Leo Trotzki‎ > ‎1934‎ > ‎

Leo Trotzki 19341230 Die Anklageschrift

Leo Trotzki: Die Anklageschrift

[Nach Unser Wort, Halbmonatszeitung der IKD, 3. Jahrgang, Nummer 1 (53), Anfang Februar 1935, S. 1]

Mit der unvermeidlichen Verspätung um einen Tag erhielt ich die Pariser Zeitung «l'Humanité» vom 28. Dezember 1934 mit den Auszügen aus der Anklageschrift und den Kommentaren eines gewissen Duclos. Da Auszüge wie Kommentare von der GPU stammen, ist es überflüssig, auf die bezahlten Lakaien einzugehen; es genügt, die Pläne der Herren aufzudecken.

Wie zu erwarten, wird in der Anklage die Gruppe Sinowjew-Kamenew mit keinem Wort erwähnt. Mit anderen Worten: das ursprüngliche Amalgam löste sich in blauen Dunst auf. Aber unterwegs hat es seinen Zweck erfüllt, psychologisch ein anderes Amalgam vorzubereiten: in der Anklageschrift taucht ganz unerwartet – unerwartet für die Naiven – der Name Trotzki auf. Kirows Mörder Nikolajew stand – seinem Geständnis zufolge – in Verbindung mit dem Konsul eines fremden Staates. Bei einem der Besuche Nikolajews auf dem Konsulat händigte ihm der Konsul als Spesen 5.000 Rubel aus. Nikolajew fügt hinzu: «Er sagte, er könne die Verbindung mit Trotzki herstellen, wenn ich ihm einen Brief der Gruppe für Trotzki übergeben würde.» Das ist alles. Punkt. Dann kommt die Anklage auf diese Episode nicht mehr zurück. Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass Nikolajew seine Aussage über den ausländischen Konsul und dessen .Anerbieten, an Trotzki einen Brief weiterzuleiten, erst zwanzig Tage nach seiner Verhaftung machte. Offenbar musste der Untersuchungsrichter zwanzig Tage lang dem Gedächtnis des Terroristen nachhelfen, um ihm eine so wertvolle Aussage zu entlocken! Aber gehen wir weiter. Nehmen wir an, die Aussage sei authentisch. Nehmen wir ferner an, der betreffende Konsul existiere tatsächlich. Nehmen wir an, er sei in Verbindung getreten mit der terroristischen Gruppe (solche Fälle hat es in der Geschichte bereits gegeben). Wie und warum aber taucht hier mein Name auf? Etwa, weil die terroristische Gruppe Verbindung mit Trotzki suchte? Nein. das zu behaupten entschließt sich selbst die GPU nicht; Sucht vielleicht Trotzki Verbindung mit der terroristischen Gruppe? Nein, auch das wagt die Anklage nicht zu sagen. Der Konsul selbst ist es, der die Initiative ergreift und, während er am Vorabend des sich vorbereitenden terroristischen Aktes Nikolajew 5.000 Rubel übergibt, um einen Brief auf den Namen Trotzki bittet. Nur diese Mitteilung – eine wahrlich erstaunliche Mitteilung! – macht Nikolajew. Die Gestalt des «Konsuls» erstrahlt mit einem Mal in Magnesiumlicht. «Der Konsul» wacht! «Der Konsul» ist auf dem Posten! «Der Konsul» braucht ein kleines Dokumentchen: einen Brief der von ihm finanziellen Terroristen an … Trotzki. Bekam er diesen Brief? Eine, will scheinen, nicht unwichtige Frage. Doch gerade hierüber erfahren wir aus der Anklage, wie sie in der «Humanité» wiedergegeben ist, nicht ein Wort. Haben sich etwa weder Untersuchungsrichter noch Staatsanwalt für diesen Umstand interessiert? Denn es sind ja doch nicht die dunklen Geschäfte eines niemanden bekannten Konsuls, worum das Interesse kreist, sondern de Frage der Beziehung der Terroristen zu Trotzki. Gab es solche Beziehungen, ja oder nein? Wurde der Brief geschrieben und überreicht? Hat man eine Antwort erhalten? Auf diese unausweichliche Fragen vernehmen wir keine Antwort. Ist das erstaunlich ? Nur für Naive. Die GPU konnte dem Staatsanwalt auf diesem Gebiet, über das sie den Schleier des Schweigens zu werfen gezwungen ist, keine Indiskretion gestatten. Man kann nicht zweifeln, der Brief ist nie geschrieben worden, denn wenn die Terroristen irgendetwas von Trotzki wussten – und unmöglich konnten sie nichts wissen – so durfte ihnen meine unversöhnliche Erstellung zum Abenteurertum des individuellen Terrors, die den roten Faden der 37 Jahre meiner revolutionären und literarischen Wirksamkeit bildet, kein Geheimnis geblieben sein (siehe die Dutzende von Artikeln in meinen vom Staatsverlag herausgegebenen «Gesammelten Schriften».) Allein zugeben, dass die Terroristen nicht den geringsten Grund sahen, mit Trotzki Verbindung zu suchen, und darum auf das einladende Anerbieten des «Konsuls» nicht eingingen, hieße das ganze Amalgam umstoßen. Lieber schweigen! Machen wir jedoch für einen Moment die ganz unwahrscheinliche Annahme: dem beredsamen Provokateur wäre es gelungen, tatsächlich den ihn so interessierenden Brief zu bekommen. Doch wohin damit? Natürlich wäre es sehr verlockend, Trotzki diesen Brief zu übermitteln und … von ihm für die Leningrader «Anhänger» irgendeine ermunternde Antwort zu erhalten, sei es auch ohne Zusammenhang mit dem Terror. Aber, wenn nicht der Konsul, so doch seine Inspiratoren, begriffen nur zu gut die Gewagtheit eines solchen Unternehmens: die früheren Provokationsversuche, allerdings kleineren Ausmaßes, hatten mit dem unvermeidlichen Fiasko geendet. Der Brief – wenn er, wir wiederholen, aller Wahrscheinlichkeit zuwider geschrieben wurde – musste einfach als ein dem Zweck nicht entsprechendes Instrument im GPU-Archiv bleiben. Doch das kann man laut nicht sagen, ohne damit zuzugeben, dass der Konsul dem Wrangeloffizier verdammt ähnlich sieht (siehe unten).

