den Kommunismus womöglich sofort aufzubauen, vollkommen zu verwirklichen, und der Schwäche der Rückständigkeit der gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Umstände, unter denen dieser Wille sich betätigt.

Wenn wir die Wirtschaftspolitik der russischen Revolution verstehen wollen, so müssen wir uns klar sein über die sozialen Kräfte, die für die Durchführung der kommunistischen Umwälzung dem Proletarierstaat zur Verfügung stehen. Welches sind die Kräfte, auf die sich die russische Revolution bei der Umwälzung stützen kann?

Der Marxismus geht im Gegensatz zu dem Utopismus davon aus, dass die Grundlage der sozialen Revolution durch die höchstmögliche wirtschaftstechnische Entwicklung gegeben ist, die die Produktivkräfte riesig entfaltet, die vollkommensten Arbeitsmittel und Arbeitsverfahren wie Organisationsformen und Organisationsmethoden schafft und auf der anderen Seite ein Proletariat, das die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung ausmacht, ein. Proletariat der Hand- und Kopfarbeit, das fähig ist, die wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben der Umwälzung zum Kommunismus und der Aufrichtung des Kommunismus zu erfüllen.

Wie steht es in dieser Beziehung in Sowjetrussland? Der Sowjetstaat gleicht seiner wirtschaftlichen und sozialen Struktur nach einer Pyramide, die durch die Revolution auf die Spitze gestellt worden ist. Unten als tragende Basis eine junge, rückständige, verhältnismäßig noch wenig entwickelte moderne mechanische Großindustrie, ein junges, verhältnismäßig wenig zahlreiches Proletariat, jung auch noch an Schulung, an Fähigkeit, den Produktionsapparat zu handhaben, zu verwalten, zu leiten, zu höchster Produktivität auszunutzen, verhältnismäßig auch noch unerfahren in der Verwaltung und Leitung der öffentlichen, der staatlichen Geschäfte. Über dieser schmalen, engen Grundlage lagern die ungeheuren Massive einer kleinbäuerlichen Wirtschaft, einer kleinbäuerlichen Bevölkerung; einer kleinbäuerlichen Wirtschaft, in deren Betriebsweise auch noch die rückständigsten Formen vertreten sind, “rückwärts”, wie Rosa Luxemburg sich ausdrückte, “bis zu den Zeiten der Pharaonen”. Selbstredend auch die entsprechende Mentalität.

Genossen und Genossinnen, wenn wir diesen Stand der Dinge festhalten, müssen wir eines sagen: Es ist das geschichtliche Wunder der Wunder, dass diese umgestellte Pyramide bis heute steht, obwohl fünf Jahre hindurch alle Mächte und Stürme der Gegenrevolution an ihr gerüttelt haben. Aber auf die Dauer ist solch ein Zustand unhaltbar. Auch die größte Balancierkunst würde nicht vermeiden können, dass schließlich die Pyramide stürzt, oder dass die großen massiven Quadern oben die schmale, dünne Grundlage unten zusammendrücken. Anders nur, wenn sich die schmale Grundlage der modernen Industrie, des modernen Proletariats verbreiterte empor wüchse, so umfangreich und fest würde, dass sie gegen allen Druck von oben her standzuhalten vermöchte Oder aber, wenn die schmale Basis unten von außen her, durch die Revolution Stützen bekäme, indem sie auch jenseits des russischen Sowjetstaates Räterepubliken schaffte, wenn das Proletariat neuer Sowjetstaaten mit höchster wirtschaftlicher Entwicklung und höchster Kultur, wie man in der bürgerlichen Gesellschaft sagt, imstande wäre, in brüderlichen Solidarität die Entwicklung der schmalen Grundlage Sowjetrusslands rasch zu breitem und zu befestigen und dadurch die Umwälzung zum Kommunismus zu beschleunigen Das ist nicht geschehen, keine solchen Sowjetstaaten sind entstanden. Und die Folge davon war, dass die russische Revolution, dass ihre Schöpfung, der russische proletarische Staat, zu einem modus vivendi kommen musste mit den Bauernschaft, zu einem modus vivendi mit den ausländischen und russischen Kapitalisten. Dieser modus vivendi ist die neue ökonomische Politik. Bei ihrer Bewertung dürfen wir nie die gegebenen spezifisch russischen Verhältnisse vergessen. Wir dürfen nicht danach urteilen, ob ergriffene Maßnahmen irgend einem in der Studierstube ausgedachten sehr vollkommenen Plane zur sozialen Umwälzung entsprechen. Kriterium ist, ob sie, gemessen an den nicht frei gewählten, sondern vorgefundenen Umständen, Schritte bedeuten, die die Entwicklung in der Richtung zum Kommunismus vorwärts führen, ob die Maßnahmen auf den Kommunismus als Ziel gerichtet sind.

Unter diesem Gesichtswinkel muss vor allein die bolschewistische Agrarpolitik betrachtet werden, die in den Reihen der Reformisten und Bürgerlichen, aber auch unter den Kommunisten schärfste Kritik erfahren hat. Ich muss bei dieser Agrarpolitik etwas verweilen. Ihr Verständnis in den großen Linien — auf Einzelheiten können wir natürlich hier nicht eingehen — ist zum Verständnis der russischen Revolution durchaus notwendig. Es ist ferner auch außerordentlich wichtig für die Lösung der Aufgaben, die das Weltproletariat nach Eroberung der politischen Macht wohl in allen Ländern, wenn auch unter anderen Umständen als in Sowjetrussland, zu erfüllen haben wird. In ihrer Weise sind jene menschewistischen Beckmesser logische Denker, die die russische Revolution wegen ihrer Agrarpolitik überhaupt verwerfen. Ob sie sich mit Recht marxistische Denker nennen, das steht freilich auf einem anderen Blatte.

Man muss sich bei Bewertung der bolschewistischen Agrarpolitik an dieses erinnern: der Kapitalismus ist trotz der Fülle seiner Machtmittel ohnmächtig gewesen, im Lauf langen Zeiten den kleinbäuerlichen Betrieb zu überwinden und durch höhere Betriebsformen zu ersetzen. Gewiss, der Kapitalismus hat die Kleinbauernschaft weiter Gebiete und ganzer Länder proletarisiert Aber die kleinbäuerliche Betriebsform ist trotz alledem bestehen geblieben. Wir brauchen dabei nicht zu denken an die Balkanländer die noch einen überwiegend kleinbäuerlichen Charakter tragen. Wir brauchen dabei nicht zu denken an die kleinbäuerlichen Massen in Italien und Frankreich Auch in dem industriell hoch entwickelten Deutschland gibt es noch eine starke Kleinbauernschaft Sogar in den Vereinigten Staaten sind zahlreiche kleinbäuerliche Betriebe vorhanden, die Kleinfarmen dort allerdings nicht gemessen an dem Maßstab europäischer Wirtschaft, sondern an dem der amerikanischen.

