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Leo Trotzki 19330510 Céline und Poincaré

Leo Trotzki: Céline und Poincaré

[Nach Literaturtheorie und Literaturkritik, München 1973, S. 131-143, dort übersetzt nach der englischen Fassung, mit Varianten der französischen Fassung in Fußnoten]

Louis-Ferdinand Céline ist in die große Literatur eingetreten, wie andere in ihr eigenes Haus eintreten. Ein reifer Mann im Besitz eines reichen Vorrats an medizinischen und künstlerischen Beobachtungen, in souveräner Gleichgültigkeit gegenüber dem Akademismus, mit einem ausgeprägten Sinn für das Leben und für die Sprache, hat Céline ein Buch geschrieben, das selbst dann noch überleben wird, wenn er noch andere Werke von gleichem Rang schreibt. „Reise ans Ende der Nacht“ ist ein pessimistischer Roman, den das Entsetzen vor dem Leben und der Überdruss am Leben, nicht die Empörung, diktiert haben. Ein aktive Empörung ist mit Hoffnung verknüpft. Célines Buch kennt keine Hoffnung.

Ein Pariser Student aus einfacher Familie, ein Rationalist, Antipatriot und Halbanarchist – die Cafés des Quartier Latin wimmeln von solchen Figuren –, verpflichtet sich zu seinem eigenen Erstaunen beim ersten Trompetensignal als Freiwilliger. Er wird an die Front geschickt, und die mechanische Metzelei erweckt in ihm den Neid auf das Los der Pferde, die zwar wie die Menschen krepieren, ohne jedoch hochtrabende Phrasen in den Mund zu nehmen. Nachdem er verwundet und mit einem Orden ausgezeichnet worden ist, wandert er durch mehrere Lazarette, in denen ihn schneidige Ärzte ermahnen, so bald wie möglich wieder auf den „flammenden Friedhof des Schlachtfeldeszurückzukehren. Da er Invalide ist, wird er vom Militärdienst befreit; er reist in eine afrikanische Kolonie, wo ihn die menschliche Gemeinheit anekelt und die tropische Hitze und die Malaria entkräften. Illegal kommt er nach Amerika, arbeitet bei Ford, findet in der Person einer Prostituierten eine treue Gefährtin (dies sind die zärtlichsten Seiten des Buches). Er kehrt nach Frankreich zurück, wird Arzt der Armen und irrt, in seiner Seele verwundet, durch die Nacht des Lebens, unter Kranken und Gesunden, die alle gleich elend, verkommen und unglücklich sind.

Céline hat keinesfalls die Absicht, die gesellschaftlichen Zustände in Frankreich anzuklagen. Er verschont zwar bei einzelnen Gelegenheiten weder Klerus noch Generäle oder Minister, nicht einmal den Präsidenten der Republik. Aber seine ganze Erzählung spielt stets beträchtlich unterhalb der Schicht der herrschenden Klassen, in der Welt der einfachen Leute, Beamten, Studenten, Verkäufer, Handwerker, Hausmeister; zweimal begibt er sich zudem außerhalb der Grenzen Frankreichs. Das gegenwärtige Gesellschaftssystem ist ebenso schlecht, stellt er fest, wie alle anderen, vergangenen und zukünftigen. Alles in allem, Céline ist der Menschen und ihres Tuns überdrüssig.

Der Roman ist konzipiert und ausgeführt als ein Panorama der Absurdität des Lebens, seiner Grausamkeiten, Widersprüche und Lügen, eines Lebens, das keinen Ausweg, keinen Hoffnungsschimmer kennt. Ein Unteroffizier, der Soldaten quält, bevor er mit ihnen fällt; eine amerikanische Rentnerin, die ihre Nichtigkeit in europäische Hotels herumführt; französische Kolonialbeamte, die durch ihre Gier abgestumpft sind; New York mit seiner automatischen Gleichgültigkeit gegenüber Menschen ohne Geld, mit seiner vollendeten Technik der Blutsaugerei; dann wieder Paris; die kleinliche und missgünstige Welt der Gelehrten; der schleichende und apathische Tod eines siebenjährigen Jungen; das Martyrium eines Mädchens; kleine tugendsame Rentner, die aus Sparsamkeitsgründen ihre Mutter ermorden; ein Priester in Paris und ein Priester im dunkelsten Winkel Afrikas, die beide mit gleicher Emsigkeit ihre Nächsten für einige hundert Francs verkaufen, der eine ein Komplize zivilisierter Rentner, der andere ein Komplize von Kannibalen – von einem Kapitel zum anderen, von einer Seite auf die andere setzen sich Bruchstücke des Lebens zu einem Mosaik schmutziger, blutiger, beklemmender Absurdität zusammen. Eine Haltung der Passivität, mit einer hochempfindlichen Sensibilität, ohne eine in die Zukunft reichende Perspektive – das ist der psychologische Nährboden der Verzweiflung, einer aufrichtigen, in ihrem Zynismus verkrampften Verzweiflung.

