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Leo Trotzki 19380325 Diskussionen mit Trotzki VI – Die russische Frage

Leo Trotzki: Diskussionen mit Trotzki VI – Die russische Frage

25. März 1938

[eigene Übersetzung nach Writings of Leon Trotsky 1937-1938, New York ²1976, S. 301-309, verglichen mit der französischen Übersetzung]

Trotzki: Es ist sehr schwierig, etwas in konkreter Form über die Entwicklung der sozialen Beziehungen in der Sowjetunion zu sagen, etwas Neues, weil die Daten und Statistiken in den letzten Jahren immer falscher und fiktiver als je zuvor wurden. Wir haben absolut dieselben Fälschungen in der Presse wie beim Gericht. Die Presse ist bezüglich der sozialen Besetzung in der Sowjetunion absolut falsch. Es wurde befohlen, die letzte Volkszählung zu verbrennen; ich weiß nicht, ob die Nachrichten in die amerikanische Presse eindrangen; es ist von größter Wichtigkeit.

In der Verratenen Revolution kritisierte ich die Statistiken, die Daten, die die soziale Schichtenbildung, das Gehalt eines Bürokraten und eines Arbeiters, das Gehalt eines Landarbeiters und des Betriebsleiters der Kolchose, oder die Anzahl von Hausangestellten verbergen sollten. Ich nehme an, dass es nicht weniger als fünf Millionen bürokratische Familien und Aristokraten in den Kolchosen gibt, die Hausangestellte haben, und in den Städten haben sie zwei oder drei mehr, einschließlich eines Chauffeurs und eines Kindermädchens für die Kinder; es gibt eine soziale Klasse von Dienstboten im Dienste der höheren Schichten und all dies ist nicht im Volkszählungsbericht enthalten.

Eine Zählung fand im Januar statt, und dann erfuhr die Welt von einem speziellen Dekret, sie zu verbrennen, weil sie von „Trotzkisten, Fälschern, Volksfeinden" usw. gesammelt wurde. Und das elementarste Ding, das wichtigste Maß der Bedingungen in der UdSSR – die Bevölkerungsgröße – wurde nicht veröffentlicht. Walter Krivitsky hat dies in der französischen Presse ausführlich erklärt, und Miljukows Zeitung hat es auch veröffentlicht. Es gab in einem sehr hohen Maße einen Rückgang der Bevölkerung[szunahme]1. Die Bevölkerung wächst jährlich um drei Millionen.

Shachtman: Wann war die letzte Volkszählung?

Trotzki: In den 1920er Jahren, und auch damals, zeigte sich der gleiche Anstieg, und die Bevölkerung wurde damals auf 117-18 Millionen geschätzt. Aber Krivitsky behauptet, dass die Volkszählung des letzten Jahres zeigte, dass es nur 130 Millionen gab. Das Ergebnis ist eine totale Katastrophe, denn es ist der beste Test für die Lebensbedingungen der Menschen. Diese Zahl weist darauf hin, dass die Kollektivierung, Deportation, Ermordung von zehntausenden Bauern und dann die Hungersnot und Epidemie in den Jahren 1931/32 in die Millionen gingen. Ich glaube, das ist nur ein Teil der Wahrheit. Dies deutet darauf hin, dass die normalen Bedingungen sehr schlecht sind, dass die Sterblichkeit sehr hoch ist, dass die Bevölkerung nicht um drei Millionen jährlich, sondern um eine Million wächst, und dies ist die Bilanz der gesamten Zeit des „großen Glücks und Wohlstands", die vom Fünfjahresplan verkündet wurde.