Wie kann man da erwarten, dass die russische Revolution, dass die bolschewistische Agrarpolitik im Handumdrehen mit dem kleinbäuerlichen Betrieb fertig werden könnte! Bei der Stärke der kleinbäuerlichen Bevölkerung war gegeben, dass die Revolution in Russland nicht möglich war ohne eine Agrarpolitik, die die bäuerlichen Massen befriedigte. 80 Prozent der Bevölkerung Russlands sind Kleinbauern, davon sollen neun Zehntel werktätige Bauern sein. Die Revolution, die Besitzergreifung der politischen Macht durch das Proletariat gegen den Willen dieser Massen wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Ich gehe weiter. Auch eine Revolution ohne die Unterstützung dieser Massen war nicht möglich. Wer die proletarische Revolution in Russland wollte, der musste auch den harten und saueren Brocken der bolschewistischen Agrarpolitik schlucken. Entweder — Oder. Daran war nichts zu ändern.

Die bolschewistische Agrarpolitik setzte damit ein, dass eines der ersten Dekrete der Provisorischen Regierung das Privateigentum an Grund und Boden abschaffte. Das Ausnutzungsrecht wurde individuell allen Personen zugesprochen, ohne Unterschied des Geschlechts, wenn sie den Boden selbst bebauen. Es kam eine Zeit, in der der Großgrundbesitz von den Muschiks zerstückelt und wild, anarchisch aufgeteilt wurde; auch das Inventar an Maschinen, Geräten, Vieh usw. der großen Gutshöfe wurde verteilt. Es folgte dann eine Periode des Versuchs, die Bodenverteilung nach festen Regeln zu gestalten, die Zerstückelung von Großgrundbesitz zu vermeiden und die kleinbäuerliche Wirtschaft planmäßig in die allgemeine Volkswirtschaft einzugliedern. Das musste geschehen in den Zeiten des “Kriegskommunismus” mit seinen “Eintreibungskommissionen”, seinen “Requisitionen”. Der Landhunger hatte die bäuerlichen Massen revolutionär gemacht. Seine Stillung erhob sie zu starken Stützen der Sowjetmacht.

Es geschah nicht, was Rosa Luxemburg als Folge dieser Art der Agrarumwälzung befürchtet hatte: der russische Muschik verfiel nicht dem politischen Stumpfsinn. Er bestellte nicht sein Stückchen Land, um dann auf den Ofen zu kriechen. Nein, der gestillte Landhunger machte ihn zum heldenhaften Verteidiger dem Sowjetrepublik. In der Sowjetmacht verteidigte er seine Scholle gegen die Rückkehr der Grundherren. Aber es geschah auch nicht, was von den Führern der russischen Revolution erhofft worden war. Die Bodenverteilung verschärfte nicht den Klassengegensatz auf dem Lande und trieb nicht die armen bäuerlichen Massen an die Seite des industriellen Proletariats, um mit ihm zusammen den Klassengegensatz zwischen Arbeiter und Kapitalist zu überwinden. Es entstand eine breite Schicht Mittelbauern, die sehr bald mit ihren Interessen in Gegensatz und Konflikt zu dem Kriegskommunismus gerieten. Diese Mittelbauern hielten das nährende Brot und das tötende Gewehr, und so erzwangen sie die Maßnahmen der neuen Politik, die gekennzeichnet ist durch die Einführung von Naturalsteuern an Stelle der Zwangsablieferung des ganzen landwirtschaftlichen Ertrages, die Ernährungsration abgezogen. Sie erzwangen den freien Handel und in Verbindung damit die anderen bekannten ökonomischen Neuerungen.

Genossen und Genossinnen! Es ist gegen die bolschewistische Agrarpolitik eingewandt worden, dass sie nicht kommunistisch sei und abseits führe vom Kommunismus, im Gegensatz stehe zu den Aufgabe des Sowjetstaates, die kommunistische Umwälzung vorzubereiten und durchzuführen, Schlimmeres noch: dass sie sogar den Weg zu dieser Umwälzung verrammele. Wie steht es damit? War es überhaupt möglich, dies ist die erste Frage, dass eine Agrarrevolution durchgeführt werden konnte, der zufolge der Großgrundbesitz erhalten blieb, weitere Großhöfe geschaffen und in modernsten großwirtschaftlichen Betrieb genommen werden konnten? Die das behaupten, reden aus der blauen Luft.

Sowjetrusslands Agrarwirtschaft erhält ihr Gepräge nicht durch eine moderne Großwirtschaft, sondern durch den kleinbäuerlichen Betrieb. Großwirtschaft in nennenswertem Umfange war bei Ausbruch der Revolution nur vorhanden in Polen, in den Ostseeländern und in manchen Teilen der Ukraine. Was besagt das für die Lösung der Agrarfrage, wie sie die alten sozialistischen Rezepte vorsehen? Es war nicht den landwirtschaftliche Produktionsapparat vorhanden, der erlaubt hätte, in dieser Richtung vorwärts zu dringen, Großbetriebe zu schaffen. Und weiter. Es fehlte auch an einem eigentlichen modernen Landproletariat, das imstande gewesen wäre, einen solchen Produktionsapparat zu handhaben, zu verwalten, zu leiten. Es ist charakteristisch, dass wir in Russland fortwährend von der “Dorfarmut” hören, aber nicht von einem bäuerlichen, von einem landwirtschaftlichen Proletariat. Ein solches im eigentlichen Sinne des Wortes existiert nicht. Der Großgrundbesitz, der vorhanden war, wurde von den Gutsherren noch nach dem alten feudalen Schema bewirtschaftet und nicht nach den Methoden und mit den Mitteln des modernen Kapitalismus, wie das nur ganz vereinzelt liberalisierende Adelige taten.

So war es ausgeschlossen, dass die Agrarpolitik der russischen Revolution mit der Schaffung von landwirtschaftlichen Großbetrieben einsetzte. Wie die Dinge lagen — dazu noch die anfänglich schwache Zentralgewalt in Betracht gezogen —‚ musste die Durchführung der Agrarreform zuerst im buchstäblichen Sinne das Werk der bäuerlichen Massen selbst und chaotisch sein, sie musste in der Weise erfolgen, wie das geschehen ist.

