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Leo Trotzki 19390310 Zentrismus und die Vierte Internationale (Auszug)

Leo Trotzki: Zentrismus und die Vierte Internationale (Auszug)

10. März 1939

[veröffentlicht in The New International vom Mai 1939. Nach Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, S. 327-330]

Werter Genosse Guerin,

In meinem Brief an Pivert äußerte ich meine Überraschung, dass Ihre Partei sich nach der Erfahrung der letzten Jahre noch immer mit der Independent Labour Party (ILP) von England, der POUM und anderen ähnlichen Organisationen in einem politischen Bündnis gegen uns befinden können …

Die POUM

Wie ist die Lage gegenüber der POUM? Nach den Worten von Pivert ist Ihre gesamte Partei „einmütig" bereit, die POUM gegen unsere Kritik zu verteidigen. Ich lasse die Frage der „Einmütigkeit" beiseite: ich bin nicht sicher, ob die Mitglieder Ihrer Organisation die Geschichte der spanischen Revolution im Detail kennen, der Kämpfe zwischen ihren verschiedenen Tendenzen, insbesondere den kritischen Beitrag, den die Vertreter der Vierten Internationale zu den Fragen der spanischen Revolution leisteten. Es ist aber jedenfalls klar, dass die Führung Ihrer Partei absolut nicht die verhängnisvollen Fehler der POUM verstanden hat, die sich aus ihrem zentristischen, nichtrevolutionären, nichtmarxistischen Charakter ergaben.

Seit dem Beginn der spanischen Revolution befand ich mich mit einer gewissen Zahl militanter Mitglieder, besonders mit Andres Nin, in sehr engem Kontakt. Wir haben hunderte von Briefen gewechselt. Erst nach einer Reihe von Monaten gelangte ich zu der Schlussfolgerung, dass Nin, der aufrichtig und der Sache ergeben war, kein Marxist, sondern ein Zentrist war, im besten Falle ein spanischer Martow, d.h. ein linker Menschewik. Pivert unterscheidet nicht zwischen der Politik des Menschewismus und der des Bolschewismus in der Revolution.

Die Führer der POUM beanspruchten nicht einen Augenblick, eine unabhängige Rolle zu spielen; sie unternahmen alles, um in der Rolle guter „linker" Freunde und Ratgeber der Führer der Massenorganisationen zu verbleiben.* Diese Politik ergab sich aus dem mangelnden Vertrauen zu sich selbst und zu ihren Vorstellungen: sie verurteilte die POUM zur Doppelzüngigkeit, zu einem falschen Ton, zu dauernden Schwankungen, die sich in scharfem Widerspruch zur Dimension der Klassenkämpfe befanden. Die Mobilisierung der Avantgarde gegen die Reaktion und ihre verächtlichen Lakaien, die anarchistischen Bürokraten eingeschlossen, wurde von der POUM durch scheinrevolutionäre Predigten an die verräterischen Führer ersetzt und als eigene Rechtfertigung ausgegeben, dass die „Massen" keine andere, entschiedenere Politik begreifen würden.

Der Linkszentrismus ist immer bereit, besonders unter revolutionären Bedingungen, in Worten das Programm der sozialistischen Revolution zu übernehmen und geizt nicht mit klangvollen Phrasen. Aber die verhängnisvolle Krankheit des Zentrismus besteht darin, aus seinen allgemeinen Konzeptionen keine mutigen taktischen und organisatorischen Schlussfolgerungen ziehen zu können. Sie erscheinen ihm immer „verfrüht"; „das Urteil der Massen muss vorbereitet werden" (durch Ausflüchte, Doppelzüngigkeit, Diplomatie usw.). Weiterhin befürchtet er, seine gewohnten freundschaftlichen Beziehungen zu seinen Freunden auf der Rechten abzubrechen. Er „respektiert" persönliche Meinungen. Deshalb teilt er alle Schläge … gegen die Linke aus, und bemüht sich auf diese Weise, sein Prestige in den Augen der seriösen öffentlichen Meinung zu heben.

