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Leo Trotzki 19340120 Die Quellen des Bürokratismus

Leo Trotzki: Die Quellen des Bürokratismus

[Nach Neue Weltbühne, 3. Jahrgang Nr. 7 (15. Februar 1934), S. 195-199]

In der klassischen Periode des Bolschewismus ging jedem Parteikongress eine heiße, ein paar Wochen währende Diskussion voraus – dem jetzigen Kongress nur eine bürokratische „Säuberung", die sich über ein halbes Jahr erstreckt. Der Kongress kann lediglich eine eindrucksvolle Parade der Bürokratie sein.

Liberale und Sozialdemokraten kommen oft mit der äußerst oberflächlichen Analogie zwischen Bolschewismus und Faschismus. Der selige Serrati – ehemaliger Führer der italienischen Maximalisten, in den letzten Jahren seines Lebens Kommunist – sagte 1924 zu mir: „Zu unsrer Schande hat Mussolini von den Bolschewiki viel mehr gelernt, als wir". Überflüssig, die Unversöhnlichkeit der Ziele darzulegen, welche diese beiden Weltrichtungen verfolgen: die. eine, welche die zusammenbrechende kapitalistische Gesellschaft vermittels allgewaltiger Polizeiherrschaft verewigen will, und die: andre, die mit den Methoden der revolutionären Diktatur Klassen und Staat liquidieren, also eben dadurch Gesellschaft und menschliche Persönlichkeit befreien will. Aber im Prozess eines Kampfs von Todfeinden werden nicht selten die Waffen vertauscht. Tatsache ist, dass der Faschismus im Kampf um die Macht vieles beim Bolschewismus entlehnte; die Sowjetbürokratie hat in der letzten Periode vom siegreichen Faschismus übernommen die Befreiung von der Kontrolle durch die Partei und den Führerkult.

Der Zusammenhang zwischen der Vergottung von Führer und Führern (die örtlichen Führer werden innerhalb eines bei stimmten Bereichs vergöttert) und der Vergewaltigung des Parteistatuts, der Abwürgung der Kritik an den oberen Instanzen, der Einberufung der Kongresse zu willkürlichen Zeitpunkten nach noch willkürlicheren Säuberungen – dieser Zusammenhang liegt auf der Hand. In ihrer Gesamtheit sind diese Erscheinungen gleichbedeutend mit der Liquidierung der Partei als eines aktiven politischen Ganzen, das seinen Apparat prüft, wählt und erneuert. Wohin und warum, ist die bolschewistische Partei entschwunden?

Der sozialen Entwicklung im Allgemeinen und der proletarischen Diktatur im Besonderen kann man weder Marschroute noch Normen aus der reinen Vernunft heraus vorschreiben, Naiv ist es zu erklären, der Sowjetstaat sei keine Diktatur des Proletariats, nur weil die augenblickliche Form der Diktatur unsern apriorischen Vorstellungen nicht entspricht. Darf man also die Wirklichkeit nicht an Idealnormen messen, so ist es nicht weniger unstatthaft und gefahrvoll, aus der Sowjetwirklichkeit eine Idealnorm zu machen. Der geschichtliche Zusammenbruch der Komintern ist vor allem dadurch verursacht, dass sie den Sowjetstaat – genauer die Sowjetbürokratie – zu einem kategorischen Imperativ ausrief. Indes braucht das internationale Proletariat und der Sowjetstaat jetzt nichts so sehr wie die freie, voraussetzungslose, marxistische Kritik.

Der raue Charakter der Diktatur ist bedingt durch die Notwendigkeit, den Widerstand der gestürzten besitzenden Klassen zu ersticken und ihre wirtschaftlichen Wurzeln auszuroden. Doch diese Hauptaufgabe des Arbeiterstaats ist nach der offiziellen Theorie im Wesentlichen bereits erfüllt. Der zweite Fünfjahresplan soll sie lediglich vollenden. Schon die 17. Parteikonferenz (Januar 1933) beschloss – dieser Beschluss wiederholt sich heute tagaus, tagein –, Aufgabe des zweiten Fünfjahresplans sei nicht nur „die Liquidierung der kapitalistischen Elemente und der Klassen überhaupt" sondern auch „die völlige Beseitigung der Ursachen, welche die Klassenunterschiede und die Ausbeutung erzeugen". Unter den Verhältnissen, die der zweite Fünfjahresplan schaffen soll, bleibt der Staatsgewalt nichts mehr zu tun. Der Kampf gegen die äußeren Gefahren erfordert selbstverständlich auch in der sozialistischen Gesellschaft eine mächtige Militärorganisation, aber jedenfalls nicht innerstaatlichen Zwang, nicht das Regime einer Klassendiktatur. Wo die Ursachen verschwinden, da verschwinden auch die Wirkungen.