In der Verratenen Revolution benutzte ich Daten in lokalen Zeitungen, die Sedow für mich gesichert hatte – und das ermöglichte es, die Wahrheit teilweise festzustellen. Seit dieser Zeit kann man in der Presse keine konkrete Annäherung an die Realität finden. In Miljukows Zeitung in Paris fand ich einen sehr interessanten Artikel, ein Interview mit einem Halbtrotzkisten – er wird nicht genannt, aber ich glaube, es ist Walter Krivitsky, der sich zur bürgerlichen Demokratie neigt –, dass die Situation des Bauern besser werde aber die Situation des Arbeiters sehr schlecht sei; dass die Aufteilung des Volkseinkommens systematisch zugunsten der Bauern, gegen die Arbeiter sei. Das ist wahr, wenn wir mit Bauern die Aristokratie in der Kolchose meinen – die Situation des Verwalters ist der Situation eines Chefs nah; er ist Kaufmann, weil der Kollektivbauer das Recht hat, zumindest einen Teil des Materials auf dem Markt zu kaufen und zu verkaufen. Der Administrator ist ein halber Funktionär und ein halber Boss. Sein Einkommen ist sehr wichtig; und gleichzeitig ist er ein Vertreter der GPU. Sie können sich vorstellen, welche Kraft von einem solchen Administrator konzentriert wird. Die Situation des Arbeiters auf dem Bauernhof wie in den Fabriken ist völlig anders, und das Verhältnis der Wirtschaftskräfte verändert sich zugunsten der höheren Schicht, des Kollektivbauers. Dies bedeutet eine Verschlimmerung der sozialen Schichtung der Gesellschaft. Gleichzeitig konzentriert die Bürokratie die wirtschaftliche Macht in ihren Händen.

Die Moskauer Prozesse sind ein Ausdruck dieses Prozesses, und die politischen Widersprüche spiegeln natürlich die sozialen Bedingungen wider. Die Bürokratie hat eine große Angst vor der Bevölkerung – ein Hass, größer als beim Zaren – weil die Bevölkerung die Tradition von zwei Revolutionen hat und nicht so ungebildet ist. Auch in der Bevölkerung gibt es soziale Gegensätze und politische Reibungen. Sehr wichtig sind die internen Gegensätze in der Bürokratie; die Prozesse sind ein direkter Ausdruck davon; ein Teil der Bürokratie hat einen anderen Teil ausgerottet.

Shachtman: Warum?

Trotzki: Weil die Unzufriedenheit der Massen auch in der Bürokratie verschiedene Strömungen hervorbringt. Eine Sektion sagt: „Machen wir ein paar Zugeständnisse", und die andere sagt: „Nein." Wie überall bewirkt der Druck der Massen einen Zerfall in der herrschenden Kaste.

Über die politischen Differenzen in der Bürokratie lässt sich nur schwer berichten, aber in den Moskauer Prozessen gibt es einen guten Hinweis darauf. Manche wollen den Kapitalismus wiederherstellen; andere sind dagegen. Die Vorwürfe haben eine symbolische Bedeutung.

Ein anderer Vorfall, klein, aber sehr lehrreich, gibt uns einen Hinweis auf die Unterschiede: die Leute, die mit Moskau gebrochen haben. Wir hatten Reiss, Barmin, einen Vertreter in Griechenland, Krivitsky, der der Chef aller militärischen Spionage in Deutschland war – es gab nur vier oder fünf von so großer Bedeutung wie Krivitsky – und dann Butenko, der von Rumänien nach Italien floh. Wir wissen, dass der diplomatische Stab in den letzten Jahren mindestens zehn Mal gesichtet und gesäubert wurde, und Sie wissen, wie viele sie zurückberufen und ermordet haben, und doch haben wir nach der großen Säuberung vier, die entkommen sind. Dieser Prozentsatz ist sehr hoch; es zeigt, dass die zentrifugalen Kräfte in der Bürokratie enorm sind. Das sind nicht die erstbesten vier Menschen, die man auf der Straße getroffen hat: Einer war Botschaftssekretär in Griechenland, ein anderer Chef des Geheimdienstes in Deutschland, Reiss war auf der gleichen Ebene wie Krivitsky, fast genauso wichtig. Nun, die Richtung dieser Leute: Reiss erklärte sich sofort für die Vierte Internationale; Barmin bleibt freundlich; Krivitsky orientiert sich an der bürgerlichen Demokratie (er ist mit den Menschewiki, Liberalen verbunden – er brach alle Verbindungen mit uns ab, besonders nach dem Tod unseres Sohnes – es war für ihn ein Vorwand); Butenko wurde ein Faschist. Nur vier Leute, aber äußerst symptomatisch – es ist ein Regenbogen aller politischen Farben innerhalb der Bürokratie selbst. Es erklärt, warum Stalin nach und nach von der Parteimaschine zur GPU überging. Nun ist es nicht das Politbüro, sondern Stalin-Jeschow. Ein Mitglied des Politbüros kann von einem Angeklagten im Prozess beschuldigt und vor Gericht gestellt werden – ein Beispiel dafür haben wir mit Rudsutak gehabt: Er war Kandidat des Politbüros, das, da bin ich sicher, ihn nicht beschuldigt hat; er wurde von Jeschow beschuldigt.