Ist es wahr, dass auf der Grundlage der bolschewistischen Agrarpolitik unbedingt unübersteigbare Hindernisse für die Entwicklung der Landwirtschaft in der Richtung zum Kommunismus geschaffen worden sind? Ich bestreite das. Gewiss, die “altererbte Besitzerpsychologie”, von den bei der Kritik der agrarischen Revolutionsmaßnahmen so viel gesprochen wird, ist in der Kleinbauernschaft Sowjetrusslands noch mächtig. Sie ist zunächst bei vielen gestärkt, sie ist unzweifelhaft befestigt worden. Ob aber für die Dauer, das ist eine andere Frage. Für die Opposition, ja Rebellion der Muschiks gegen die Maßregeln des Kriegskommunismus ist sicherlich ein anderer Umstand maßgebend gewesen als allein eine angeblich angeborene unwiderstehlich hervorbrechende kleinbürgerlich-bäuerliche Mentalität.

Der Landhunger hatte die Bauern zu Anhängern und Verteidigern des Sowjetstaates gemacht. Der gewerbliche Warenhunger trieb sie vom Kommunismus zurück, ließ sie sich auf dem Gebiet der Wirtschaft kapitalistisch gegenrevolutionär einstellen. Wie denn lernten sie den Kommunismus kennen? Nicht als ausgleichende Solidarität zwischen Stadt und Land, zwischen Industrieproletariat und Kleinbauernschaft, nein, als “Kriegskommunismus”, der von den Bauern alles nahm, ohne dafür das Notwendige, das Unentbehrliche an gewerblichen Erzeugnissen für Betriebsführung und Lebenshaltung zu geben. Deshalb dürfen wir erwarten, dass, wenn die Industrie emporblüht, die sowjetische Wirtschaftspolitik auf keine unüberwindliche antikommunistische Gesinnung den Muschiks stoßen wird.

Wir dürfen bei der Bewertung der kleinbäuerlichen Psychologie verschiedene andere Umstände nicht vergessen. In den russischen Kleinbauernschaft sind alte Traditionen, gefühlsmäßige Traditionen des urwüchsigen Dorfkommunismus nicht ganz gestorben. Sie werden erhalten und gekräftigt durch eine primitive religiöse Einstellung, die alles Eigentum letzten Endes als von Gott, als Gotteseigentum betrachtet. Sie sind genährt worden durch die Propaganda der Tolstoianer, der Sozialrevolutionäre, der Narodniki und manchen religiösen Sekten usw. Und diese Ansätze kommunistischer Einstellung werden planmäßig gepflegt und gefördert durch die Maßnahmen des proletarischen Staates.

Zunächst: trotz aller neuen Politik ist den Grund und Boden nicht Privateigentum der Bauern geworden. Er ist das Eigentum des Proletarierstaates geblieben. Der Muschik erhält ihn zur Nutznießung, er kann ihn aber weder verkaufen noch vererben. Die Ausbeutung von Lohnarbeit ist verboten. Außerdem ist die kleinbäuerliche Wirtschaft den allgemeinen Volkswirtschaft eingegliedert worden. Nicht bloß durch die Naturalsteuer, vielmehr auch durch eine ganze Reihe von Bestimmungen, Einrichtungen, Vorschriften über die Bewirtschaftung und Ausnutzung des Grund und Bodens. Schließlich geht die Sowjetmacht sehr bewusst und planmäßig darauf aus, die Entwicklung der Landwirtschaft in die Bahnen des genossenschaftlichen Betriebs zu lenken. Das geschieht zum Teil auch aus eigener Initiative der Bauern unter dem Druck der Not. Misswachs und Hungersnot des letzten Jahres haben dazu geführt, dass die Neigung der Muschiks, Artels zu gründen, Genossenschaften, Zweckverbände, gefördert worden ist. Nachbarschaftsverbände, Verwandtschaftsverbände usw. sind entstanden zur gemeinsamen Anschaffung und Benutzung von Maschinen, Pferden usw. Dazu kommt das Bestreben der Sowjetmacht, soviel als möglich große Sowjetgüter zu schaffen, das Entstehen und Emporkommen von Genossenschaftsgütern und genossenschaftlichen Landwirtschaftsbetrieben zu fördern. Gewiss, die Sowjetgüter und Genossenschaftsbetriebe, die zu modernen landwirtschaftlichen Großbetrieben ausgestaltet sind, gleichen noch Inselchen im ungeheuren Ozean der Kleinbauernwirtschaften deren Zahl auf 12 Millionen geschätzt wird, Aber sie können eine bedeutende Rolle als betriebstechnische und soziale Musteranstalten spielen, und es ist erwiesen, dass sie das bereits in reichem Masse tun.

Dazu müssen wir noch eins berücksichtigen. Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, die russische Agrarumwälzung im Lichte der französischen Bauernemanzipation zu betrachten, soviel Analogien zwischen diesen beiden gewaltigen Ereignissen auch in äußerer Beziehung bestehen. Wir dürfen nicht vergessen, dass .die französische Bauernemanzipation stattgefunden hat, verkettet mit einer bürgerlichen Revolution, deren Wesen durch die Worte charakterisiert wurde: Eigentum und Individualismus. Die russische Agrarumwälzung dagegen ist einen proletarischen Revolution eingegliedert, deren Leitmotive sind: Arbeit und Solidarität. Das schafft eine ganz andere soziale Atmosphäre für die Entwicklung der kleinbäuerlichen Einstellung, als zur Zeit der französischen Revolution.

Von allem wird den russische Kleinbauer aus der Erfahrung lernen, dass seine Lage auf Gedeih und Verderb mit der Entwicklung der Industrie und mit dem Aufsteigen des Proletariats zu höheren Formen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens verbunden ist. Er kann seinen Betrieb nicht rationeller gestalten, wenn er dabei nicht durch eine aufblühende moderne Industrie und durch die Leistungen der Proletarier für eine solche unterstützt wird. In diesem Zusammenhange sage ich, das beste Agrarprogramm und die wirksamste Agrarreform, die die russische Sowjetmacht ins Auge gefasst hat und durchzuführen bemüht ist, das ist die Elektrifizierung den russischen Wirtschaft. Sie schafft eine Solidarität zwischen Stadt und Land, eine Verbindung der wirtschaftlichen und kulturellen Interessen von Industrieproletariern und Kleinbauern, wie sie stärker und fester nicht gedacht werden kann.

So komme ich zu diesem Schluss: Wenn auch die bolschewistische Agrarreform selbstverständlich die Agrarfrage nicht von heute auf morgen durch die Verwirklichung des vollen Kommunismus zu lösen vermag, so hat sie doch keineswegs die Entwicklung von der Richtung und dem Ziele der kommunistischen Gesellschaft abgelenkt. Im Gegenteil! Sie hat Neuerungen auf Neuerungen geschaffen, die wirtschaftlich, sozial, kulturell die Kleinbauernschaft auf den Weg zum Kommunismus führen und auf diesem Wege festhalten werden. Denn auch ihre Psychologie kleiner Besitzen wird sich mit umgewälzten Arbeits- und Lebensbedingungen wandeln.