In Wirklichkeit glaubt niemand unter den Beherrschern der Sowjetunion an eine solche Perspektive. Der zweite Fünfjahrplan, zugeschnitten auf vollständige und endgültige Liquidierung der Klassenunterschiede, sieht jedenfalls keine Lockerung des staatlichen Zwangs, nicht einmal eine Kürzung des GPU-Budgets vor. Die herrschende Bürokratie denkt natürlich nicht im Mindesten daran, ihre Kommandostellen abzutreten; sie versieht sie im Gegenteil mit immer neuen materiellen Sicherungen. Der Zwang, und zwar auch der innerhalb des formellen Parteirahmens, ist schon jetzt von einer solchen Schärfe, wie man sie in den Jahren des Bürgerkriegs nie erlebte. Und dabei wird in allen offiziellen Reden und Aufsätzen die Perspektive einer weiteren Verstärkung der Diktaturmethoden entworfen.

Von jungen Sowjettheoretikern wurde zwar der Versuch unternommen, die Sache so darzustellen, als ob das sozialistische Wachstum des Landes und die Liquidierung der Klassen schon vor unsern Augen zu einer Linderung und Abschwächung der rein staatlichen Verrichtungen führe. Mancher hat es geglaubt. Die Verschmelzung des Volkskommissariats für Arbeit mit den Gewerkschaften versuchte Louis Fischer in der ,Neuen Weltbühne' – bei einem seiner überhaupt nicht sehr glücklichen Abstecher ins Reich der Theorie – als den Beginn der Liquidierung des Staats hinzustellen. In Wirklichkeit haben wir es nur mit der Verschmelzung zweier bürokratischer Apparate zu tun. Das neue Parteistatut, das dem 17. Kongress zur Billigung vorgelegt wurde, macht einen entschiedenen Schritt zur Verschmelzung von Staat und Partei; wie aber? Auf dem Wege der endgültigen und formellen Ersetzung sowohl der Partei wie der Massensowjets durch einen einzigen bürokratischen Apparat! Es handelt sich nicht um das „Absterben" des Staats im Sinn von Friedrich Engels sondern – im Gegenteil – um seine weitere bürokratische Konzentration. Kein Wunder, wenn die herrschenden Spitzen die unvorsichtigen jungen Theoretiker unsanft zurechtwiesen, die aus der Liquidierung der Klassen politische Schlussfolgerungen ziehen wollten.

Das Absterben der Politik im sozialistischen Sinn des Wortes setzt voraus die Liquidierung der Politik überhaupt – folglich auch des staatlichen Zwangs – und ist das Zeichen dafür, dass sich die Gesellschaft einem anarchischen, durchaus nicht einem bürokratischen Regime nähert. Ist es das, was wir in der sowjetistischen Wirklichkeit sehen?

Wenn die „Politik" in der USSR verschwunden ist, so nur für die Massen. Alle Politik ist monopolisiert, zentralisiert, personifiziert. Es wäre eine große Naivität zu meinen, die fortwährende Vergottung des Führers sei ein Erzeugnis privaten schlechten Geschmacks und beamtenhafter Speichelleckerei. Eine solche rein psychologische Erklärung erklärt nichts. In Wirklichkeit ist die Vergottung des Führers ein notwendiger Bestandteil des heutigen politischen Regimes der UdSSR. Da die Arbeiter der Möglichkeit beraubt sind, ihren Apparat neu zu wählen und zu lenken, ist irgendeine andere Instanz für die Lösung der Staatsfragen nötig. Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der unkontrollierten Bürokratie müssen von oben her geregelt werden, von einem „Führer" – der nichts andres ist als der personifizierte Apparat.

Aber wenn's bislang nicht um das Absterben der Staatsgewalt geht, sondern um ihre höchste Steigerung, dann muss es tiefe soziale Widersprüche geben, die diesen Prozess verursachen. In welcher Richtung sind sie zu suchen?

Als Radek 1932 mit dem Verfasser dieser Zeilen auf den Seiten des ;Berliner Tageblatts' polemisierte, erklärte er mit der ihm eignen Frivolität der Formulierung, Sozialismus bedeute vergesellschaftete Produktions- und Verteilungsmittel, nichts weiter; und wenn die Arbeiterkinder keine Milch hätten, so erkläre sich das durch die unzureichende Anzahl Kühe und nicht durch den Mangel an Sozialismus.