Dann gibt es eine wichtige Frage für uns, die von den russischen Weißgardisten sehr ausführlich diskutiert wurde: ob es in Russland Trotzkisten gibt oder nicht. Selbst Victor Serge bekräftigte, dass Stalin die Zahl der Trotzkisten mit gutem Grund schrecklich übertreibe. Die aus Russland kommenden Menschen behaupten, dass es in der Sowjetunion nur rechte Tendenzen gebe – keine linken Tendenzen – und der Trotzkismus nur ein Phantom sei. Es ist wahr und nicht wahr: Es stimmt, dass innerhalb der Bürokratie die rechte Tendenzen wachsen und sogar faschistisch werden. Die soziale Basis ist in den Massen anders. Aber wenn wir einen isolierten jungen Bürokraten nehmen – es gibt einen total faschistischen Typus: Er hat keine Tradition der Oktoberrevolution. Er wird nur diszipliniert, diszipliniert zu schießen, diszipliniert zu säubern und diszipliniert, um durch Prozesse vorzugehen – alles für den Ruhm des Vaterlandes. Die Figur Butenko ist sehr wichtig in den Reihen der Bürokraten. Der Anteil solcher Genossen wie Reiss ist sehr gering. In den Massen sind die Tendenzen elementarer, aber sie richten sich gegen die Bürokratie, gegen die neue Aristokratie; In diesem Sinne sind sie trotzkistisch. Sie sind keine wirklichen Trotzkisten, aber ihre Haltung fällt mit der wesentlichen allgemeinen Kritik zusammen. Es geht einfach darum, wegen des totalitären Regimes keine Verbindungen herstellen zu können.

Dasselbe können wir in Spanien sehr deutlich sehen. Die Arbeitermassen im Juli 1936 entwickelten Aktivität absolut in unsere Richtung, aber unsere Genossen waren sehr wenige, und in dem Maße, in dem die POUM ein wenig die Bewegung in den Massen widerspiegelte, wurde sie trotzkistisch genannt. Das ist der Grund für den schrecklichen Hass gegen uns.

Ich glaube, dass individueller Terrorismus in Russland unvermeidlich ist. Durch ihre Prozesse provozieren sie den Terrorismus, so wie der Zar es getan hat. Es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass kein Bruder oder Schwester von all den Tausenden, die dort erschossen werden, einen Bürokraten erschießen wird. Die Bürokraten tun alles, um die marxistische Tradition gegen den Terrorismus abzuschaffen; die Tendenz des Individuums zum Terrorismus wird durch die Prozesse propagiert. Sie werden in Form von individuellem Terrorismus die Ernte einfahren, die sie gesät haben. Das ist absolut möglich, weil es keine Partei für die Massenbewegung gibt. Terroristische Handlungen sind in den Provinzen zahlreich. Die Persönlichkeit von Nikolajew, der Kirow getötet hat, ist unbekannt – vielleicht war es ein allgemeiner Grund, eine Frau. Sluzkij, der Chef des GPU-Dienstes im Ausland war, sagte Krivitsky, der ihn nach dem Grund fragte, aus dem Nikolajew es machte: „Frage nicht, es ist so mysteriös; es ist besser, nicht zu fragen." Dann erzählte er ihm, dass Stalin nach Leningrad gegangen sei und die erste Untersuchung der Attentäter durchgeführt habe, um der Untersuchung die notwendige Richtung zu geben.