Céline ist ein Moralist, der mit künstlerischen Mitteln Schritt um Schritt alles das niederreißt, was gemeinhin die höchste Wertschätzung genießt: alle tief verwurzelten gesellschaftlichen Werte vom Patriotismus bis zu persönlichen Bindungen und zur Liebe. Das Vaterland ist in Gefahr? Man verliert nicht gerade viel, wenn das Haus des Eigentümers niederbrennt [ … ] Da wir ja zahlen müssen …“ Er hat keine Verwendung für historische Kriterien. Dantons Krieg hat keinen höheren Wert als Poincarés: in beiden Fällen wurde die „patriotische Schuld“ mit Blut beglichen. Die Liebe wird durch Eigennutz und Eitelkeit vergiftet. „Alle Formen des Idealismus sind nichts als in hochtrabende Worte gekleidete niedere Instinkte.“ Selbst das Bild der Mutter wird nicht verschont: als sie ihren verwundeten Sohn wiedersieht, „winselt sie wie eine Hündin, der man endlich ihr Junges zurückgegeben hat [ … ] aber sie stand insofern noch unter einer Hündin, als sie an die Worte glaubte, die man ihr sagte, um ihr den Sohn wieder wegzunehmen.“

Célines Stil ist eine Funktion seines Weltverständnisses. In seiner scheinbar nachlässigen, inkorrekten, leidenschaftlichen Sprache lebt, schwingt und pulsiert der genuine Reichtum der französischen Kultur, die emotionale und intellektuelle Erfahrung einer großen Nation, in ihrem lebendigen Gehalt, in ihren feinsten Nuancen.

Und zugleich schreibt Céline so, als habe er sich überhaupt als erster mit der menschlichen Sprache eingelassen. Der Künstler durchdrischt den gesamten Wortschatz der französischen Literatur. Abgegriffene Wendungen fliegen auf wie Spreu. Auf der anderen Seite erweisen sich Wörter, die von der Moral oder der akademischen Ästhetik geächtet sind, als unersetzlich, um das Leben in seiner Grobheit und Niedrigkeit auszudrücken. Erotische Termini dienen Céline nur dazu, der Erotik den Reiz zu nehmen. Er verfährt mit ihnen in derselben Weise wie mit Wörtern, die die von der Kunst nicht anerkannten physiologischen Funktionen bezeichnen.

Auf der ersten Seite des Romans stößt der Leser wider Erwarten auf den Namen Poincarés: der Präsident der Republik ist eines Morgens auf dem Weg, wie eine der letzten Ausgaben von „Le Temps“ berichtet, eine Schoßhundeschau zu eröffnen.

Dieses Detail ist nicht erfunden.1 Offenkundig gehört das zu den Pflichten des Präsidenten der Republik, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber der boshafte Zeitungsbericht hat natürlich nicht die Aufgabe, das Staatsoberhaupt zu verherrlichen.2

Nun ist der ehemalige Präsident Poincaré, der prosaischste, trockenste, unempfindlichste von allen Staatsmännern der Republik, ausgerechnet ihr autoritärster Politiker. Seit seiner Krankheit gilt er als Heiliger. Vom rechten Flügel bis zu den Radikalen nennt niemand seinen Namen, ohne ein pathetisches Wort der Verehrung hinzuzufügen. Zweifellos ist Poincaré das reinste Produkt der bürgerlichen Klasse, so wie die französische Nation die bürgerlichste aller Nationen ist, die voller Stolz auf ihren bürgerlichen Charakter in diesem den Quell ihrer Mission gegenüber dem Rest der Menschheit sieht.