Bei all ihrer gewinnenden Einfachheit ist diese Theorie von Grund auf falsch. Der Sozialismus setzt nicht nur vergesellschaftete Produktionsmittel voraus, sondern auch deren Fähigkeit, alle menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Grade darum hieß es in den alten Lehrbüchern, die sozialistische Gesellschaft sei möglich nur bei einer gewissen Entwicklungshöhe der Produktivkräfte. Zwar zog die Sozialdemokratie aus dieser Feststellung den reaktionären Schluss, das russische Proletariat solle überhaupt nicht die Macht ergreifen. Zu demselben Schluss kamen sie 1915 auch für Deutschland und haben diese Lehre durch Noskes Offiziere Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg energisch zu verstehen gegeben. Doch die Schlussfolgerung der Sozialdemokratie ist nicht weniger falsch als die Radeks. Die Theorie Kautskys, Fritz Adlers, Leon Blums und der andern rechnete mit einer äußerst harmonischen Entwicklung der Gesellschaftsformen: Nachdem die Produktivkräfte die notwendige Reife erlangt haben, werden sie die Herren sozialistischen Führer an die Macht bitten. Alles geschieht im Rahmen der Demokratie – mit allem Komfort für alle Beteiligten. In Wahrheit ist die Grundeigenschaft der geschichtlichen Entwicklung die beständige Störung des Gleichgewichts zwischen den Produktivkräften und der Politik, Zwischen den Produktivkräften selbst – etwa zwischen Industrie und Landwirtschaft –, zwischen dem sozialen Gewicht der Bourgeoisie und dem des Proletariats, zwischen der potenziellen Stärke des Proletariats und der tatsächlichen Stärke seiner Partei und so weiter. Die widerspruchsvollen geschichtlichen Bedingungen zwangen das russische Proletariat, als erstes die Macht zu ergreifen, obgleich es vom Standpunkt der „vernünftigen" sozialistischen Buchhaltung ungleich vorteilhafter gewesen wäre, wenn vorerst das Proletariat der Vereinigten Staaten, Englands oder Deutschlands die Macht ergriffen hätte. Wäre aber das russische Proletariat die menschewistische Route gegangen, hätte es die Macht nicht ergriffen und die Produktionsmittel nicht sozialisiert, dann wäre Russland das Schicksal Chinas beschieden gewesen.

Allein, die Missverhältnisse der zurückgebliebenen und sprunghaften wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung verschwanden nicht in der Diktatur des Proletariats; sie erlangten bloß unkenntliche Gestalt. Die Produktivkräfte der UdSSR entwickeln sich heute in vergesellschafteter Form, durchlaufen aber immer noch – besonders auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet – Stadien, die die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder schon längst hinter sich gelassen haben. Daher stammen sowohl, die scharfen sozialen, Widersprüche der Sowjetgesellschaft – trotz „Vernichtung der, Klassen" – wie die entsetzliche theoretische Verwirrung der Führer.

Der Sozialismus, das heißt die harmonische Produktions- und Verteilungsordnung, setzt jedenfalls voraus, dass alle Kinder hinreichend Milch bekommen. Sind die Kühe vergesellschaftet, ihre Anzahl aber zu klein oder ihre Euter schlaff, so ist das noch kein Sozialismus; denn wegen der fehlenden Milch entspinnen sich Konflikte: zwischen Stadt und Land, zwischen den Kollektivwirtschaften, Staatsgütern und Einzelbauern, zwischen den verschiedene Schichten des Proletariats, zwischen allen Werktätigen und der Bürokratie. Grade diese scharfen, ununterbrochenen, Konflikte – die unausbleiblich sozialen und, der Tendenz nach, Klassencharakter annehmen – erfordern gewaltsame Einmischung von oben, das heißt staatlichen Zwang. Zuweilen führt – wie wir beobachten – das Geraufe um die Milch zu böswilliger Vertilgung des Milchviehs, was die Staatsgewalt zwingt, die Kuh wieder zu entsozialisieren, indem man sie dem Bauer als Privateigentum zurückgibt. Vor einigen Tagen erst sah sich die Regierung aus ähnlichen Gründen gezwungen, die Pferde an die Bauern zu „lebenslänglicher Benutzung" zurückzugeben. In diesen einfachen Tatsachen ist die eigentliche Lösung des Rätsels von der bürokratischen Allmacht enthalten. Keineswegs bloß als Paradoxon lässt sich sagen: Eine Spezialreligion der Alten vergötterte – ebenfalls aus Mangel an Vieh – den Stier Apis; der bürokratische Monotheismus basiert auf der Kuh, – nicht auf der, die da ist, sondern auf der, die fehlt.

Das Problem erschöpft sich natürlich nicht mit der Milch; bei Milch und Brot beginnt es erst. Der Widerspruch zieht sich durch das gesamte System der Wirtschaft und der gesellschaftlichen Beziehungen. Diese Frage soll noch behandelt werden.

(Übersetzt von Walter Steen [Rudolf Klement])

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