Leo Trotzki‎ > ‎1935‎ > ‎

Leo Trotzki 19350508 Tagebucheintrag

Leo Trotzki: Tagebucheintrag

[Nach Tagebuch in Exil. Köln-Berlin 1958, S. 141-149]

8. Mai

Über Paris wird aus Moskau berichtet: »Man hat Ihnen natürlich über die kleine Unannehmlichkeit, die sie hatten, geschrieben.« Offenbar handelt es sich dabei um Serjoscha (und dessen Freundin). Man hat uns aber nichts geschrieben, sicherlich ist der Brief unterwegs verlorengegangen wie die Mehrzahl aller Briefe, auch der harmlosesten. Was heißt das »kleine Unannehmlichkeit«? Was ist hier der Maßstab für »klein«? Von Serjoscha selbst keine Nachrichten…

Das Altwerden ist eine der größten Überraschungen, die der Mensch erlebt.

Es scheint, als habe die norwegische Arbeiterregierung fest zugesagt, mir das Einreisevisum zu erteilen. Ich werde wohl nicht umhin können, von dieser Einreisegenehmigung Gebrauch zu machen. Der weitere Aufenthalt in Frankreich wird wohl in beiden Alternativfällen mit immer größeren Schwierigkeiten verbunden sein: sowohl im Falle des ununterbrochenen Vordringens der reaktionären Kräfte als auch im Falle einer günstigen Entwicklung der Revolutionsbewegung. Da die Regierung nicht die Möglichkeit hat, mich in ein anderes Land abzuschieben, kann sie sich, nachdem sie mich »theoretisch« ausgewiesen hat, nicht entschließen, meine Deportierung in eines der Kolonialgebiete zu verfügen, weil ein solcher Schritt zu viel Geschrei auslösen und außerdem der dauernd betriebenen Agitation neuen Stoff zuführen würde. Allerdings werden solche sekundären Erwägungen im Zuge der Zuspitzung der innerpolitischen Lage in den Hintergrund treten, so dass wir – ich und N. – in eines der Kolonialländer geraten könnten. Selbstverständlich nicht nach Nordafrika mit seinen verhältnismäßig günstigen Lebensbedingungen, sondern irgendwohin in ein viel ferneres Gebiet… Das wäre gleichbedeutend mit einer politischen Isolierung, die bei weitem vollständiger als auf Prinkipo sein würde. Unter diesen Umständen erscheint es vernünftiger, Frankreich beizeiten zu verlassen.

Allerdings liefern die Gemeindewahlen den Beweis für eine gewisse »Stabilität« der innerpolitischen Verhältnisse. Diese Tatsache wird von der gesamten Presse in allen Tonarten hervorgehoben, obwohl die Kommentare dazu recht verschieden lauten. Indessen, es wäre die größte Dummheit, sich auf diese »Stabilität« zu verlassen. Die Mehrheit wählt nach dein Vorbild von »gestern«, denn irgendwie muss ja gewählt werden. Eine Neuorientierung ist noch von keiner Bevölkerungsklasse vollzogen worden. Doch diese Umorientierung ergibt sich zwangsläufig aus der Gesamtheit der objektiven Verhältnisse, die Führungsstäbe zu diesem Zweck sind zumindest im Lager der Bourgeoisie bereits gebildet. Der »Kontinuitätsbruch« kann im Verlauf dieser Entwicklung sehr schnell eintreten und wird sich in jedem Falle auf eine rasante Art und Weise abspielen.