Unter ihrer raffinierten äußeren Form stellt die Arroganz der französischen Bourgeoisie den historischen Bodensatz von Jahrhunderten dar. Die Ahnherren, die einst eine große historische Mission zu erfüllen hatten, haben ihren Nachfahren einen reichen Kleiderfundus hinterlassen, der dazu dient, den hartnäckigsten Konservativismus zu verhüllen. Das gesamte kulturelle und politische Leben Frankreichs wird in der Verkleidung der Vergangenheit gespielt.

Wie in Ländern, deren Währungssystem nach außen abgeriegelt ist, so zirkuliert im französischen Leben eine künstliche Währung in vorgeschriebenen Bahnen. Die Formeln des befreienden Messianismus zeigen eine überhöhte Notierung; sie haben längst ihre Deckung mit der objektiven Wirklichkeit eingebüßt. Herkömmliche Verbindlichkeiten scheinen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein; sie haben eine unabhängige Existenz.3 Puder und Schminke mögen noch als bloße Täuschung angesehen werden; für eine Maske gilt das nicht mehr: sie ist ganz einfach ein technisches Gerät. Eine Maske existiert unabhängig vom Körper, Gesten und Stimme müssen sich ihr unterordnen.

Poincaré ist fast eine Symbol der Gesellschaft. Der repräsentative Charakter seines hohen Amtes macht seine Individualität aus. Eine andere hat er nicht. Weder in den Gedichten des Jünglings - er war nämlich einmal jung – noch in den Memoiren des Greises findet sich eine einzige persönliche Note.9 Die Interessen der Bourgeoisie bilden einen moralischen Panzer, die Quelle seines eisigen Pathos. Die konventionellen Werte der französischen Politik sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. „Ich bin ein Bourgeois, und nichts von dem, was bourgeois ist, ist mir fremd.“ Die politische Maske ist zu seinem Gesicht geworden. Heuchelei, bis zum Extrem gesteigert, wird zu einer Echtheit eigener Art.

So friedliebend ist die französische Regierung, versichert Poincaré, dass sie unfähig ist, bei ihrem Feind Hintergedanken zu vermuten. „Erhabenes Vertrauen eines Volkes, das stets den anderen seine eigenen Tugenden zuerkennt.“ Das ist nicht mehr Heuchelei oder subjektive Verfälschung, sondern obligatorischer Bestandteil eines Rituals, wie die Versicherung geschätzter Hochachtung am Schluss eines heimtückischen Briefes.

Emil Ludwig stellte zur Zeit der Besetzung des Ruhrgebiets Poincaré folgende Frage: „Glauben Sie nun, wir wollen nicht oder wir können nicht bezahlen“? Poincaré antwortete: „Niemand will gern zahlen.“ Im Juli bat Brüning Poincaré in einem Telegramm um Unterstützung und erhielt die Antwort: „Lernen Sie zu leiden.“4

Aber so wie der persönliche Egoismus sich allmählich selbst verschlingt, wenn er ein bestimmtes Maß überschreitet, geschieht es auch mit dem Egoismus einer konservativen Klasse. Poincaré wollte Deutschland ans Kreuz schlagen, um ein für allemal Frankreich von seiner Angst zu befreien. Indessen sind die durch den – in den Augen Poincarés sträflich milden – Versailler Vertrag erzeugten chauvinistischen Strömungen in Deutschland in der düsteren Figur Hitlers zusammengeflossen. Ohne die Besetzung des Ruhrgebiets wären die Nationalsozialisten nicht so leicht an die Macht gekommen. Und Hitler an der Macht eröffnet die Möglichkeit neuer Kriege.

