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Leo Trotzki 19380510 Brief an Denise Naville und Jean Rous

Leo Trotzki: Brief an Denise Naville und Jean Rous

10. Mai 1938

[eigene Übersetzung nach der englischen Übersetzung in Writing of Leon Trotsky, Band 14, New York 1979, S. 771 f., dort unter dem Titel „Political Personality and the Milieu”, Politische Persönlichkeit und Milieu, die französische Fassung scheint eine Rückübersetzung zu sein]

Liebe Genossen,

In meinen beiden Büchern über Lenin und Stalin, an denen ich gleichzeitig arbeite, halte ich es für notwendig, eine theoretische Frage zu klären, die auch von großer politischer Bedeutung ist. Im Grunde handelt es sich um die Beziehung zwischen der politischen oder historischen Persönlichkeit und dem „Milieu". Um direkt zum Kern des Problems zu gelangen, werde ich auf Souvarines Buch über Stalin Bezug nehmen, in dem der Autor die Führer der Linken Opposition, mich selbst eingeschlossen, verschiedener Fehler, Auslassungen, Schnitzer usw. seit 1923 beschuldigt. Auf keinen Fall möchte ich bestreiten, dass es viele Fehler, Schnitzer und sogar Dummheiten gab. Aus theoretischer wie auch aus politischer Sicht ist jedoch die Beziehung bzw. das Missverhältnis zwischen diesen „Fehlern" und ihren Folgen wichtig. Gerade in diesem Missverhältnis drückte sich der reaktionäre Charakter der neuen historischen Etappe aus.

Wir haben 1917 und in den folgenden Jahren nicht wenige Fehler begangen. Aber die revolutionäre Dynamik füllte die Lücken und reparierte die Fehler, manchmal mit unserer Hilfe und manchmal sogar ohne unsere direkte Beteiligung. Aber für diese Periode sind die Historiker, einschließlich Souvarine, nachsichtig, weil der Kampf im Sieg endete. In der zweiten Hälfte des Jahres 1917 und in den folgenden Jahren waren die Liberalen und die Menschewiki an der Reihe, Fehler, Auslassungen, Dummheiten usw. zu begehen.

Ich möchte dieses historische „Gesetz" noch einmal am Beispiel der Großen Französischen Revolution illustrieren, in der rückblickend das Verhältnis zwischen den Akteuren und ihrem Milieu viel klarer definiert und kristallisiert erscheint.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt der Revolution verloren die Führer der Girondisten völlig ihre Orientierung. Trotz ihrer Popularität und ihrer Intelligenz begingen sie nichts als Fehler und Schnitzer. Sie schienen aktiv an ihrem eigenen Untergang mitzuwirken. Später waren Danton und seine Freunde an der Reihe. Historiker und Biographen haben nicht aufgehört, sich über die verwirrte, passive und kindliche Haltung Dantons in den letzten Monaten seines Lebens zu wundern. Dasselbe gilt für Robespierre und seine Freunde: Desorientierung, Passivität und Inkohärenz im kritischsten Moment. Die Erklärung liegt auf der Hand. Zum jeweiligen gegebenen Zeitpunkt hatte jede dieser Gruppen ihre politischen Möglichkeiten erschöpft und konnte nicht weiter gegen die Realität der inneren wirtschaftlichen Bedingungen, den internationalen Druck, die daraus resultierenden neuen Strömungen unter den Massen, usw. voranschreiten. Unter diesen Bedingungen produzierte jeder Schritt Ergebnisse, die dem entgegenliefen, was er erhoffte. Aber politische Enthaltung war kaum günstiger. Die Etappen der Revolution und der Konterrevolution folgten einander in beschleunigtem Tempo, der Widerspruch zwischen den Protagonisten eines bestimmten Programms und der veränderten Lage nahmen einen unerwarteten und extrem akuten Charakter an. Dies gibt dem Historiker die Möglichkeit, seine retrospektive Weisheit durch Aufzählen und Katalogisieren der Fehler, Auslassungen und Schnitzer darzustellen. Aber leider haben diese Historiker unterlassen, den richtigen Weg aufzuzeigen, der in einer Periode des revolutionären Aufschwungs zu einem gemäßigten Sieg hätte führen können, oder andererseits von einer revolutionären Politik, die in einer thermidorianischen Zeit vernünftig und siegreich wäre.

Es ist bedauerlich, dass wir hier keine Bibliothek besitzen, was mich dazu zwingt, die Hilfe unserer französischen Freunde zu erbitten. Es ist notwendig, die Geschichte der Französischen Revolution und die Biographien ihrer Helden durchzusuchen, um die typischsten Beispiele zu diesem Thema zu finden. Es ist notwendig, eine ganze Palette von Beispielen1 von Historikern und Biographen zu präsentieren, beginnend mit den ersten Historiographen der Französischen Revolution bis hin zu Mathiez und seinen Schülern. Je vielfältiger die politischen Ansichten der Historiker und Biographen (von royalistisch bis sozialistisch) sind, desto klarer wird die Frage sein.

Wie ist diese Arbeit zu organisieren? Es könnte vielleicht unter mehreren Freunden aufgeteilt werden, die ausreichend kompetent und interessiert an dem Thema sind. Die Grundlage der Arbeitsteilung sollten weder die historischen Persönlichkeiten noch die Ereignisse sein, sondern nur die Bücher. Mit anderen Worten, jeder Teilnehmer würde die Aufgabe übernehmen, eine bestimmte Anzahl historischer und biographischer Werke zu durchsuchen und daraus alles zu extrahieren, was direkt oder indirekt die vor uns liegende Frage betrifft. Es ist besser, zu viel als zu wenig zu zeigen. Alle Referenzen müssen absolut exakt sein und die Arbeit, die Ausgabe und die Seite anzeigen. Es ist unnötig zu sagen, dass diese Hilfe von größtem Wert für mich wäre.

1In der französischen Übersetzung: „eine große Parade von Zitaten“

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