Selbstverständlich ist Norwegen nicht Frankreich: eine Sprache, die ich nicht beherrsche, ein kleines Land, weitab von den Hauptverkehrsadern, Postdienstverzögerungen usw. Immerhin ist alles das doch günstiger als Madagaskar. Die Sprache wird sich bald so weit meistern lassen, dass der Inhalt der Zeitungen zu erfassen sein wird. An und für sich, aber auch besonders im Hinblick auf den Vorabend der Übernahme der Macht durch die Labour Party in Großbritannien ist der Erfahrungsschatz der norwegischen Arbeiterpartei von großem Interesse. Im Falle eines faschistischen Sieges in Frankreich wird sich der skandinavische »Schützengraben« der Demokratie nicht lange behaupten können. Indessen kann es sich in der gegenwärtigen Lage nur um eine »Atempause« handeln…

Im letzten Brief, den N. von Serjoscha erhalten hatte, schrieb er gleichsam en passant: »Die Gesamtsituation erweist sich als äußerst schwierig, bedeutend schwieriger, als man sie sich vorstellen könnte…« Dies konnte zunächst den Schein erwecken, als bezögen sich diese Worte auf rein persönliche Angelegenheiten. Doch wird es jetzt klar, dass es sich dabei um die politische Lage handelt, so wie sie sich für Serjoscha nach der Ermordung Kirows durch die in Verbindung damit stehende neue Verfolgungswelle gestaltet hat (der Brief ist vom 9. Dezember 1934 datiert). Ich kann unschwer denken, was alles er nicht nur in den Versammlungen und beim Lesen der Zeitungen, sondern auch bei persönlichen Begegnungen, in Gesprächen und (dies unterliegt gar keinem Zweifel!) durch zahllose Provokationen seitens verschiedener kleiner Karrieremacher und Lumpen zu ertragen hat. Alle diese schweren Erlebnisse würden sich auszahlen, wenn nur Serjoscha an der aktiven Politik interessiert und vom Geist der Parteilichkeit beherrscht wäre. Doch diese innere Triebfeder fehlt ihm ganz und gar. Um so schwerer hat er's…

Wieder befasse ich mich mit dem Tagebuch, weil ich mich mit nichts anderem beschäftigen kann: der Gezeitenwandel in meiner Arbeitsfähigkeit hat sehr akute Formen angenommen…

Während unseres Nomadendaseins nach unserer Verweisung aus Barbizon im vorigen Sommer musste ich mich von N. trennen: sie blieb in Paris, ich und zwei junge Genossen zogen von Hotel zu Hotel. Wir wurden von einem Agenten der Sûreté beschattet. Offenbar hatte die Polizei Verdacht geschöpft, ich hätte irgendwelche absichtsvollen Pläne bezüglich der Schweiz und Italiens, und verriet mich an die Zeitungsleute: Frühmorgens entdeckte M. in einer beim Friseur ausliegenden Zeitung eine sensationelle Pressenotiz, in der unser Aufenthaltsort angegeben war: M. war soeben, von Paris ankommend, bei mir eingetroffen. Noch bevor die Pressenotiz den notwendigen Eklat hervorrufen konnte, fanden wir Zeit zu verschwinden. Wir besaßen einen kleinen, recht klapperigen Ford, dessen Beschreibung und Kennzeichen in der Presse bekanntgegeben worden waren. Wir mussten diesen Kraftwagen loswerden und einen anderen, ebenfalls einen Ford, doch eines anderen, älteren Typs, kaufen. Erst danach fiel es der Sûreté ein, mich wissen zu lassen, dass es für mich nicht ratsam wäre, die Reise in den grenznahen Departements zu unterbrechen. Darauf beschlossen wir, eine Villa in einer nicht grenznahen Ortschaft zu mieten. Doch mussten wir zwei bis drei Wochen für die Suche opfern: mindestens 300 km von Paris, mindestens 30 km vom Departementszentrum entfernt, nicht in einem Industrierevier usw. – das waren die Bedingungen der Polizei. Wir beschlossen, für die Zeit, in der wir auf der Suche nach einer Unterkunft sein würden, in eine Fremdenpension zu gehen. Allein, das war nicht leicht getan: die Anmeldung auf Grund unserer eigenen Ausweispapiere war nicht möglich, mit der Verwendung von gefälschten Ausweisen war die Polizei nicht einverstanden. Allerdings werden französische Staatsangehörige nicht aufgefordert, sich auszuweisen, doch würde man uns an der gemeinsamen Tafel einer Fremdenpension schwerlich für Franzosen gehalten haben. Nur um ein so bescheidenes Vorhaben wie das Unterkommen in einer bescheidenen Vorortspension – unter Aufsicht eines Agenten der Sûreté –, zu verwirklichen, waren wir also gezwungen, einen äußerst komplizierten Trick anzuwenden. Wir beschlossen, als französische Staatsbürger ausländischer Herkunft aufzutreten. Zu diesem Zweck wurde von uns ein junger französischer Genosse, der einen holländischen Namen hatte, als Neffe herangezogen. Doch wie um die Teilnahme an der gemeinsamen Tafel der Pension herumkommen? Ich schlug vor, Trauerkleidung anzulegen und unter diesem Vorwande die Mahlzeiten in unserem Pensionszimmer einzunehmen. Der »Neffe« sollte dabei an der gemeinsamen Tafel teilnehmen und den Verkehr im Hause überwachen. Dieser Plan stieß vor allem auf N.s Widerstand: Sie empfand die Trauerkleidung und die damit verbundene Verstellung als eine persönliche Beleidigung. Doch die Vorteile, die der Plan bot, waren zu handgreiflich: sie musste sich fügen. Unser Einzug verlief bestens. Sogar die drei südamerikanischen Studenten, die eine nur geringe Neigung zu diszipliniertem Benehmen an den Tag legten, verstummten regelmäßig beim Erscheinen der neuen Pensionsgäste in Trauerkleidung und grüßten sie ehrerbietig. Lediglich die an den Wänden des Korridors angebrachten Kunststiche: Königlicher Reitersmann, Marie Antoinettes Abschied von ihren Kindern und andere derselben Art riefen in mir eine gewisse Verwunderung hervor. Des Rätsels Lösung kam sehr schnell. Gleich nach dem Mittagessen erschien unser »Neffe« bei uns in starker Erregung: Wir sind in eine royalistische Fremdenpension geraten! In diesem Hause wird nur eine einzige Zeitung anerkannt – die Action Française*.

