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Leo Trotzki 19301100 Rückzug in voller Unordnung

Leo Trotzki: Rückzug in voller Unordnung

[Nach China. Die erwürgte Revolution. Band 2. Berlin 1975, S. 291-297]

In der Jahrestagsnummer der Prawda (vom 7. November) zeigt Manuilski noch einmal den Wert der augenblicklichen Führung der Komintern. Wir werden kurz den Teil seiner Jahrestags-Reflexionen analysieren, der China gewidmet ist und der im Wesentlichen auf eine feige, absichtlich verwirrte und daher um so gefährlichere Halbkapitulation vor der Theorie der permanenten Revolution hinausläuft.

1. „Eine revolutionär-demokratische Diktatur der Bauernschaft und des Proletariats in China", schreibt Manuilski, „wird sich wesentlich von der durch die Bolschewiki skizzierten (!) demokratischen Diktatur unterscheiden."

Die demokratische Diktatur wurde nicht nur 1905 von den Bolschewiki „skizziert", sondern auch 1917 und in allen Jahren zwischen den Revolutionen. Aber nur skizziert. Die Ereignisse dienten als Prüfstein. Manuilski reflektiert, wie sein Lehrer Stalin, nicht über die Ähnlichkeiten und die Unterschiede der chinesischen Revolution mit den drei russischen Revolutionen – nein, bei einem derartigen Vergleich wären sie nicht imstande, die Fiktion einer demokratischen Diktatur und zusammen mit ihr die Fiktion ihres theoretischen Ansehens zu bewahren. Daher vergleichen diese Herren nicht die chinesische Revolution mit der wirklichen russischen Revolution, sondern mit der, die „skizziert" wurde, Auf diese Weise ist es viel einfacher, zu verwirren und Sand in die Augen zu streuen.

2. In welcher Hinsicht unterscheidet sich denn die in China stattfindende Revolution von der in Russland „skizzierten"? Dadurch, so werden wir von Manuilski belehrt, dass sich die chinesische Revolution gegen das „gesamte System des Weltimperialismus" richtet! Es stimmt: Von dieser Basis ging Manuilski gestern aus, als er von der revolutionären Rolle der chinesischen Bourgeoisie sprach und sich damit gegen die bolschewistische, 1905 „skizzierte" Position stellte. Heute jedoch sind Manuilskis Schlüsse anders: „Die Schwierigkeiten der chinesischen Revolution sind ungeheuer; und gerade aus diesem Grund musste der siegreiche Vormarsch der chinesischen Roten Armee in die Industriezentren Chinas in Tschangtscha haltmachen." Es wäre viel einfacher und ehrlicher gewesen, zu sagen, dass die bäuerlichen Partisanen-Abteilungen sich wegen des Mangels revolutionärer Aufstände in den Städten nicht imstande sahen, von den industriellen und politischen Zentren des Landes Besitz zu ergreifen. War das für Marxisten nicht von vornherein klar?

Aber Manuilski muss unbedingt Stalins Rede auf dem XVI. Kongress retten. Er erfüllt diese Aufgabe folgendermaßen: Die chinesische Revolution hat eine Rote Armee zu ihrer Verfügung, sie besitzt ein beträchtliches Gebiet und ist in diesem Augenblick dabei, ein Sowjetsystem der Arbeiter- und Bauernmacht in diesem Gebiet zu schaffen, in dessen Regierung die Kommunisten in der Mehrheit sind. Und dies erlaubt es dem Proletariat, nicht nur ideologische, sondern auch eine staatliche Vorherrschaft über die Bauernschaft zu verwirklichen" (Sperrung von uns).