Shachtman: Wir haben es oft unter uns diskutiert: Wie kommt es, dass Stalin in letzter Zeit nicht ermordet wurde?

Trotzki: Zwei Gründe: (1) Die ehrlichen und ernsten Elemente, die nicht glauben, dass irgendetwas dadurch erreicht werden kann und sagen: „Wer wird ihn ersetzen? Molotow? Geht es unter ihm besser?" (2) Er ist persönlich gut bewacht. Keiner der Zaren war so gut bewacht. Aber trotz allem ist der Druck von unten und von oben so groß, dass terroristische Explosionen in der nächsten Zeit entstehen müssen. Es ist sehr zweifelhaft, dass sie etwas grundlegend ändern können; sie können den Sturz der Stalin-Clique beschleunigen, aber zugunsten bewussterer bürgerlicher Elemente, die ebenfalls nicht vorbereitet sind. Wir können nicht erwarten, dass die revolutionären Elemente solch eine Handlung wie im Kampf gegen den Zaren benutzen könnten. Wir haben die Methode der SR abgelehnt; Aber jedes Mal, wenn ein Terrorakt begangen wurde, erklärten wir, dass wir mit den SR sympathisierten, wir erklärten die Gründe und mobilisierten das Gefühl gegen den Zaren. Jetzt haben wir keine Organisation, die diese Propaganda machen könnte.

Ein Krieg würde Stalins Stellung zunächst unweigerlich stärken, da der Geist der Selbsterhaltung der Bürokratie und des Volkes der Kremlbande neue Tatkraft geben würde. Aber während des Krieges wird es genauso sein wie in anderen Ländern. Der Zerfall des Regimes und der Krieg werden den unvermeidlichen Tod dieses Regimes bedeuten. Welches Regime es ersetzen wird, ist Teil der allgemeinen Frage. Wenn der Krieg in den kapitalistischen Ländern eine Revolution hervorbringt, dann wird der Sturz der stalinistischen Clique nur eine sekundäre Episode des Krieges sein – wenn sie nicht sofort durch Arbeiterorganisationen (Sowjets)2 ersetzt werden sollte. Wenn wir für einen Moment jene Hypothese, dass der Krieg das Ende unserer Zivilisation bedeuten sollte, zulassen, würde Russland natürlich fallen. Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Todeskrise des Stalinismus, haben wir geschrieben – und das ist keine Übertreibung –, bedeutet auch den Tod der Komintern. Es ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, fast sicher, dass die Komintern ihre Karriere als kraftvolle Bewegung vor dem endgültigen Sturz der Kreml-Clique in der Sowjetunion beenden wird. Aber es hängt auch in gewissem Maße von unserer eigenen Politik ab.

Was ist die Komintern? Sie ist drei Ströme: (1) der Apparat, der aus Schurken und beschränkten Fanatikern besteht; (2) dann die kleinbürgerlichen Intellektuellen, die während dieser Zeit angezogen werden; (3) die Arbeiter, deren wichtigster Teil von der Partei zuvor angezogen wurde. Nun ist es möglich, dass aus den ersten beiden Strömen – aus dem Apparat und den Intellektuellen – ein Teil zu den Lovestoneisten geht (es ist zu schwierig für sie, sich uns zu nähern, und wir hoffen, dass wir zu den Funktionären und Intellektuellen nicht zu gastfreundlich sein werden – ich kann nur wiederholen, dass wir sehr strenge Regeln in Bezug auf sie festlegen sollten, mindestens ein Jahr Probezeit).

Was den dritten Strom betrifft, den Arbeiter in der stalinistischen Partei, den Arbeiter, der kein Funktionär, sondern ein Basismitglied ist. Wenn ein solcher Arbeiter bis heute geblieben ist, dann nicht deshalb, weil er die Moskauer Prozesse unterstützt hat, sondern weil ein Arbeiter ein sehr tiefes Gefühl der Hingabe, Dankbarkeit hat, psychologisch stabiler [ist]. Er bleibt trotz allem in der Partei. In seiner Bescheidenheit sagt er, er habe es nicht verstanden. Es ist möglich, dass sich der Intellektuelle vor den Arbeitern von der Partei trennt. Aber wenn die Arbeiter brechen, werden sie zu uns eilen und nicht zu den Lovestoneisten.