Die nationale französische Ideologie beruht auf dem Kult der clarté, d.h. der Logik. Aber das ist nicht mehr die kühn waltende Logik des XVIII. Jahrhunderts, die eine Welt umstürzte, sondern die geizende, vorsichtige, kompromissbereite Logik der Dritten Republik. Mit derselben anmaßenden Überheblichkeit, mit der ein alter Meister die Methoden seines Handwerks erklärt, spricht Poincaré in seinen Memoiren von den „schwierigen Operationen des Geistes: der Auswahl, der Klassifikation, der Koordination.“ Ohne Frage schwierige Operationen. Dennoch führt Poincaré sie nicht in dem dreidimensionalen Raum der geschichtlichen Entwicklung aus, sondern auf der zweidimensionalen Ebene der Dokumente. Wahrheit ist für ihn nichts als das Resultat eines juridischen Verfahrens, einer rationalen Interpretation von Verträgen und Gesetzen. Der konservative Realismus, der Frankreich regiert, verhält sich etwa so zu Descartes wie die mittelalterliche Scholastik zu Aristoteles.

Die Verherrlichung des „Sinnes für das richtige Maß“ hat sich in einen Sinn für das kleine Maß verengt. Das Denken wird auf ein Mosaik beschränkt. Mit welcher Sorgfalt und Liebe beschreibt Poincaré nicht die nebensächlichsten Aspekte des Regierungsgeschäfts! Als ihm der König von Dänemark den Elefantenorden verliehen hat, beschreibt er das Ordenszeichen, wie wenn es sich um eine kostbare Miniatur handelte: Größe, Form, Bild, Farbe dieses lächerlichen Firlefanzes – nichts wird in seinen Memoiren vergessen.5

Worte dienen ihm nur dazu, die Höhe der Reparationszahlungen zu beziffern oder eine schöne rhetorische Figur anzuwenden. Er vergleicht seinen Aufenthalt im Elyséepalast mit der Haft Silvio Pellicos in den Kerkern der österreichischen Monarchie. „In diesen Salons von vergoldeter Banalität sprach nichts meine Phantasie an.“ Aber diese „vergoldete Banalität“ ist der offizielle Stil der Dritten Republik. Und Poincarés Phantasie ist eine Sublimierung dieses Stils.6

Am Vorabend des Krieges kehrt Poincaré zu Schiff von Petersburg nach Frankreich zurück; in der ängstlichen Chronik dieser Fahrt lässt er sich nicht die Gelegenheit entgehen, folgendes Stimmungsbild zu malen: „ein trübes, fast ödes, gegenüber den Konflikten der Menschen gleichgültiges Meer.“ Wort für Wort ist das derselbe Stil wie in seinen Abituraufsätzen. Als Poincaré über seine patriotischen Sorgen schreibt, zählt er zwischendurch alle Blumenarten auf, die sein Ferienhaus schmücken: zwischen einem chiffrierten Telegramm und einem Telefongespräch der Katalog eines Blumenhändlers. In den kritischen Augenblicken taucht eine siamesische Katze auf, das Symbol des trauten Heims. Es ist unmöglich, diese autobiographischen Protokolle ohne ein Gefühl des Erstickens zu lesen: keine lebendige Gestalt, kein menschliches Gefühl, stattdessen ein „gleichgültiges Meer“, Platanen, Ulmen, Hyazinthen, Tauben und der penetrante Geruch der siamesischen Katze.

Das Leben hat zwei Seiten, die eine ist die öffentliche und offizielle, die scheinbar für das ganze Leben steht, die andere ist die heimliche und eigentlich wichtigste. Dieser Dualismus macht sich sowohl in den privaten Beziehungen bemerkbar als auch in den gesellschaftlichen, in der Familie, in der Schule, im Gerichtssaal, im Parlament, in der Diplomatie. Er ist verankert in der widersprüchlichen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und ist bei allen zivilisierten Nationen und Völkern besonders ausgeprägt. Aber die Formen, die Reichweiten und die Masken dieses Dualismus sind je nach Nationalcharakter deutlich unterschieden.

In den angelsächsischen Ländern liegt der Schwerpunkt dieses Dualismus im Bereich der Religion. Das offizielle Frankreich hat sich dieses bedeutenden Feldes begeben. Während die britische Freimaurerei nicht in der Lage ist, sich ein Universum ohne Gott, ein Parlament ohne König, einen Besitzer ohne Eigentümer vorzustellen, haben die französischen Freimaurer „den großen Architekten des Universums“ aus ihren Statuten gestrichen. Im politischen Geschäft gilt hier: je breiter das Bett, desto größer der Nutzen; irdische Interessen um eines himmlischen Problems willen aufzugeben, würde der romanischen Luzidität zuwiderlaufen. Indessen benötigen die Politiker wie Archimedes einen Bezugspunkt: der Wille des großen Architekten musste durch andersartige Werte ersetzt werden. Der erste dieser Werte ist Frankreich.