Die kleinbürgerlichen Reformsozialisten betrachten die Agrarpolitik den russischen Kommunistischen Partei gleichsam als den Sündenfall im Paradies der Revolution. Mit ihr kam nach ihrer Ansicht die kapitalistische Erbsünde in die bolschewistische Welt, die Erbsünde, die sich auswirken musste in dem Wiederaufleben des Kapitalismus schlechthin. Diese Einstellung ist meines Dafürhaltens grundfalsch. Sowjetrussland hätte auch ohne die bolschewistische Agrarpolitik zwangläufig zu einem modus vivendi mit dem Kapitalismus kommen müssen, wenn es konsequent den Weg zum Kommunismus gehen will. Die führende Partei der russischen Revolution hat von Anfang an bei ihrer Wirtschaftspolitik über dem Endziel, dem Kommunismus, nicht vergessen, nach dem Weg zu fragen, der zum Kommunismus führt. Sie prüfte und wog realpolitisch die konkreten Umstände, unter denen dieser in Russland verwirklicht wenden muss. Die Bolschewiki steckten deshalb ihrer Wirtschaftspolitik begrenzte Augenblicksziele, Gegenwartsziele, die jedoch unverwandt auf den Kommunismus gerichtet waren. Lenin hat sie im April 1917 zusammengefasst. Was stellte er als nächste wirtschaftliche Aufgaben nach der Machteroberung hin? Die Sozialisierung der Großindustrie, des Transportwesens, der Banken, die staatliche Monopolisierung des Außenhandels und die Kontrolle der Produktion durch die Arbeiten. Auch die ersten Dekrete der Provisorischen Regierung sind nicht erheblich über diese Forderungen hinausgegangen. Erst nach und nach wurden weitere Maßregeln ergriffen zur Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, an den Gütern usw.

Die proletarische Revolution zwang in dieser Richtung vorwärts, zwang dazu, hinauszugehen über die Aprillosung: Produktionskontrolle durch die Arbeiter usw. Warum? Ein großer Teil der Unternehmer beantwortete die Maßregeln der Sowjetmacht mit der Sabotage oder damit, dass sie ihre Betriebe schlossen und davonliefen. Es blieb den Arbeitern nichts anderes übrig, als diese Betriebe in Verwaltung zu nehmen, sie zu besetzen, wenn sie nicht stillgelegt werden sollten und die Wirtschaft ganz zerrüttet werden sollte. Dazu trat ein anderer Grund: Sowjetrussland musste die Rote Armee ausrüsten und unterhalten, ausrüsten im Ringen mit Heeren, die durch die fortgeschrittenste Rüstungsindustrie der ganzen Welt ausgestattet und erhalten wurden. Das konnte nicht geschehen, wenn man sich auf die anfänglichen, verhältnismäßig bescheidenen wirtschaftlichen Maßregeln beschränkt hätte. Es erforderte die Besitzergreifung und Ausnutzung aller vorhandenen Produktionsmittel und Werte, die Nutzbarmachung aller Produktivkräfte. Außerdem: Die Bourgeoisie war zwar von ihrer politischen Macht expropriiert, aber sie war noch im Besitze reicher sozialer Hilfsquellen, die sie rücksichtslos gegen den Arbeiterstaat einsetzte. Man musste die Bourgeoisie an der Wurzel ihrer Macht treffen, und das war das Eigentum. Es geschah durch die Nationalisierung aller vorhandenen Produktionsmittel und Güter. Schließlich aber sprach noch eine andere Erwägung mit. Sowjetrusslands Verteidigung wider den Ansturm den Gegenrevolution legte den breitesten Massen die ungeheuersten, nie dagewesenen Opfer und Entbehrungen auf. Die Massen ertrugen sie mit Freudigkeit, weil ein gewisser — wie soll ich mich ausdrücken — grobschlächtiger primitiver Kommunismus des Verbrauchs geschaffen wunde. So wurde die russische Revolution wirtschaftlich weit über die anfänglich gesteckten Ziele vorwärts getrieben.

Wenn man nun jammert, die Revolution sei geschlagen, sie befinde sich auf der Flucht, so ist das nicht wahr. Die russische Revolution hat sich in guter Ordnung zurückgezogen auf ihre anfänglichen Positionen, und sie hat sogar mehr Höhen und Festungen gehalten, als sie ursprünglich besetzen wollte und besetzt hatte. Gewiss! Der Kapitalismus kommt wieder, dessen Macht gebrochen wurde, der von Sowjetrusslands revolutions-heiligem Boden für immer verbannt schien. Er kehrt wieder nicht nur in Gestalt des Kleinbauern, sondern auch in Gestalt des Pächters, des Konzessionärs. Es liegt auf der Hand, dass diese Herren sich an der russischen Wirtschaft nicht beteiligen um des erhebenden Gefühls willen, diese aufzubauen, zu heben und dadurch der Kultur zu dienen. Sie verfolgen einen “realeren” Zweck: Profit zu machen, möglichst reichen Profit. Aber, Genossen, der Kapitalist kehrt nach Sowjetrussland zurück, nicht mehr als absoluter Herr im Hause des eigenen Betriebs. Und warum nicht? Weil er nicht mehr Herr ist im Hause des Staates. Die Profitsucht der Konzessionäre, der Pächter wird gezügelt durch die Gesetze des Arbeiterstaates, durch die Durchführung dieser Gesetze mit den Mitteln der Sowjetgewalt.

Sicherlich: Auf dem Boden den neuen Wirtschaftspolitik wird der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit in aller Härte und Schärfe hervorbrechen. Aber der Sowjetstaat betätigt sich als vom Proletariat beauftragten Verwalter aller Produktionskräfte, aller Naturreichtümer, aller menschlichen Arbeitskräfte. Die Interessen des Proletariats sind ihm oberstes Gesetz. Durch gesetzliche Vorschriften und Bedingungen macht er es den Kapitalisten des In- und Auslandes unmöglich, Raubbau mit den Naturschätzen zu treiben. Ebenso verwehrt er erst recht den Kapitalisten, wie groß immer ihn Profitbegehren sei, ihre Gewinne zu steigern auf Grund eines Menschen verwüstenden Raubbaues. Der Proletarierstaat ist sich bewusst, dass der größte Reichtum Sowjetrusslands die schaffenden Menschen sind, die alle Werte erzeugen. Er ist sich klar bewusst, dass deshalb das russische Proletariat nicht nur erhalten werden muss, so wie es heute lebt und webt. Nein, dass es an körperlicher, geistiger, beruflicher Tüchtigkeit, an sittlicher kultureller Kraft auf ein bedeutend höheres Niveau gehoben werden muss, damit es der Schöpfer und Träger vollkommenen Kommunismus werde.