So sieht auch die politische Psychologie von Marceau Pivert aus. Er begreift absolut nicht, dass ein rücksichtsloses Stellen der Grundfragen und eine heftige Polemik gegen Schwankungen nur die notwendige ideologische und pädagogische Widerspiegelung des unversöhnlichen und grausamen Charakters des Klassenkampfes unserer Zeit ist. Ihm erscheint das als „Sektierertum", mangelnder Respekt für die Persönlichkeit von anderen usw., d.h. er verbleibt völlig auf dem Niveau kleinbürgerlichen Moralisierens. Sind das „ernsthafte Differenzen"? Jawohl, ich kann mir keine ernsthafteren Differenzen innerhalb der Arbeiterbewegung vorstellen. Mit Blum und Genossen haben wir keine „Differenzen": wir befinden uns einfach auf der anderen Seite der Barrikaden.

Die Ursache der Niederlage in Spanien

In Gesellschaft aller Opportunisten und Zentristen erklärt Marceau Pivert die Niederlage des spanischen Proletariats durch das schlechte Betragen des französischen und britischen Imperialismus und der bonapartistischen Kremlclique. Das besagt ganz einfach, eine siegreiche Revolution sei überall und stets unmöglich. Eine Bewegung größeren Umfangs, größerer Ausdauer und größeren Heldentums seitens der Arbeiter als die, welche wir in Spanien erleben konnten, kann man weder erwarten noch verlangen. Die imperialistischen „Demokraten" und das käufliche Gesindel der Zweiten und Dritten Internationale wird sich immer so aufführen, wie sie es gegenüber der spanischen Revolution taten. Worauf also kann man hoffen? Jeder, der die Schande der Bourgeoisie und ihrer Lakaien ins Feld führt, anstatt die bankrotte Politik der revolutionären oder scheinrevolutionären Organisationen zu analysieren, ist ein Verbrecher. Gerade gegen diese ist eine richtige Politik vonnöten!

Eine ungeheure Verantwortlichkeit für die spanische Tragödie trägt die POUM. Ich habe um so mehr Recht, das auszusprechen, weil ich seit 1931 in meinen Briefen an Andres Nin die unentrinnbaren Konsequenzen der verheerenden Politik des Zentrismus voraussagte. Durch ihre allgemein „linken" Formulierungen schufen die Führer der POUM die Illusion, es bestünde eine revolutionäre Partei in Spanien, und verhinderten das Auftreten der wirklich proletarischen, unversöhnlichen Tendenzen. Gleichzeitig waren sie durch ihre Anpassungspolitik an alle Formen des Reformismus die besten Hilfskräfte der anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Verräter. Die persönliche Aufrichtigkeit und das Heldentum zahlreicher Arbeiter in der POUM erregt natürlich unsere Sympathie; gegen die Reaktion und das stalinistische Gesindel sind wir bereit, sie bis zum letzten zu verteidigen. Aber jener Revolutionär ist verdammt wenig wert, der unter dem Einfluss sentimentaler Erwägungen unfähig ist, objektiv das wahre Wesen einer gegebenen Partei zu erfassen.

Die POUM ging immer den Weg des geringsten Widerstands, sie zögerte, lavierte, spielte mit der Revolution Verstecken. Sie versuchte anfangs, sich in Katalonien zu verschanzen, und verschloss die Augen vor den Kräfteverhältnissen in Spanien. In Katalonien wurden die Führungspositionen in der Arbeiterklasse von den Anarchisten besetzt; die POUM ignorierte zuerst (trotz aller Warnungen!) die stalinistische Gefahr und klammerte sich an die anarchistischen Bürokratie an. Um sich keine „überflüssigen" Schwierigkeiten zu schaffen, verschlossen die POUM-Führer die Augen vor der Tatsache, dass die anarchistischen Bürokraten keinen Schuss Pulver mehr Wert waren als all die anderen Reformisten, dass sie sich nur hinter einer anderen Phraseologie verbargen.