Nirgendwo spricht man von der „Religion des Patriotismus“ so gern wie in dieser weltlichen Republik. Alle Attribute, mit denen die menschliche Phantasie den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist ausgestattet hat, überträgt der französische Bourgeois auf seine Nation. Und weil Frankreich im Französischen weiblichen Geschlechts ist, hat es ebenfalls die Züge der Heiligen Jungfrau angenommen. Der Politiker erscheint als Laienpriester einer säkularisierten Gottheit. Die Liturgie des Patriotismus, die hier ihre höchste Vollendung erlangt hat, stellt einen unerlässlichen Bestandteil des politischen Rituals dar. Es gibt bestimmte Worte und Wendungen, die im Parlament automatisch Beifall hervorrufen, genauso wie bestimmte liturgische Formeln den Gläubigen automatisch zu Kniefall oder Tränenausbruch veranlassen.

Gleichwohl ist ein Unterschied vorhanden. Echte Religiosität hat ihren eigenen Existenzbereich, der von dem des alltäglichen Lebens unabhängig ist; da beide Bereiche ihre Kompetenzen klar abgegrenzt haben, ist eine Kollision hier genauso wenig wahrscheinlich wie etwa der Zusammenstoß eines Flugzeugs mit einem Auto. Im Gegensatz dazu reibt sich die weltliche Religion des Patriotismus ständig mit der alltäglichen Politik. Die Privatinteressen und die Klasseninteressen laufen dem reinen Patriotismus auf Schritt und Tritt zuwider. Glücklicherweise sind die Gegner so gut erzogen und – was noch wichtiger ist – durch wechselseitige Verpflichtungen so fest verbunden, dass sie vor allen heiklen Fällen die Augen verschließen. Regierung und Opposition halten bereitwillig die Spielregeln der Politik ein. Die erste lautet so: wie die Bewegung des physikalischen Körpers den Gravitationsgesetzen gehorcht, so ordnet sich die Tätigkeit des Politikers der Vaterlandsliebe unter.

Nun hat auch die Sonne des Patriotismus ihre Flecken. Ein Maximum an wechselseitiger Rücksichtnahme erzeugt ein Gefühl der Immunität und wischt die Grenzmarkierung zwischen Lobenswertem und Tadelnswertem fort. Dann kommt es zur Verdichtung von Gasen, die gelegentlich explodieren und das politische Klima verpesten. Der Konkurs der Union Generale, Panama, die Dreyfus-Affäre, die Rochette-Affäre, der Konkurs Oustrics sind die denkwürdigen Etappen der Dritten Republik. Clemenceau strauchelte am Panama-Konkurs. Poincaré verstand es persönlich immer, sich abseits zu halten. Aber seine Politik schöpfte aus denselben Quellen. Nicht zu Unrecht bezeichnet er Mark Aurel als seinen Lehrmeister; dessen stoische Tugenden entsprachen den Sitten des verfallenden römischen Imperiums recht gut.

In den sechs ersten Monaten des Jahres 1914“, so beklagt sich Poincaré in seinen Memoiren, „bot sich meinem Anblick ein niederträchtiges Schauspiel von Parlamentsintrigen und Finanzskandalen.“ Der Krieg freilich fegte alle eigennützigen Beweggründe auf einen Schlag hinweg. Die „heilige Union“ läuterte die Herzen. Das heißt: Intrigen und Betrug verschwanden hinter den patriotischen Kulissen, um bis dahin unbekannte Proportionen anzunehmen. Je problematischer, wie Céline berichtet, die Entscheidung des Krieges an der Front wurde, desto verrotteter wurde es hinter der Front. Das Bild, das Céline in seinem Roman von dem Paris während des Krieges zeichnet, ist schonungslos. Politik gibt es kaum noch, aber es gibt etwas anderes: den Nährboden, auf dem sie wächst.