Deshalb werden in den unvermeidlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit in den verpachteten und konzessionierten Betrieben die Gewerkschaften, die Genossenschaften als Kampfesorgane des Proletariats aufs neue eine große Rolle spielen, eine außerordentlich fruchtbare Tätigkeit entfalten. Was wird sich dabei im Gegensatz zu dem zeigen, was wir in den nichtsowjetischen Ländern sehen, in denen die Kapitalisten auch politisch herrschen? Die Staatsmacht ist dort nichts als eine Bremse für die Betätigung der Gewerkschaften und Genossenschaften. Sie greift dort in die Konflikte zwischen Bourgeoisie und Proletariat ein, stets zu Nutz und Frommen des Kapitals, es sei denn, die Arbeitermassen wären bereits so stark, dass sie die Staatsmacht daran hindern können. Aber in Sowjetrussland wird in allen Konflikten der Arbeiter mit dem Industriekapital, mit dem Handels- und Wucherkapital die Staatsgewalt hinter den Gewerkschaften, hinter den Genossenschaften stehen.

Man muss jedoch noch eine andere Seite des “Staatskapitalismus” in Betracht ziehen. Die Sowjetrepublik treibt “Staatskapitalismus” nicht nur als verpachtende und als konzessionierende Macht: sie muss auch “Staatskapitalist‘ in eigenen Betrieben sein. Nur ein Teil —- und bis jetzt nur ein kleiner Teil — der russischen Industrie, den russischen Wirtschaft ist sozusagen “leihweise”, den Kapitalisten zur Ausbeutung überlassen. Der andere Teil, und zwar den wichtigste, die Großindustrie, das Transportwesen etc., bleibt in den entscheidenden Positionen in den Händen den Sowjetmacht. Die Sowjetmacht, der Arbeiterstaat selbst, ist den größte Unternehmen in Sowjetrussland. Was bedeutet das aber in einen Zeit, wo die russische Wirtschaft nicht verbunden ist mit Staaten, die auf dem Wege zum Kommunismus sind, sondern wo sie eingegliedert ist in die kapitalistische Weltwirtschaft? Das heißt, dass auch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze dieser Weltwirtschaft innerhalb gewisser Grenzen Einfluss nehmen können auf die Gestaltung der Verhältnisse in dem ersten Arbeiterstaat. Auch der Sowjetstaat muss als Unternehmer im Interesse der von ihm vertretenen Klasse auf “Rentabilität” der Betriebe bedacht sein. Ja, ich gehe weiter. Sogar wenn die Übergangszeit vorüber ist, sogar wenn wir den reinen Kommunismus haben werden, wird die Gesellschaft in ihrer Wirtschaft Mehrwert erzeugen, wird akkumulieren müssen im Interesse ihrer höheren wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Was folgt daraus? Dass der Arbeiterstaat als Unternehmer vorübergehend hier und da auch in Konflikt geraten kann mit Forderungen und Interessen einzelner Arbeiter und Arbeitergruppen, denen gegenüber er die gegenwärtigen und zukünftigen Interessen des gesamten Proletariats als Klasse zu vertreten hat. Es versteht sich, dass solche Konflikte entschieden werden müssen nicht nach dem vorübergehenden, nicht nach dem Augenblicksinteresse einzelner Personen, einzelner Gruppen des Proletariats, einzelnen Zweige den Wirtschaft. Nein, dass sie entschieden werden müssen jetzt und später nach dem Interesse des Proletariats als Klasse, als Gesamtheit.

Es ist selbstverständlich, dass Konflikte solcher Art in Sowjetrussland nicht ausbleiben können. Konflikte werden schon infolge dieses Tatbestandes entstehen: Das russische Proletariat kann heute noch nicht aus seinen eigenen Reihen alle Kräfte stellen, um die verwaltenden, leitenden, entscheidenden Posten etc, zu besetzen. So kommen auf diese Posten Leute mit großer wirtschaftstechnischer, beruflicher Bildung und Erfahrung, aber ohne die nötige kommunistische Einstellung. Genossen und Genossinnen! In dieser Hinsicht fällt abermals den Gewerkschaften und Genossenschaften eine außerordentlich bedeutsame Aufgabe zu. Nicht nur als Aufbauorgane, sondern auch als Erziehungsorgane, und zwar als Erziehungsorgane nach “unten und oben”, um diesen Ausdruck zu gebrauchen. Nach unten, um die proletarischen Massen als Produzenten zu höchstmöglicher Leistungstüchtigkeit emporzuheben. Das wird vielleicht manchmal von Proletariern als Härte empfunden wenden. Vergessen wir aber bei der Bewertung dieser anscheinenden Härte und bei der Bewertung der Rückständigkeit, von den unser Freund Lenin gestern sprach, das eine nicht: außerhalb Russlands, in den hoch entwickelten kapitalistischen Staaten ist das Proletariat seit Jahrhunderten durch die grausame Schule des Kapitalismus gegangen, um seine heutige Produktions- und Arbeitsfähigkeit zu erlangen. Am Anfange dieser Schule steht die Blutgesetzgebung in England, und heute noch wird mit der Hungerpeitsche, den Skorpionen der Klassenausbeutung und Klassenherrschaft gezüchtigt. Der Arbeiterstaat Sowjetrussland wird mit Hilfe der Gewerkschaften und Genossenschaften seine Arbeitermassen mit anderen, mit milderen, humaneren Methoden im Sinne des Kommunismus erziehen. Aber er muss sie doch erziehen, erziehen zu Arbeitsdisziplin, qualifizierten Leistungen etc. Und das schließt die Möglichkeit von Zusammenstössen in sich.

Der Arbeiterstaat wird aber auch gleichzeitig mit Hilfe der Gewerkschaften und Genossenschaften einen Stab von Angestellten, Beamten, Verwaltenden und Durchführenden, erziehen, die, vom Geist des Kommunismus erfüllt, die Wirtschaft so rasch und so gründlich wie möglich in der Richtung zu diesem umwälzen. Den Angestellten und Beamten muss es zum Bewusstsein kommen, was es bedeutet, Vertreter, Vertrauensleute des Arbeiterstaates zu sein.