Allein ist es denkbar: ein Konsul als agent provocateur? Wir wissen überhaupt nicht, ob es sich um einen wirklichen oder falschen Konsul handelt1: die Mystifizierungsmöglichkeiten sind in vorliegendem Falle unbegrenzt. Aber auch die echten Konsuln sind alles andere als Heilige. So mancher von ihnen befasst sich mit Schmuggel, verbotenen Lautverschiebungen, und fällt der Polizei in die Hände (nicht nur der GPU, selbstverständlich). Einem hineingefallenen Konsul wird nicht nur das Vergessen seiner Sünden, sondern als Zugabe auch ganz legale Devisen versprochen, wenn er sich zu einigen kleinen, unschuldigen Gefälligkeiten bereit zeigt. Solche Fälle gab es, gibt es und wird es geben … solange Konsuln, Zölle, Valuten, Vermittler, Vermittlerinnen und die unternehmungslustige Polizei bestehen.

Die von uns entwickelte Version, die unabwendbar aus der Anklageschrift selbst hervorgeht, wenn man sie nur zu lesen versteht, nimmt folglich an, dass die GPU selbst durch einen wirklichen oder fingierten Konsul Nikolajew finanzierte und ihn mit Trotzki in Verbindung zu setzen suchte. Diese Version erhält eine indirekte, aber überaus reale Bestätigung in der Tatsache, dass sämtliche verantwortlichen Leiter der Leningrader GPU sofort nach dem Attentat davon gejagt wurden, und dass die Untersuchung so lange auf dem Fleck stampfte, sichtlich in Schwierigkeiten, für welche Variante sich entscheiden zur Erklärung des Vorgefallenen. Wir wollen nicht sagen, die Leningrader Agentur der GPU habe vorsätzlich Kirow ermordet: für eine solche Vermutung fehlt uns jeglicher Anhaltspunkt. Aber die GPU-Agenten wussten von dem sich vorbereitenden terroristischen Akt, überwachten Nikolajew, traten an ihn durch vorgeschobene Konsuln heran in doppelter Absicht: so viele wie möglich von den an der Sache Beteiligten zu fassen, und nebenbei Stalins politische Gegner vermittels eines komplizierten Amalgams zu kompromittieren. Ein, ach, allzu kompliziertes Amalgam, wie der tatsächliche Gang der Ereignisse erwiesen hat: bevor dem «Konsul» der politische Schuss gegen Trotzki gelang, drückte Nikolajew gegen Kirow auf den Hahn. Die Organisatoren der Überwachung und der Provokation flogen daraufhin von ihren Posten. Bei der Abfassung der Anklageschrift aber galt es, sorgfältig Sandbänke und Klippen zu umschiffen, den «Konsul» im Dunkel zu lassen, die Spuren des Werks der GPU zu verwischen und gleichzeitig aus dem zusammengestürzten Amalgam soviel wie möglich zu retten. Die rätselhafte Verzögerung der gerichtlichen Untersuchung findet so ihre ganz natürliche Aufklärung.