Dass die Kommunisten, als die revolutionären und selbstlosen Elemente, an der Spitze der Bauernbewegung und der bewaffneten Bauernabteilungen erscheinen, ist an sich ganz natürlich und auch in einem symptomatischen Sinn außerordentlich wichtig. Aber das ändert nichts daran, dass die chinesischen Arbeiter sich in ihrem ganzen riesenhaften Land unter dem Stiefel der chinesischen Bourgeoisie und des ausländischen Imperialismus befinden. Wie kann das Proletariat die „staatliche Vorherrschaft" über die Bauernschaft verwirklichen, wenn die Staatsgewalt sich nicht in seinen Händen befindet? Das kann man unmöglich verstehen. Die Führungsrolle der isolierten Kommunisten und die isolierten kommunistischen Gruppen im Bauernkrieg entscheiden die Machtfrage nicht. Klassen entscheiden und nicht Parteien. Der Bauernkrieg mag die Diktatur des Proletariats unterstützen, wenn sie zeitlich zusammenfallen, aber er kann auf keinen Fall die Diktatur des Proletariats ersetzen. Ist es möglich, dass die „Führer" der Komintern selbst dies nicht aus den Erfahrungen der drei russischen Revolutionen gelernt haben?

3. Hören wir Manuilski weiter: „All diese (?) Voraussetzungen führen dazu, dass eine revolutionär-demokratische Diktatur in China vor die Notwendigkeit gestellt werden wird, eine konsequente Beschlagnahme der dem ausländischen chinesischen Kapital gehörenden Unternehmen durchzuführen" (Sperrung von uns).

All diese Voraussetzungen" ist ein Gemeinplatz, dessen Zweck es ist, den Bruch in der alten Position zu verdecken. Aber der Schwerpunkt des oben zitierten Satzes liegt nicht in „all diese Voraussetzungen", sondern in einer einzigen „Voraussetzung": Manuilski wurde angewiesen, von der demokratischen Diktatur weg zu manövrieren und die Spuren zu verwischen. Darum wedelt Manuilski so emsig, aber nicht sehr geschickt mit dem Schwanz.

Die demokratische Diktatur kann nur der proletarischen sozialistischen Diktatur gegenübergestellt werden. Die eine unterscheidet sich von der anderen durch den Charakter der Klassen, die die Macht innehaben, und durch den gesellschaftlichen Inhalt ihrer historischen Arbeit. Wenn die demokratische Diktatur sich nicht damit beschäftigen soll, der kapitalistischen Entwicklung den Weg zu bereiten, wie in dem 1905 „skizzierten" bolschewistischen Schema festgestellt wird, sondern im Gegenteil mit einer „konsequenten Beschlagnahme der dem ausländischen und chinesischen Kapital gehörenden Unternehmen", wie von Manuilski „skizziert" wurde, dann fragen wir: Worin unterscheidet sich diese demokratische Diktatur von der sozialistischen? In nichts. Bedeutet das, dass Manuilski, zum zweiten Mal nach 12 Jahren, in den Apfel der „permanenten" Theorie gebissen hat? Er biss, ohne wirklich einen Bissen zu nehmen, wie man sehen wird.

4. Wir lesen einen Satz nach dem anderen: „Die Anwesenheit sozialistischer Elemente wird die spezifische (!) Besonderheit der revolutionär-demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft Chinas sein." Keine schlechte „spezifische" Besonderheit!

Die demokratische Diktatur wurde von den Bolschewiki immer als eine bürgerlich-demokratische Diktatur aufgefasst und nicht als eine über den Klassen stehende, und sie wurde der sozialistischen Diktatur nur in diesem – dem einzig möglichen – Sinn entgegengestellt. Jetzt soll es offenbar in China eine „demokratische Diktatur mit sozialistischen Elementen" geben.

Der Hinweis bezieht sich auf folgende Stelle aus einem Artikel Manuilskis von 1918, der zu seinem Missvergnügen im Plenum vom November 1926 der EKKI angeführt wurde: „Der russische Bolschewismus, der in der national begrenzten Revolution von 1905-6 geboren wurde, musste das Reinigungs-Ritual der Befreiung von allen typischen Zügen einer nationalen Besonderheit durchmachen, um die vollen Bürgerrechte einer internationalen Ideologie zu erhalten. Theoretisch wurde diese Reinigung des Bolschewismus von dem nationalen Anstrich, der ihm anhaftete, von Trotzki 1905 durchgeführt, der sich bemühte die russische Revolution mit der gesamten internationalen Bewegung des Proletariats durch den Gedanken der permanenten Revolution zu verbinden."