Eine andere Tatsache. Sowjetrussland ist heute, so behaupte ich, trotz seiner Armut, trotz der Zerrüttung seiner Wirtschaft, der Staat der fortgeschrittensten Arbeiterschutzgesetzgebung und sozialen Fürsorge. Und das nicht bloß auf dem Papier. Gewerkschaften und Genossenschaften haben in Verbindung mit den Sowjetorganen die Durchführung der Arbeitsgesetzgebung und sozialen Fürsorge zu überwachen und ihre weitere, bessere Ausgestaltung zu bewirken. Sie sind wirksame Träger der Sozialreformen. Die Tätigkeit den Genossenschaften und Gewerkschaften in ihrem Verhältnis zur Sozialreform wurde früher von den Herren Reformisten — wie ich bereits anführte — als das Mittel gefeiert, den Kapitalismus auszuhöhlen, die Revolution zu vermeiden. Jetzt zeigt sich, wie Recht wir “Radikalinskis” hatten, als wir ihnen entgegenhielten, dass eine wirklich umwälzende Sozialreform mit Hilfe der Gewerkschaften und Genossenschaften vor den Eroberung den politischen Macht durch das Proletariat nicht möglich sei. Sie kommt als Mittel zur Umwälzung der Wirtschaft in der Richtung zum Kommunismus erst nach Eroberung der politischen Macht in Betracht. Mit ihr erhält die Sozialreform ein anderes Gesicht, eine andere Bedeutung. Auch sie wird aus Schutz und Verteidigung des Proletariats gegen den Kapitalismus zum Aufbauwerk des Kommunismus. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, die Aufrichtung seiner Diktatur in den Sowjetordnung ist der hochragende Meilenstein der Wegwende, wo eine höhere Entwicklung eine veränderte Aufgabe allen genannten sozialen Faktoren eintritt.

Ich brauche nicht auf die Auswirkung den neuen Politik in anderer Beziehung hinzuweisen. Das hat gestern unser Freund Lenin in der lichtvollsten Weise getan, Ich hielt es aber für notwendig, diese Seite der neuen Politik scharf hervorzuheben Denn sie weist auf zwei Tatsachen hin. Zunächst darauf, dass mit den Eroberung der politischen Macht und mit ihrer Behauptung das Proletariat noch nicht über den Berg gekommen ist, sondern erst dicht vor dem Berge steht. Es muss durch die Gesamtpolitik und namentlich durch die Wirtschaftspolitik der proletarischen Staatsmacht über den Berg hinübersteigen in das gelobte Land des Kommunismus Es treten dabei eine Reihe schwieriger Probleme auf: Das Problem des Verhältnisses zwischen Stadt und Land. Das Problem zwischen politischer Arbeitermacht, verkörpert in dem Sowjetstaat und den wirtschaftlichen Organisationen des Proletariats, verkörpert in den Gewerkschaften und Genossenschaften. Das Problem des Verhältnisses zwischen den produzierenden Arbeitern auf den einen Seite und den Angestellten, Beamten in den Betrieben auf der anderen, der Bürokratie in den zentralen und lokalen Sowjetämtern jeder Art. Mit diesen stacheligen Problemen wird sich das Proletariat eines jeden Landes nach der Eroberung der politischen Macht auseinandersetzen müssen.

Deshalb haben wir von der einschlägigen Entwicklung der Dinge in der russischen Revolution außerordentlich viel zu lernen. Das aber nicht nur von dem, was richtig zu sein scheint, sondern auch von dem, was fehlerhaft dünkt oder wirklich fehlerhaft ist. Wir müssen uns jedoch bei alledem über das Zentralproblem klar bleiben. Das Zentralproblem ist die Eroberung und Bewahrung der politischen Macht, ist die Staatsgewalt in den Händen des Proletariats. Mit ihr steht und fällt die Möglichkeit, die Gesellschaft zum Kommunismus umzuwälzen, und das als Werk des Proletariats selbst. Der Behauptung der Staatsmacht durch das Proletariat und für das Proletariat sind alle anderen Erwägungen unterzuordnen. Wenn es eines Beweises dafür bedürfte, welche ausschlaggebende Rolle den Besitz der Staatsgewalt für die Umwälzung zum Kommunismus spielt, so steht dieser Beweis in zwei klassischen Beispielen vor uns. Das eine: Sowjetrussland, das andere: das Deutschland der Koalitionsregierung.

In Sowjet-Russland: Behauptung der proletarischen Staatsgewalt; Sozialisierung der Großindustrie; Ausbau der Arbeiterschutzgesetzgebung; Sicherung des Achtstundentages; konsequenter Kampf gegen das Überstunden-Unwesen — Überstunden werden nur dort erlaubt, wo sie nachweisbar notwendig sind im höheren Interesse des Arbeiterstaates selbst —; Ausbau der sozialen Fürsorge; trotz aller Armut ein Ausbau des Schulwesens, wie er in keinem anderen Lande erfolgt. Alles in allem ein Anfang zum Wiederaufbau der Wirtschaft, kleine Fortschritte des Wirtschaftslebens und — das Wichtigste: eine leichte, doch, deutlich spürbare Besserung in der Lage des Proletariats.

Dagegen Deutschland: das Proletariat ohne die Staatsmacht, die Koalitionsregierung von Stinnes bis Scheidemann, ja sogar bis Hilferding-Crispien; an Stelle der Sozialisierung die drohende Stinnesierung den Staatsbetriebe; der Abbau des Achtstundentages mit Hilfe der bürgerlichen Staatsgewalt; Abbau aller sozialen Fürsorgeeinrichtungen; die Schule der Verpfaffung ausgeliefert; die Proletarisierung des Mittelstandes unter furchtbaren Nöten; die von Tag zu Tag wachsende Zerrüttung der Wirtschaft. Alles in allem eine steigende Verelendung der werktätigen Massen, eine Verelendung, die geradezu das Sterben von Millionen bedeutet.

Ich glaube, diese Tatsachen beleuchten schärfer als alles, welche ausschlaggebende Bedeutung der Erhaltung den Staatsgewalt in der Faust des Proletariats zukommt. Aber es ist nicht dieses Ziel allein, das in Sowjet-Russland zu der “neuen Politik” als zu einem “unvermeidlichen Übel” geführt hat, geboren aus den spezifisch russischen Verhältnissen. Ich erblicke in der “neuen Politik” vielmehr den einzigen Weg, der unter eben diesen Verhältnissen aus dem Kapitalismus in den Kommunismus hinüberleitet.

Der Weg Sowjet-Russland zum Kommunismus hat nicht nur zur Voraussetzung das Festhalten an der “neuen Politik”. Als Ergänzung muss neben ihr stehen die Vertiefung der kommunistischen Erkenntnis, das stärkste Herauskristallisieren des idealistischen Kerns des Kommunismus, das Herauskristallisieren des gewaltigen Kulturwertes, den der Kommunismus enthält und zur vollen Entfaltung bringt. Deshalb muss Hand in Hand gehen mit der neuen Politik, auch schon um die Wirtschaft auf eine neue, höhere Stufe zu heben, die weitestfassende, planmäßige Arbeit der Volksbildung, ganz besonders der Jugendbildung und -erziehung. Sie muss Bildung, Erziehung für den Kommunismus sein.