Deshalb ist es wichtig, in der stalinistischen Partei einen Kern zu haben, um zu erklären und einige Elemente vorzubereiten und Informationen zu haben. Ich glaube, wir haben solche Informationen jetzt nicht, und es ist absolut notwendig, einen Generalstab zu schaffen, um die Stalinisten in der Partei zu bekämpfen, natürlich unter der Leitung unserer Partei. Um einige junge Genossen zu haben, die sich informieren, die die gesamte stalinistische Presse von diesem Standpunkt aus studieren: Was passiert in der Partei, die Konflikte, Ausschlüsse usw. Dann direkte Agenten in der Partei zu haben und Agenten im guten Sinne. Ich glaube, dass in ihren Stäben, in den Büros, die Unterscheidung zwischen dem technischen Personal und den großen Führern sehr scharf sein muss. Browder ist eine Karikatur Stalins – der technische Dienst besteht aus absolut unbedeutenden Persönlichkeiten. Wir können Elemente finden, die mit dem Hausmeister beginnen. Möglicherweise ist der Hausmeister ein Agent der GPU; sehr gut, dann ein noch weniger verantwortungsvoller Posten. Dann die Schreibkräfte. Es gibt sehr privilegierte Schreibkräfte, die zum Dienst von Browder und der GPU gehören, aber es gibt andere in völlig technischen Jobs, die völlig vernachlässigt werden; wir müssen unsere Agenten dort finden, systematisch nach diesen Leuten suchen, eindringen, herausfinden, in freundschaftlichen Kontakt mit dem kommunistischen Arbeiter treten und dann nach und nach einen Informationsdienst schaffen.

Cannon: Was für einen Genossen würdest du als Chef für eine solche Arbeit benennen? Welche Eigenschaften sollte er besitzen?

Trotzki: Ein Genosse wie Abern wäre gut. Ich habe ihn nie getroffen, ich kenne ihn nicht, aber das ist mein Eindruck. Ein Genosse, der systematisch arbeiten kann; Er muss junge Mitarbeiter haben. Man kann der Sache ergebene Frauen mit Erfolg verwenden, aber Frauen, die intelligent sind. Sie haben andere Methoden, mit kommunistischen Arbeiterelementen in Verbindung zu treten.

Shachtman: Wollen Sie Leute in die KP schicken?

Trotzki: Ja, wenn möglich. Sie kennen das Beispiel in Frankreich. Die russische Jugend kam mit dem Ziel, die Sozialistische Jugend zu gewinnen. Sie hatten ein geheimes Treffen, aber die Sekretärin von Fred Zeller war unsere Genossin. Wir haben uns mit dieser Genossin unterhalten und sie gebeten, das Stenogramm sofort zu veröffentlichen. Sie hatte einige Bedenken, stimmte dann aber der Veröffentlichung zu. Nachdem wir das veröffentlicht haben, haben wir die ganze Jugend gewonnen. Zeller zögerte, aber die Basis hatte sofort die wärmste Sympathie für uns, und dann kam Zeller mit ihnen.

Cannon: Das Stenogramm wurde ohne Genehmigung veröffentlicht?