Mag es sich um Justiz-, Finanz- oder Parlamentsskandale handeln, in Frankreich fällt ihr organischer Zusammenhang sofort ins Auge. Von der Zähigkeit und Sparsamkeit des Kaufmanns und Industriellen, von der blinden Habgier des Rentners, von der Gewandtheit des Parlamentariers, vom Chauvinismus der Presse führen unzählige Fäden zu einem Knoten, dessen Gattungsname Panama ist. In dem Gewirr der Beziehungen, Hilfeleistungen, Vermittlungen, vertuschten Schmiergelder gibt es tausend verschiedene Übergänge zwischen sozialer Tugend und Verbrechen. Sobald ein unglücklicher Zwischenfall die untadelige Hülle der politischen Anatomie – wo und wann auch immer – verletzt, erscheint es nötig, eine parlamentarische oder gerichtliche Untersuchung einzuleiten. Aber gerade hier liegt der schwierige Punkt: wo soll man anfangen und wo soll man aufhören?

Nur weil Oustric zu einem ungünstigen Zeitpunkt Bankrott machte, kam man dahinter, dass bei diesem von kleinen Gastwirten abstammenden Argonauten Abgeordnete und Journalisten, ehemalige Minister und Botschafter – unter eigenem Namen oder unter einem Pseudonym – als Laufjungen arbeiteten, dass die Akten, die für den Bankier von Vorteil waren, die Ministerien mit Blitzgeschwindigkeit durchliefen, während jene, die ihm schaden konnten, so lange festgehalten wurden, bis sie nicht mehr schadeten. Dank seiner lebhaften Phantasie, seiner gesellschaftlichen Beziehungen, der Beihilfe der Zeitungen erwarb dieser Finanzmagier ein riesenhaftes Vermögen, entschied er über das Schicksal von Tausenden, kaufte – welch grober, aber unerträglich präziser Terminus –, belohnte, unterstützte und beeinflusste er Presse, Beamte und Parlament, und fast immer so, dass man ihm nichts nachweisen konnte.

Und je mehr sich die Arbeit der Untersuchungskommission ausweitete, desto klarer wurde es, dass ein Ende nicht abzusehen war. Wo man sich der Aufdeckung von Verbrechen nahe glaubte, stieß man lediglich auf die alltägliche Verkettung von Politik und Finanz. Wo man den Eiterherd zu entdecken meinte, fand man nur gesundes Gewebe.

Als Anwalt nahm X. die Interessen von Oustrics Unternehmen wahr; als Journalist setzte er sich für eine Zollpolitik ein, die mit Oustrics Interessen übereinstimmte; als Volksvertreter spezialisierte er sich auf eine Überprüfung der Zolltarife. Und als Minister? Die Kommission beschäftigte sich immer wieder mit der Frage, ob X. als Minister weiterhin Anwaltshonorare bezog oder ob sein Gewissen zwischen zwei Regierungskrisen so rein wie Kristall blieb.

Wie eng sind doch moralische Pedanterie und Heuchelei miteinander verkettet! Raoul Peret, ehemaliger Präsident der Deputiertenkammer, Kandidat für das Amt des Präsidenten der Republik, entpuppte sich als Kandidat von Kapitalverbrechern. Und doch war er zutiefst davon überzeugt, genauso zu verfahren wie alle anderen, vielleicht nur ein wenig unbesonnener und auf alle Fälle glückloser.7

Vor dem Hintergrund des – um Poincaré erneut zu zitieren – „niederträchtigen Schauspiels von Parlamentsintrigen und Finanzskandalen“ gewinnt Célines Roman eine doppelte Bedeutung. Nicht zufällig beschuldigte die staatstreue Presse, die sich seinerzeit über die öffentliche Untersuchung empört hatte, Céline sofort der Verleumdung der Nation. Die Parlamentskommission hatte ihre Untersuchung in der geschliffenen Sprache der Kenner geführt, deren sich sowohl Angeklagte als auch Ankläger bedienten (wo die Trennungslinie zwischen ihnen verlief, war nie ganz klar festzustellen). Aber Céline ist an Konventionen nicht gebunden. Mit Entschiedenheit weist er die nichtssagenden Farben der patriotischen Palette zurück. Er hat seine eigenen Farben, die er mit dem Recht des Künstlers dem Leben entrissen hat.