Genossen und Genossinnen! Es würde den Rahmen meiner Aufgabe überschreiten, wenn ich hier auch nur andeutungsweise schildern wollte, welches gewaltige Werk die russische Revolution gerade auf dem Gebiete der Kulturarbeit geleistet hat. Die russische Revolution ist ein Kulturträger, eine Kulturmacht, wie sie größer heute nirgends zu finden ist. Erinnern Sie sich all der Maßregeln, die dank der Revolution auf dem Gebiete des Volksbildungswesens, der Erziehung, der Kunst ergriffen worden sind. Ich will in diesem Zusammenhange nur hervorheben, welcher Kulturfaktor die Rote Armee geworden ist. Die Rotarmisten, die durch die Schule des revolutionären “Militarismus” in Sowjet-Russland gegangen sind, kehren im wahrsten Sinn des Wortes als Kulturträger in ihre abgelegenen Dörfer zurück. In kultureller Beziehung hat die russische Revolution in den fünf Jahren ihres Waltens Titanenhaftes geleistet. Wenn man sie danach allein bewerten wollte, so ist sie bereits unsterblich. Wie hätte sie das zu leisten vermocht ohne die proletarische Staatsmacht? Was aber ist die Voraussetzung dafür, dass die Sowjetmacht weiter besteht als starke Kraft, um die Gesellschaft wirtschaftlich und kulturell zum Kommunismus umwälzen zu können. Ich betrachte als unerlässliche Vorbedingung dafür die innige organische Verbindung zwischen der Kommunistischen Partei, der führenden revolutionären Klassenpartei des Proletariats und den breitesten proletarischen Massen außerhalb dieser Partei. Aus dieser festen Einheit ist die russische Revolution geboren worden. Dank ihr ist sie bis jetzt erhalten geblieben. Sie muss auch die kommunistische Zukunft sichern. Eine organische Einheit von Partei und Massen, die nicht besteht in den strengen Durchführung eines äußeren mechanischen Schemas, die nicht eine dem Proletariat von außen aufgezwungene Macht ist, nein, ein Leben, das heraus quillt aus den Massen selbst. Das Wesen und Wirken den Kommunistischen Partei Sowjet-Russlands ist der vollkommenste, der kraftvollste Ausdruck der revolutionären Erkenntnis, des revolutionären Willens, der revolutionären Selbstbetätigung und Selbstbewegung der proletarischen Massen. In reichem Wechselstrom fließt Leben und Wirken von unten aus den Massen zu der Partei und durch tausend sichtbare und unsichtbare Kanäle fließt es von der Partei in die Massen zurück. Wir hören das Gezeter von der lähmenden und tötenden Diktatur einer Parteiclique, einer Führerclique in Sowjet-Russland. Es nährt sich von Schlagworten, die nichts sind als der Abklatsch der antibolschewistischen Lügen und Verleumdungen über die Verhältnisse in demjenigen Staat, in dem das Proletariat nicht nun die Macht erobert, sondern auch bewahrt hat und nicht mehr unter der Fuchtel der Bourgeoisie steht. Wenn wir entgegen solchem Geschrei richtig einschätzen wollen, welche Quelle höchsten schöpferischen Lebens die Kommunistische Partei Sowjet-Russlands ist, so brauchen wir nur einen Blick zu werfen auf das Leben und Weben der proletarischen, der bäuerlichen Massen. Welch ein brennender Lerneifer, welche Bildungsbegeisterung! Welch Regen und Bewegen früher schlummernder Kräfte von Ungezählten!

Dank der Sowjetmacht, unter dem Einfluss der Kommunistischen Partei erblühen in den werktätigen Massen die herrlichsten Begabungen, schönste geistige und sittliche Werte werden aus den Tiefen ans Licht gehoben. Schauen Sie auf die Sowjetorgane, schauen Sie auf die verschiedenen sozialen Einrichtungen. Überall ein Weben und Wirken, wie es augenblicklich in keinem anderen Lande der Weit zu finden ist. Millionen streben vorwärts, aufwärts. Und in ihrem Wollen und Tun blitzt das Hirn, klopft das Herz der Kommunistischen Partei. Gewiss, wir, die wir vom Auslande kommen, sehen manches blutige Leid, sehen manchen schweren Missstand. Aber trotzdem überwältigt uns das Gefühl: welch ein neues, starkes Leben! Die Geister sind erwacht. Hier ist es eine Lust zu leben, hier ist es eine Lust zu arbeiten, hier ist es eine Lust zu sterben, wenn nichts anderes übrig bleibt!

Genossinnen und Genossen, ich fasse zusammen. Wenn wir überblicken, was die russische Revolution geleistet hat, so werden vielleicht so genannte “ordnungsliebende” Elemente fragen, — nämlich jene, die die Revolution vermeiden wollen, alle, die sie hassen, die sie fürchten oder die sie wenigstens um recht billigen Preis und als “schöne Revolution” haben möchten: War für diese Ergebnisse das Gewitter einer Revolution nötig, konnte es nicht auch auf dem Wege der Demokratie, der Reform erreicht werden? Ich behaupte: Nein! Denn ohne die Revolution hätte Sowjetrussland nicht seine schöpferische umwälzende politische Macht, hätte es nicht die Sowjetordnung, den Arbeiterstaat, hätte es nicht die Diktatur des Proletariats. Ohne diese entscheidende Wendung gibt es aber kein neues, kein höheres, befreiendes geschichtliches Leben.

Die russische Revolution braucht sich wahrhaftig nicht der angeblichen Geringfügigkeit ihrer Leistungen zu schämen. Umgekehrt, diese ihre Leistungen sind erstaunlich, sind bewunderungswürdig groß. Die proletarische Revolution hat ein weit größeres, ein umfangreicheres, ein tieferes Werk zu vollbringen als jede bürgerliche Revolution. Die bürgerliche Revolution schafft lediglich den Staatsapparat um, sie schafft die politischen Machtverhältnisse um und was damit zusammenhängt. Sie greift nicht schöpferisch in die Wirtschaft der Gesellschaft ein. Und trotzdem hat es z. B. nach der Großen Französischen Revolution hundert Jahre gedauert, bis ihre größte Errungenschaft, die Republik, durch den Aufstand der Kommune sichergestellt worden ist. Die proletarische Revolution kann sich nicht damit begnügen, das “alte morsche Ding”, den kapitalistischen Staat, “jung zu hämmern” zum Sowjetstaat, sie muss auch die soziale Wirtschaft umwälzen und mit ihr den gesamten sozialen Überbau. Das ist eine gewaltige Aufgabe, die nicht über Nacht gelöst werden kann, die auch nicht das Werk einzelner großer Persönlichkeiten sein kann, sondern die das Werk der ganzen Klasse des Proletariats sein muss und das Werk von Dezennien sein wird. Marx hat in seiner Polemik gegen Max Stirner geschrieben, man dürfe nicht entmutigt sein, wenn die proletarische Revolution viele Jahrzehnte dauern werde. Denn sie habe nicht nur, die Aufgabe, neue soziale Verhältnisse zu schaffen, sondern auch die, neue Menschen zu schaffen, die Menschen zu erziehen, die die neuen sozialen Verhältnisse aufbauen müssen.