Trotzki: Natürlich. Dann sagte Fred Zeller: „Meine Sekretärin war intelligenter als ich." Eine sehr wichtige Frage im Kampf gegen die Stalinisten ist die Kriegsfrage. Hier glaube ich, dass der Ludlow-Verfassungszusatz sehr wichtig ist; es ist ein Prüfstein, natürlich nicht ausreichend. Und der Ludlow-Verfassungszusatz erhält eine zehnmal größere Bedeutung als wenn die Stalinisten ihn befürworten würden. Unser erster Ansatz war ein bisschen doktrinär und sektiererisch, aber der beste Weg ist es, offen zu sagen, dass wir unsere Linie geändert haben. Das Beste ist auszusprechen, was ist. Sie können sagen, dass wir unser Programm geändert haben, und Sie können Lenins Beispiel in der Agrarfrage nennen. Wir tricksen nicht mit den Arbeitern. Wir haben einen revolutionären Kampf vorgeschlagen, aber wir sind eine kleine Minderheit. Ihr glaubt an den Ludlow-Verfassungszusatz als eine Kontrolle für die Großunternehmen und die Regierung; wir werden mit euch gehen. Aber die letzte Resolution des Nationalkomitees ist zweideutig und McKinneys Aussage, dass wir nichts geändert haben, ist unwahr, nicht aufrichtig. Sie können keine Wendung machen und es den Massen nicht sagen – dann ist es keine Wendung. Wir müssen sagen: „Ja, wir haben diese Wendung gemacht, weil wir mit euch zusammen sein wollen." Sie betonen dies so, dass die Lovestoneisten den Mut verlieren, Ihnen Vorwürfe zu machen. Und die Lovestoneisten sind nicht wichtig. Es betrifft unser Verhältnis zur Arbeiterklasse – das ist wichtig.

[Hier wurde diskutiert, wie unsere Position aussehen sollte, wenn der Ludlow-Verfassungszusatz in überarbeiteter und verwässerter Form (im Kongress) wieder eingebracht würde. Trotzki erklärte, dass er den neuen sehen müsse, aber wir sollten uns in jedem Fall jetzt für den Gesetzesentwurf einsetzen und darauf hinweisen, dass die Initiatoren bereits unfähig sind, dafür zu kämpfen.]3

Shachtman: Und Sie unterscheiden zwischen unserer Unterstützung des Ludlow- Verfassungszusatzes und der Abrüstung?

Trotzki: Abrüstung ist absolut anders. Das ist absolut falsch; der Abrüstungsvorschlag ist fiktiv. Aber mit dem Ludlow-Verfassungszusatz ist es anders; die Arbeiter wollen die Regierung überprüfen. Das hat nichts mit dem Völkerbund, den Schiedsgerichten, dem Gespräch über Abrüstung zu tun. Ich schlage vor, dass wir den Verfassungszusatz mit der Forderung verbinden, dass die Jugend ab dem achtzehnten Lebensjahr wählen darf.

Dunne: Die Jungs von achtzehn werden morgen einundzwanzig sein, wenn der Krieg kommt.

Trotzki: Ja, ja, das ist ein anderes Argument.

Cannon: Glauben Sie, dass die stalinistische Bewegung in den USA irgendwelche Aussichten auf weiteres Wachstum hat – für eine weitere Expansion? In den letzten Jahren sind sie enorm gewachsen, nicht nur in der Mitgliedschaft, sondern auch in den Auswirkungen. Ich bin geneigt zu glauben, dass sie ihren Höhepunkt in den USA erreicht haben, es sei denn, sie erhalten in Verbindung mit einem Krieg der Segen der Regierung als professionelle Patrioten und einflussreiche Polizeiagenten gegen uns. Aber im Großen und Ganzen haben die schreckliche Aufnahme der Moskauer Prozesse und der Zusammenbruch der Volksfrontpolitik und ihrer Außenpolitik der stalinistischen Bewegung in den USA ernsthafte Schläge zugefügt. Heute gibt es einen viel breiteren Angriff gegen den Stalinismus. Dann hat sich auch in vielen Gewerkschaften, in denen sie die Kontrolle hatten, eine mächtige Opposition entwickelt. Jetzt erzählen uns unsere Genossen, dass der Hass gegen die Stalinisten zum Beispiel in der Malergewerkschaft zunimmt, wo sie sich mit den schlimmsten Gangsterelementen verbinden.

Shachtman: Es gibt ein paar andere wichtige Symptome. Zwei liberale Zeitungen in New York, das World Telegram und die Evening Post, herausgegeben von Stern, einem starken Roosevelt-Mann. Aber bis gestern war die Post besonders tolerant gegenüber den Stalinisten, sehr freundlich.