Die blutigen Ereignisse, die sich kurz zuvor in der Stadt abgespielt hatten (eine antifaschistische Demonstration), hatten die politischen Leidenschaften in der Pension zum Sieden gebracht. Im Mittelpunkt der royalistischen »Verschwörung« stand die Pensionsinhaberin, die als Krankenschwester während des imperialistischen Krieges mit einer Verdienstmedaille dekoriert worden war: sie unterhielt enge persönliche Beziehungen zu royalistischen und faschistischen Zirkeln der Stadt.

Am darauffolgenden Tage bezog – wie es sich gehört –, der Sûretéagent G., Verteidiger der Republik von Amts wegen, ein Zimmer in der Pension. Ausgerechnet in jenen Wochen hatte Léon Daudet in den Spalten der Action Française eine wütende Kampagne gegen die Sûreté entfesselt, die als eine Bande von Gaunern, Verrätern und Mördern apostrophiert wurde (insbesondere klagte Daudet die Sûreté des Mordes an seinem Sohne Philippe an). Der Sûretéagent, der etwa 45 Jahre alt war, entpuppte sich als ein Mann von Welt höchsten Niveaus: er verkehrte überall, war über alles unterrichtet und besaß die Fähigkeit, eine Unterhaltung mit der gleichen Leichtigkeit über Automobile – oder Weinmarken, über die vergleichsweise Rüstungsstärke verschiedener Länder oder über die jüngsten Kriminalprozesse wie auch über die Neuerscheinungen der Literatur zu führen. In Fragen der Politik war er bestrebt, taktvolle Neutralität zu wahren. Doch der Pensionsinhaber (vielmehr der Mann der Inhaberin), ein reisender Handelsvertreter, bemühte sich unentwegt, in dem Sûretéagenten Sympathiegefühle für die von ihm vertretenen royalistischen Ansichten zu wecken. – Und doch ist die Action Française die beste Zeitung Frankreichs! – G. reagierte in versöhnlichem Tone: Charles Maurras verdient tatsächlich Hochachtung, dagegen ist Daudet unmöglich grob. – Der Pensionsinhaber insistierte höflich: Nun ja, natürlich kann Daudet hier und da ein bisschen grob werden, aber er hat ja auch Recht darauf: die Lumpen haben ihm doch den Sohn ermordet!