Das müssen wir im Hinblick auf den ersten Proletarierstaat der Welt beherzigen. Russlands Revolution hat mehr geleistet als irgend eine Revolution vor ihr. Sie ist nicht zu ihrem Ausgangspunkt zurückgeworfen worden, sondern vielmehr weit über ihn hinaus vorwärtsgeschritten. Sie hat den Boden Russlands mit eisernem Besen von allen feudalen Einrichtungen und Überbleibseln reingefegt. Sie hat das mit einer Gründlichkeit besorgt, wie dies keine einzige bürgerliche Revolution in irgend einem Lande Europas getan hat. Blicken Sie nach England! Trotz bürgerlicher Revolution und langer bürgerlicher Klassenherrschaft bestehen dort heute noch starke Überreste der feudalen Ordnung. Sehen Sie nach Deutschland, dem Lande der jüngsten bürgerlichen Revolution. Dort ist die Errungenschaft der Revolution, die republikanische Staatsform, noch so wenig gesichert, dass die Träger der Republik vor einem Kapp-Putsch, vor einem Orgesch-Putsch zittern müssen. In Sowjetrussland dagegen ist es ganz undenkbar, dass der alte Zarismus wiederkehren könnte. Es ist aber auch undenkbar, dass hier ein Staat jenes modernisierten Kapitalismus aufzukommen vermöchte, von dem die Reformisten im Bunde mit der kleinbürgerlichen Demokratie träumen. Die proletarische Revolution hat in die Einrichtungen und in das Bewusstsein von Millionen so viel Keime neuen, fruchtbaren Lebens gelegt, dass dieses Leben nicht wieder ausgelöscht und vernichtet werden kann.

Sowjetrussland als Proletarierstaat steht fest. Es ist der erste Typus des Proletarierstaates in der Zeit der Umwälzung vom Kapitalismus zum Vollkommunismus. Gewiss nicht der einzige Typus, das muss beachtet werden — die geschichtlich gegebenen Umstände für die Errichtung des Proletarierstaats sind verschieden. Aber doch der erste und zurzeit der einzige Staat mit proletarischer Diktatur. Als Typus dieser Art ist alles, was er tut und lässt, sind alle seine Errungenschaften, wie auch seine Fehler und Schwächen, fruchtbar, bedeutsam, auch für das Weltproletariat, für die Weltrevolution, Russlands Proletarier und Russlands Kommunistische Partei haben das höchste Lehrgeld dafür bezahlt, wie man die politische Macht erobert und behauptet. Jetzt müssen sie das höchste, bitterste Lehrgeld bezahlen, um zu lernen, wie ein proletarischen Staat, verlassen vom Weltproletariat, allmählich zu einer kommunistischen Gesellschaft umgewälzt wird. In diesem Zusammenhange erscheint die bolschewistische Politik von ausschlaggebender und lehrreicher Bedeutung. Manche glauben sie mit Naserümpfen abtun zu können als einen Zickzack, als eine Kette von Fehlern und Verirrungen. Das Gegenteil trifft zu.

Die Politik der Bolschewiki, der russischen Kommunisten, zeigt als Ganzes eine geradezu großartige Einheitlichkeit, Geschlossenheit und Konsequenz der Linie. Diese Politik ist der erste Versuch weltgeschichtlichen Maßes, den Marxismus aus einer Theorie zur Praxis zu machen, sie ist der erste große weltgeschichtliche Versuch, das Proletariat vorn Objekt der Geschichte zu ihrem Subjekt zu erheben. Sie ist der erste Versuch, Weltgeschichte in Freiheit “zu machen” Sicherlich auf Grund vorgefundenen Verhältnisse, aber die Hauptsache ist doch, bewusst ‚ Geschichte zu machen und nicht mehr Geschichte als anarchisches Spiel der blind waltenden objektiven Kräfte der bürgerlichen Gesellschaft hinzunehmen.

Genosse Lenin hat gestern erklärt, dass wir alle viel zu lernen haben. Sie hier in Sowjetrussland, und wir im Auslande. Er hat gemeint, dass wir im Auslande noch nicht genügend Russisch verstanden um die russisch gedachte und russisch empfundene Resolution unseres dritten Weltkongresses richtig zu erfassen. Im gewissen Sinne hat Lenin vollkommen Recht. Das ausländische Proletariat hat noch nicht genügend gelernt, Russisch zu lesen, d. h. russisch zu handeln. Wie die Kommunistische Internationale das Zentrum sein soll, von dem aus der revolutionäre Kampf über die Welt wogt, so soll sie gleichzeitig die Hochschule für unsere gegenseitige Schulung und Erfahrung sein. Lernt, gewinnt Zeit, ruft uns Lenin zu. Zeit gewonnen, alles gewonnen!

Diese seine Auffassung deckt sich mit dem tiefen Wort Goethes im Hinblick auf die Menschheitsentwicklung.

Mein Erbteil, wie herrlich, weit und breit!

Die Zeit ist mein Acker, mein Besitz ist die Zeit.”

Die Zeit, jawohl, Genossen, nicht erfasst als ein müßiges, tatenloses Harren. Nein, die Zeit, jede Minute ausgenutzt in leidenschaftlichen Aktivität. Ihr, hier in Sowjetrussland, um zu lernen, die Kelle zu führen für den Aufbau des Proletarierstaates. Wir im Ausland, um das Schwert zu brauchen im revolutionären Kampf für die Eroberung der politischen Macht. So schließt sich der Ring der Weltrevolution, die die Menschheit befreit. So wird aus den Ruinen des Weltkriegs neues Leben blühen. Denn in diesen Zeiten ist die höchste, gewaltigste, fruchtbarste und schöpferischste Form alles geschichtlichen Werdens die Revolution, die Revolution als freie Willenstat der proletarischen Massen. (Langandauernder, lebhafter Beifall.)

1In Frankreich tut der Kleinbürger, was normalerweise der industrielle Bourgeois tun müßte; der Arbeiter tut, was normalerweise die Aufgabe des Kleinbürgers wäre, und die Aufgabe des Arbeiters, wer löst sie? Niemand. Sie wird nicht in Frankreich gelöst, sie wird in Frankreich proklamiert. Sie wird nirgendwo gelöst innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg innerhalb der französischen Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg, worin sich die Nationen gegenübertreten.“ (Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich1848-1850, Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 7, S. 9-107,hier S. 79)

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