Freilich ist dies nicht das Leben der Welt der Abgeordneten oder hoher Regierungskreise, sondern das Leben in seiner prosaischsten Erscheinung. Aber das erleichtert die Aufgabe keineswegs. Céline legt die Wurzeln frei. Er reißt den oberflächlichen Schleier des Anstands fort und enthüllt Schmutz und Blut. In seinem düsteren Panorama verliert der Mord um eines lächerlichen Vorteils willen den Charakter des Außergewöhnlichen. Er ist ebenso wenig von der alltäglichen Mechanik eines Lebens, das nach den Gesetzen des Eigennutzes und der Profitgier abläuft, zu trennen, wie auf höherer Ebene die Oustric-Affäre von der Mechanik moderner Finanzpolitik. Céline zeigt, was ist. Deshalb erscheint er als Revolutionär.

Aber Céline ist kein Revolutionär und will keiner sein. Er hat nicht das – für ihn illusionäre – Ziel, die Gesellschaft zu verändern. Er will lediglich alles das entlarven, was ihn erschreckt und bedrückt. Um angesichts der Geschwüre des Lebens sein Gewissen zu erleichtern, musste dieser Arzt der Armen neue Stilrezepte verschreiben. Er wurde ein Revolutionär des Romans. Ganz allgemein ist dies das Gesetz der Entwicklung der Kunst: Entwicklung durch den Zusammenprall einander widersprechender Tendenzen.

Es nutzen sich nicht nur Regierungsparteien ab, sondern auch Kunstrichtungen. Die künstlerischen Verfahrensweisen erschöpfen sich und hören auf, auf das menschliche Empfinden einen Reiz auszuüben: das ist das untrügliche Anzeichen dafür, dass die betreffende Schule auf den Friedhof erschöpfter Möglichkeiten gehört, d. h. in die Akademie. Lebendiges Schaffen kommt nur voran, wenn es sich abwendet von der offiziellen Tradition, von den kanonisierten Ideen und Gefühlen, von den mit dem Lack der Gewohnheit bedeckten Bildern und Ausdrücken. Jede neue Kunstrichtung sucht eine engere und aufrichtigere Verbindung von Ausdruck und Empfindung. Der künstlerische Kampf gegen die Unechtheit verschiebt sich stets mehr oder weniger deutlich zu einem künstlerischen Kampf gegen die Verlogenheit der gesellschaftlichen Beziehungen. Denn das versteht sich von selbst: wenn die Kunst ihren Sinn für das Aufspüren der gesellschaftlichen Heuchelei verliert, verfällt sie unweigerlich in Affektiertheit und Manieriertheit.

Je reicher und breiter eine nationale kulturelle Tradition ist, desto heftiger ist der Bruch mit ihr. Célines Kraft liegt gerade darin, dass er mit ungeheurer Anstrengung alle Kanons verwirft und alle Konventionen missachtet; nicht damit zufrieden, das Leben zu enthüllen, reißt er ihm die Haut fort. Daher rührt die Anschuldigung der Verleumdung.

Aber gerade indem Céline die nationale Tradition radikal verleugnet, erweist er sich als zutiefst national. Wie vor dem Weltkrieg die Antimilitaristen in der Mehrzahl verzweifelte Patrioten waren, so ist Céline, der sich von den offiziellen Masken der Dritten Republik abwendet, in seinem Innersten ein Franzose. Der Célinismus ist ein moralischer und künstlerischer Antipoincaréismus. Darin liegen seine Stärke, aber auch seine Grenzen.

Wenn Poincaré sich mit Silvio Pellico vergleicht, so flößt einem diese Mischung von Eitelkeit und Geschmacklosigkeit Entsetzen ein. Aber zeigt der wahre Pellico, der nicht als Staatschef in einem Palast, sondern als Patriot in Santa Margherita und auf dem Spielberg eingekerkert war, nicht eine andere und erhabenere Seite der menschlichen Natur? Anstelle dieses italienischen Katholiken, der übrigens eher ein Opfer als ein Kämpfer war, hätte Céline den großen Gefangenen des Élyséepalasts an einen anderen Gefangenen erinnern können, der vierzig Jahre in französischen Gefängnissen verbrachte, lange bevor die Söhne und Enkel seiner Kerkermeister einen Pariser Boulevard nach seinem Namen benannten: Auguste Blanqui. Bedeutet das nicht, dass es im Menschen etwas gibt, was ihn über sich selbst hinauswachsen lässt?