Es muss gesagt werden, dass G. an dem »Fall« des jungen Philippe Daudet stärkstens beteiligt war, so dass diese Anklage sich gegen ihn persönlich richtete. Aber auch in dieser Lage verstand es G., das Gesicht zu wahren: »Damit bin ich aber nicht einverstanden«, erwiderte er dem nichtsahnenden Pensionsinhaber, »jeder von uns beiden wird bei seiner Meinung bleiben.« Unser »Neffe« berichtete uns nach jedem repas über diese an Molière erinnernden Szenen, und eine halbe Stunde fröhlichen, wenn auch unterdrückten Lachens (wir trugen ja Trauer!) entschädigte uns wenigstens teilweise für die Unbill unseres Daseins… Sonntags begaben N. und ich uns »zur Messe« – in Wirklichkeit machten wir einen Spaziergang: dadurch wuchs unser Ansehen im Hause.

Gerade um die Zeit unseres Aufenthalts in jener Pension brachte die Wochenillustrierte L'Illustration eine Großaufnahme von mir zusammen mit N. Ich war nicht leicht zu erkennen, da ich Bart und Schnurrbart weg rasiert hatte und mein Haar anders gekämmt trug, dagegen war N. auf der Aufnahme sehr gut zu erkennen … Soweit ich mich erinnere, kam es anlässlich der Veröffentlichung dieser Aufnahme zu irgendwelchen Tischgesprächen über uns. – Als erster schlug G. Alarm: »Wir müssen unverzüglich abreisen!« Anscheinend hatte ihn überhaupt die Langeweile des Aufenthalts in der bescheidenen Fremdenpension gepackt. Aber wir gaben nicht nach und blieben solange unter dem royalistischen Dach, bis wir eine Villa gemietet hatten. Dabei war uns das Glück wieder einmal nicht hold. Der Präfekt des Departements erteilte uns (durch einen französischen Genossen M., der die Verhandlungen mit ihm geführt hatte) die Genehmigung, an einem beliebigen Ort in einer Entfernung von 30 km von der Stadt Wohnung zu nehmen. Als aber M. ihm genau angab, wo sich die vermietete Villa befand, rief der Präfekt aus: »Sie haben den ungünstigsten Platz gewählt, dieses Nest ist eine Kleriker-Hochburg und der Bürgermeister mein persönlicher Feind.« Und tatsächlich, in unserer Villa (einem bescheidenen Landhaus) waren an allen Zimmerwänden Kruzifixe und fromm-erbauliche Stiche angebracht. Der Präfekt bedrängte uns, eine andere Wohnung zu nehmen. Wir hatten aber mit der Hausbesitzerin bereits einen Vertrag abgeschlossen; das viele Herumreisen und der häufige Wohnungswechsel hatten uns ohnehin ruiniert. Wir weigerten uns, die Villa aufzugeben. Etwa zwei Wochen darauf erschien im lokalen Erpresser-Wochenblättchen die Meldung: T. hat sich mit Frau und Sekretären da und da niedergelassen. Die Anschrift war nicht genannt, aber ein Bereich von einigen Quadratkilometern war ganz genau angegeben. Kein Zweifel konnte daran bestehen, dass es sich um ein Manöver des Präfekten handelte und dass seine nächste Handlung die Bekanntgabe der genauen Adresse sein würde. Wir waren gezwungen, die Villa eiligst zu verlassen…

Die Jubiläumsfeiern in England erwecken einen erniedrigenden Eindruck: eine marktschreierische Schau der Servilität und Dummheit. Die Großbourgeoisie weiß wenigstens, was sie zu tun hat: in den bevorstehenden Kämpfen wird ihr der mittelalterliche Plunder als eine erste Barrikadenzeile gegen das Proletariat von Nutzen sein.

Comments