Trotzki: Ich habe den Streit zwischen Mayer4 und dem Redakteur über die Frage Russlands gelesen; es war sehr interessant.

Shachtman: Ja, und jetzt hat die Post eine Kampagne gegen die Moskauer Prozesse eröffnet. Und das World Telegram hat die Artikel Stolbergs veröffentlicht und die Stalinisten in den Gewerkschaften sind getroffen.

Trotzki5: Ich glaube, dass die Niederlage in Spanien, die sich jetzt nähert – das Desertieren der Regierung wird in den kommenden Wochen stattfinden – den größten Eindruck hinterlassen wird und sich gegen die Stalinisten richten wird. Nach der Niederlage werden sich die Bestandteile gegenseitig beschuldigen. Der Hass von den Sozialisten in Spanien ist schrecklich. Dann werden die Freiwilligen zurückkommen und wir werden Hunderte von Beatties haben, weil der Bürgerkrieg eine großartige Schule ist. Dann die Volksfront in Frankreich, es ist ein totaler Zusammenbruch. Heute zeigen die Telegramme, dass die amerikanische Börse wieder nervös ist, dass sie gefallen ist. Das bedeutet die letzten Erschütterungen der New-Deal-Politik mit allen Illusionen. Diese drei Faktoren – die Niederlage in Spanien, die Niederlage der Volksfront in Frankreich und, mit Ihrer Erlaubnis, der Bankrott des New Deal – bedeuten den tödlichen Schlag für die Demokraten. Natürlich kommt es auch auf unsere Tätigkeit an. Nach dem Ersten Weltkrieg schien die Zweite Internationale tot zu sein und in den ersten Jahren wuchs und wuchs die Dritte Internationale. Und ich hoffe jetzt …

Karsner: Die Dritte Internationale wuchs, als es einen Sieg gab. Aber wo immer die Arbeiter jetzt hinschauen, gibt es Niederlagen. Die Arbeiter sind nicht nur vom Stalinismus enttäuscht, sondern auch vom Kommunismus. Ich frage mich, ob diese Hunderte von Menschen aus Spanien zu uns kommen oder die Bewegung verlassen werden.

Trotzki: Das ist absolut richtig. Das bereitet uns große Schwierigkeiten. Die Auswahl unserer Kader ist anders, erfolgt in einer anderen Zeit. Damals hingen die Kader einem siegreichen Staat an, jetzt hängen sie nur einem revolutionären Programm an; unsere Entwicklung ist viel langsamer als die der Komintern. Auf der anderen Seite werden wir eine neue Generation haben. Wir dürfen die neue Generation nicht vergessen, die nicht durch die Stalinisten gegangen ist. Die ganze Frage für uns ist, die Verbindung zwischen unseren Kadern und den Arbeitern zu finden. Die junge Generation ist nicht erschöpft, nicht müde, deshalb ist es symptomatisch, dass wir die Jungen aus der KP gewonnen haben und die kommunistische Jugend sich an uns wendet. Das ist der erste wichtige Schritt auf uns zu und wir werden wachsen.

1Im englischen Text ist „Bevölkerung“ durch eine eckige Klammer zu „Bevölkerungswachstum“ korrigiert, in der französischen Übersetzung ist es stillschweigend geändert.

2In der französischen Übersetzung Komma statt Klammer

3 In der französischen Übersetzung stehen hier Pünktchen und in einer Fußnote heißt es: „Die Stenographin erklärt an dieser Stelle, dass sie bei einer Diskussion der Möglichkeit des Einbringens von Änderungsanträgen zum Ludlow-Verfassungszusatz nicht mitgeschrieben habe.

4Die Herausgeber der französischen Übersetzung halten für möglich, dass Eugene Isaac Meyer gemeint war und die New York Evening Post mit der Washington Post verwechselt wurde.

5In der französischen Übersetzung fehlt die Passage ab „Ja, und jetzt“, so dass die folgende Ausführung als Ausführung Shachtmans erscheint.

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