Die POUM sah davon ab, in die CNT einzudringen, um nicht die Beziehungen zu den Spitzen dieser Organisation zu stören und sich die Möglichkeit zu erhalten, in der Rolle ihres Beraters zu bleiben. Das war die Haltung von Martow. Aber Martow – zu seiner Ehre sei es gesagt – verstand es, so grobe und beschämende Fehler wie die Teilnahme an der katalanischen Regierung zu vermeiden! Offen und feierlich vom Lager des Proletariats in das Lager der Bourgeoisie hinüber zu wechseln! Marceau Pivert verschließt seine Augen vor solchen „Einzelheiten".

Für die Arbeiter, die während der Revolution die gesamte Kraft ihres Klassenhasses auf die Bourgeoisie richten, ist die Teilnahme eines „revolutionären" Führers an einer bürgerlichen Regierung eine Tatsache von ungeheurer Bedeutung: sie verwirrt und demoralisiert sie. Und dieses Ereignis fiel nicht vom Himmel. Es war ein unvermeidliches Glied in der Politik der POUM. Die Führer der POUM sprachen mit großer Beredsamkeit über die Vorteile der sozialistischen gegenüber der bürgerlichen Revolution; aber sie unternahmen nichts Ernsthaftes, um diese sozialistische Revolution vorzubereiten, denn die Vorbereitung konnte nur aus unerbittlicher, kühner, unversöhnlicher Mobilisierung der anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Arbeiter gegen ihre verräterischen Führer bestehen. Es wäre notwendig gewesen, die Trennung von diesen Führern nicht zu scheuen, in den frühen Tagen zu einer „Sekte" zu werden, selbst wenn sie von allen verfolgt worden wäre; es wäre notwendig gewesen, präzise und klare Losungen aufzustellen, den morgigen Tag vorherzusagen, und sich auf die Ereignisse zu stützen, die offiziellen Führer zu diskreditieren und sie aus ihren Stellungen zu vertreiben.

Im Verlauf von acht Monaten wurden die Bolschewiki aus der kleinen Gruppe, die sie waren, zu einer entscheidenden Kraft. Die Energie und der Heroismus des spanischen Proletariats gaben der POUM mehrere Jahre Zeit zur Vorbereitung. Die POUM hatte zwei oder drei Male Gelegenheit, ihre Windeln abzustreifen und ein Erwachsener zu werden. Wenn sie das versäumte, dann ist das keineswegs die Schuld der „demokratischen" Imperialisten und der Moskauer Bürokraten, sondern hier liegt ein innerer Grund vor: ihre eigene Führung wusste weder wohin noch auf welchem Wege.

Die POUM trägt eine ungeheure historische Verantwortung. Hätte sie sich nicht an die Fersen der Anarchisten geheftet und mit der „Volksfront" verbrüdert, hätte sie eine unversöhnliche revolutionäre Politik geführt, dann würde sie sich im Augenblick des Aufstands vom Mai 1937, und wahrscheinlich viel früher, selbstverständlich an der Spitze der Massen befunden und den Sieg errungen haben. Die POUM war keine revolutionäre, sondern eine zentristische Partei, die von der Welle der Revolution empor getragen wurde. Das ist ganz und gar nicht dasselbe. Marceau Pivert versteht das sogar heute nicht, denn er ist durch und durch selbst ein Zentrist.

* Genau, wie für eine lange Zeit, eine zu lange Zeit Marceau Pivert alles tat, um der linke Freund und Ratgeber eines Blum und Genossen zu bleiben, fürchte ich sehr, dass Marceau Pivert und seine engsten ideologischen Gefährten selbst heute noch nicht verstanden haben, dass Blum nicht einen ideologischen Gegner, sondern einen offenen und noch dazu unehrlichen Klassenfeind repräsentiert.

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