Indessen, wozu der Konsul? Ohne Konsul war es absolut nicht gegangen. Der Konsul symbolisiert die Verbindung der Terroristen und Trotzkis mit dem Weltimperialismus (wenn auch der Konsul vermutlich irgendeinen kleinen Krähwinkelstaat vertrat: das ist ungefährlicher). Eines Konsuls bedurfte es auch in anderer Hinsicht: ihn kann man «aus diplomatischen Rücksichten» in der Anklage nicht nennen und folglich auch nicht als Zeugen aufrufen: die Haupttriebfeder der Kombination bleibt auf diese Weise in den Kulissen. Schließlich riskiert der Konsul – wenn er tatsächlich in natura existiert - gar nichts besonderes: sogar von seiner Regierung aus diplomatischen Höflichkeitsrücksichten abberufen, wird er heimkehren als verdienter Held, verunglückt im Dienste für das heiß geliebte Vaterland; in seiner Tasche wird zudem eine gewisse das bescheidene Einkommen abrundende Summe ruhen für die schweren Stunden, und das kann auch nichts schaden.

Der Charakter der Machination wird viel besser verständlich, kennt man auch nur ein bisschen die vorangegangene Geschichte des Kulissenkampfes Stalins gegen den «Trotzkismus». Ich bringe nur drei Beispiele. Bereits 1926 verbreiteten gekaufte Journalisten in der ganzen Welt die Kunde, die linke Opposition sei der Verbindung mit … den Weißgardisten überführt. Uns blieb der Verstand stehen. Es stellte sich heraus, die GPU hatte einen ihrer berufsmäßigen Agenten mit dem Anerbieten, Oppositionsliteratur zu vertreiben, zu irgendeinem unbekannten achtzehnjährigen, mit der Opposition sympathisierenden jungen Mann geschickt. Der GPU-Agent hatte angeblich sechs, sieben Jahre zuvor in der Wrangelarmee gekämpft (was übrigens von niemand bestätigt ist). Auf Grund dessen beschuldigte Stalin die gesamte Opposition öffentlich des Blocks … nicht mit dem GPU-Agenten, sondern mit den Weißgardisten.

Kurz vor meiner Verbannung nach Zentralasien (Januar 1928) erbot sich durch Radeks Vermittlung ein ausländischer Journalist, wenn nötig, meinen ausländischen Freunden einen Brief von mir geheim zu überbringen. Ich äußerte Radek meine Überzeugung, dass der Journalist ein GPU-Agent sei. Den Brief habe ich dennoch geschrieben, da ich meinen ausländischen Freunden nichts anderes zu sagen wusste, als was ich nicht öffentlich hätte wiederholen können. Am nächsten Morgen stand mein Brief in der «Prawda» als Beweis für meine Geheimverbindungen «mit dem Ausland».

Am 20. Juli 1931 veröffentlichte das Krakauer gelbe Blatt «Kurjer Codzienny» ein grobes Falsifikat mit der Unterschrift «Trotzki». Obgleich meine literarischen Arbeiten in der USSR unter Androhung schwerer Strafen verboten sind (Bljumkin wurde für einen Versuch, das «Bulletin der russischen Opposition» zu transportieren, erschossen), brachte die Moskauer «Prawda» den Artikel des «Kurjer» als Klischee. Die elementarste Analyse des Artikels beweist dass er von der GPU und Beteiligung des nicht unbekannten Jaroslawski gefälscht und (wahrscheinlich zum Annoncentarif) im «Kurjer» nur dazu abgedruckt worden war, um in der «Prawda» reproduziert zu werden.