Céline wendet sich nur deshalb von Seelengröße und Heroismus, von großen Zielen und Hoffnungen, von all dem, was den Menschen aus der tiefsten Nacht seines abgeriegelten Ich herausführt, ab, weil er zahlreiche gutbezahlte Priester am Altar des heuchlerischen Altruismus hat zelebrieren sehen. Unbarmherzig mit sich selbst, wendet sich der Moralist von seinem eigenen Spiegelbild ab, zerbricht das Glas und verletzt seine Hand. Ein solcher Kampf erschöpft, erzeugt jedoch keine neue Perspektive. Verzweiflung führt zu Resignation. Versöhnung öffnet die Tore der Akademie. Es gibt mehr als ein Beispiel dafür, dass jene, die die literarischen Konventionen durchbrachen, schließlich unter die Unsterblichen aufgenommen wurden.

In der Musik seines Buches gibt es revelatorische Dissonanzen. Indem er nicht nur die Wirklichkeit zurückweist, sondern auch das, was an ihre Stelle zu treten hätte, unterstützt der Künstler die bestehende Ordnung. In dieser Hinsicht ist Céline, ob er das will oder nicht, der Bundesgenosse Poincarés Er entlarvt jedoch die Lüge und erweist die Notwendigkeit einer harmonischeren Zukunft. Selbst wenn Céline persönlich der Ansicht ist, dass vom Menschen nichts Gutes kommen kann, birgt gerade die Heftigkeit seines Pessimismus sein eigenes Gegengift.

So wie er ist, geht Céline von der französischen Wirklichkeit und vom französischen Roman aus. Er braucht sich seiner Vorgänger nicht zu schämen. Der französische Genius hat im Roman seinen unerreichten Ausdruck gefunden. Von Rabelais angefangen, der ebenfalls Arzt war, verzweigt sich durch vier Jahrhunderte eine herrliche Dynastie von Meistern der epischen Prosa, vom gewaltigen Lachen der Lebensfreude bis zur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vom schimmernden Tagesanbruch bis ans Ende der Nacht.

Céline wird kein zweites Buch schreiben, aus dem ein solcher Ekel vor der Lüge und ein solches Misstrauen gegenüber der Wahrheit sprechen. Diese Dissonanz muss sich auflösen. Entweder wird sich der Künstler an die Dunkelheit gewöhnen oder er wird die Morgenröte erblicken.

Prinkipo, 10. Mai 1933

1In der französischen Fassung folgt: „Die jüngste Ausgabe von Le Temps, die ich in Prinkipo erhielt, bringt folgende Nachricht: ,Herr Albert Lebrun, Präsident der Republik, besuchte heute morgen in Begleitung des Obersten Rupied vom Generalstab eine Hundeschau'.“

2In der französischen Fassung folgt: „Es wäre für einen Phrenologen in der Tat schwierig, in dem jungen Autor auch nur den Schimmer von Ehrerbietung zu entdecken.“

3Dieser Satz fehlt in der französischen Fassung.

4In der französischen Fassung folgt: „Der unbestechliche Notar der Bourgeoisie kennt keine Gnade“

5In der französischen Fassung folgt: „Mit der ganzen Umständlichkeit eines Polizeiberichts schildert Poincaré seinen Besuch des Pferderennens in Begleitung des britischen Herrscherpaares. Das Publikum ,wendet sich der Tribüne zu, vergisst die Wetten, lässt die Pferde unbeachtet und betrachtet uns ständig im Fernglas' (aaO., IV, S. 112). Die Pferde unbeachtet lassen, weil König und Präsident da sind – welch hohes Maß von Patriotismus! Der literarische Stil Poincarés ist ohne Leben, wie das älteste Grab der Pharaonen."

6In der französischen Fassung folgt: „Seine Artikel und Reden lassen an ein mit Papierblumen und Goldflitter geschmücktes Stacheldrahtgestell denken.“

7In der französischen Fassung folgt: „Schluss! schreien die aufgebrachten Patrioten. Der Vorhang fällt. Der Tugendkult wird wieder aufgenommen, und das Wort Ehre löst auf den Abgeordnetenbänken des Palais Bourbon stürmischen Beifall aus.“

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