So verschwindet der Klassen-Abgrund zwischen bürgerlichen und sozialistischen Regimes, alles löst sich in reine Demokratie auf, und diese reine Demokratie wird allmählich und planvoll durch „sozialistische Elemente ersetzt".

Von wem haben diese Leute gelernt? Von Viktor Tschernow. Er hat nämlich 1905-6 eine derartige Revolution skizziert, die weder bürgerlich noch sozialistisch sein sollte, sondern demokratisch und die allmählich durch sozialistische Elemente ersetzt werden würde. Nein. Manuilski machte nicht viel Gebrauch vom Apfel der Erkenntnis!

5. Weiter: Die chinesische Revolution wird in ihrem Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus mehr Übergangstadien haben als unsere Oktoberrevolution; aber die Perioden ihres Hinüberwachsens in die sozialistische Revolution werden beträchtlich kürzer sein als die von den Bolschewiki skizzierten (?) Perioden für die demokratische Revolution von 1905.

Unser Astrologe hat für alles schon im Voraus die Bilanz aufgestellt: für die Stadien, die Perioden und die Dauer dieser Perioden. Er vergaß nur das Abc des Kommunismus. Es scheint, dass der Kapitalismus unter der Demokratie in einer Reihe von Stadien in den Sozialismus hinüberwachsen wird. Und die Macht – wird sie bei diesem Prozess dieselbe bleiben, oder wird sie sich verändern? Welche Klasse wird die Macht in der demokratischen Diktatur innehaben und welche in der sozialistischen? Wenn verschiedene Klassen die Macht innehaben werden, dann können sie sich nur durch eine neue Revolution gegeneinander austauschen und nicht durch ein „Hinüberwachsen" der Macht der einen Klasse in die Macht der anderen. Andererseits, wenn man annimmt, dass in beiden Perioden ein und dieselbe Klasse herrschen wird, d.h. das Proletariat, welche Bedeutung hat dann die demokratische Diktatur im Gegensatz zur proletarischen? Hierauf gibt es keine Antwort. Und es wird auch keine geben. Manuilski wurde befohlen, die Frage nicht aufzuklären, sondern die Spuren zu verwischen.

In der Oktoberrevolution wuchsen die demokratischen Aufgaben in die sozialistischen hinüber – unter der unveränderten Herrschaft des Proletariats. Man kann daher einen Unterschied (natürlich nur relativ) zwischen der demokratischen Periode der Oktoberrevolution und ihrer sozialistischen machen; aber man kann nicht zwischen demokratischen und sozialistischen Diktaturen unterscheiden, weil es die demokratische nicht gab.

Außerdem haben wir von Manuilski gehört, dass in China die demokratische Diktatur sich gleich von Anfang an einer konsequenten Beschlagnahme der Unternehmen gegenübersehen wird, was die Enteignung der Bourgeoisie bedeutet. Das heißt, dass es nicht einmal ein demokratisches Stadium der proletarischen Diktatur geben wird. Wo soll unter diesen Umständen dann die demokratische Diktatur herkommen?

Manuilskis unsinnige Konstruktion wäre vollkommen unmöglich, wenn er die chinesische Revolution mit der russischen vergleichen würde, wie sie sich tatsächlich entwickelt hat, und nicht mit der, die „skizziert" wurde, und wenn er nicht zudem noch die Skizze verwirren und verzerren würde. Und wozu dient das alles? Um sich ohne Rückzug zurückzuziehen, um die reaktionären Formeln der demokratischen Diktatur aufzugeben, oder, wie man in China sagt um sein Gesicht zu wahren. Aber auf dem Gesicht Stalin-Manuilskis haben zuerst Tschiang Kai-schek und das Wang Jingwei geschrieben. Genug! Das Gesicht ist bereits vielsagend genug. Sie können es nicht mehr retten. Manuilskis theoretische Verwirrung richtet sich gegen die grundlegenden Interessen der chinesischen Revolution. Die chinesischen Bolschewiki-Leninisten werden das enthüllen.

Prinkipo, November 1930

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