Ich bin gezwungen, eine Reihe anderer noch grellerer Kombinationen und Amalgams beiseite zu lassen, um nicht durch vorzeitige Enthüllung Dritten zu schaden. Der Typus dieser Art schöpferischer Tätigkeit ist nach dem Gesagten jedenfalls klar. Das Dreieck Nikolajew-«Konsul»-Trotzki ist nicht neu. Es sieht dutzenden anderer Dreiecke ähnlich und zeichnet sich von diesen nur durch sein größeres Ausmaß aus. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Sowjetpresse. wie aus den telegraphischen Auszügen derselben «Humanité» ersichtlich, von dem letzten Amalgam bezüglich Trotzki sehr vorsichtigen Gebrauch macht und über das Gerede von den «ideologischen Inspiratoren» nicht hinausgeht. Dafür spricht die «Humanité» von meiner Mittäterschaft an Kirows Ermordung mit beinahe derselben Überzeugung, wie unlängst der «Matin» von meiner Mittäterschaft an dem Attentat auf den Zaren Alexander und Barthou. Der Unterschied in den Schlussfolgerungen der «Humanité» und der «Prawda» erklärt sich nicht nur daraus, dass die Borniertheit des Amalgams Nikolajew-«Konsul»-Trotzki in Moskau viel deutlicher ist als in Paris; sondern auch daraus, dass dieser Teil des Amalgams seinem Wesen nach für das Ausland, vor allem Frankreich, bestimmt ist. Sein unmittelbares Ziel ist, die französischen Arbeiter durch die Einheitsfront im nötigen Sinne zu beeinflussen und einen Druck auf die französischen Machthaber auszuüben Daher der unglaubliche Ton der »Humanité»! Die Sowjetregierung sah sich gezwungen, offen zuzugeben, dass die Beteiligung Sinowjews, Kamenews und der anderen «nicht erwiesen» sei, von mir ist in dem Kommuniqué der Regierung überhaupt nicht die Rede. In der Anklageschrift wird nur von dem Wunsch des «Konsuls» gesprochen, einen Brief für Trotzki zu bekommen, – ohne weitere Schlussfolgerungen. Die Lakaien von der «Humanité» schreiben, Trotzkis Mittäterschaft an Kirows Ermordung «ist erwiesen».

Der vorliegende Brief ist, wie bereits gesagt, nicht den Lakaien gewidmet sondern ihren Herren. Allein, ich kann nicht umhin, hier zu erwähnen, dass einer meiner ersten scharfen Zusammenstöße mit der «Troika» (Stalin – Sinowjew – Kamenew) verursacht war durch meinen Protest dagegen, dass diese während Lenins Krankheit systematisch alle nachgiebigeren «Führer» der westeuropäischen Arbeiterbewegung zu verleiten suchten, darunter auch mit Bestechung. «Wo doch die Bourgeoisie die Gewerkschaftsführer, Parlamentarier, Journalisten besticht, warum sollen wir das nicht tun?» erwiderten mir Stalin und Sinowjew. Ich antwortete, dass man mit Hilfe von Bestechung die Arbeiterbewegung nur zersetzen, nicht aber revolutionäre Führer schaffen kann. Lenin warnte vor der Auslese «gefügiger Dummköpfe» in der Komintern. Da hinzu gesellte sich die Auslese zu allem bereiter Zyniker. Zu allem bereit? Bis zur ersten ernsten Gefahr. Menschen ohne Ehre und Gewissen können keine zuverlässigen Revolutionäre sein. Im schwierigen Augenblick werden sie das Proletariat unweigerlich verraten. Ich kann den Arbeitern nur empfehlen, sich fest die Namen der frechen Verleumder einzuprägen, damit sie diese Voraussage dereinst nachprüfen können.

L. TROTZKI

30. Dezember 1934

1 Der Artikel wurde geschrieben, bevor bekannt wurde, dass es sich um den inzwischen abberufenen lettischen Konsul handelt, was die Vermutung T.s es müsse sich, wenn er existiere, um den Konsul eines Kleinstaats handeln, bestätigt. (Anmerkung der Redaktion.)

Comments