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Leo Trotzki 19281022 Brief an N. P. Teplow

Leo Trotzki: Brief an N. P. Teplow

[„Rundbrief Nr. 44". Eigene Übersetzung nach dem russischen Text, verglichen mit der englischen und französischen Übersetzung, unter dem Titel „Ультра-левая карикатура Сталина“, Ultralinke Karikatur Stalins]


Werter Genosse Teplow,

ich bin sehr froh, von Ihnen endlich Neuigkeiten direkt zu erhalten. Ich gestehe, in einem der Briefe bin ich wirklich über Sie hergefallen im Zusammenhang mit der Bewertung Ihres Kurses. Einen ausführlicher Auszug aus Ihrem Brief erhielt ich von W. D. Jetzt hat sich die Frage, wie ich aus Ihrem Brief vom 28. September1 ersehen kann, erledigt, und es gibt daher keinen Grund, darauf zurückzukommen. Dass der stalinistische Zickzack viele Risse in jener nicht denkenden Masse von Parteimitgliedern gebracht hat, die als Grundlage für die zentristische Linie und das bürokratische Regime dient, daran kann es sicherlich keinen Zweifel geben. Was den Termin betrifft, an dem die versteckten Prozesse hervortreten, so ist Vorhersagen nicht leicht. Sie hoffen, dass innerhalb der nächsten 4-5 Monate Veränderungen im Arbeiterteil der Partei zum Vorschein kommen werden. Dies ist nicht ausgeschlossen – unter einer Bedingung: wenn der leere Raum, den der zerbröckelnde Zentrismus im Bewusstsein hinterlässt, rechtzeitig von der Leninschen Linie gefüllt wird. Die Aktivität und Unabhängigkeit der Opposition ist heute die wichtigste Voraussetzung für allen politischen Fortschritt. Deshalb habe ich mit solcher Besorgnis auf die Äußerungen mehrerer Genossen, einschließlich von Ihnen, geantwortet, in denen sich Elemente einer neuen Linie innerhalb der Opposition abzuzeichnen begannen.

Der zweite Ihrer Briefe, vom 7. Oktober, ist den Dezisten2 gewidmet. Jetzt sind sie in allen Kolonien auf die Tagesordnung gekommen. Etwa das Gleiche schreibt man aus Moskau, unter Bezugnahme auf Charkow und andere Punkte. Schon bevor ich Ihren Brief mit einer Kopie des Briefes W. Smirnows erhielt, habe ich in mehreren Briefen auf die jüngsten Offenbarungen dieses guten Revolutionärs geantwortet, der jedoch nie eigenständig eine richtige Position zu irgendeinem Thema einnahm, sich aber im Moment die bewusste Aufgabe gestellt hat, eine ultralinke Karikatur Stalins aufzubauen. Wenn es in unseren eigenen Reihen eine dezistische Stimmung gäbe, sollte diese nun in völlig klarer und bestimmter Form zum Vorschein kommen. Niemand von uns darf sich nachsichtig zu solchen Stimmungen verhalten. Nur muss man im Einzelfall herausfinden, ob es sich hier um eine vorübergehende psychologische Überspitzung handelt, insbesondere als Resultat der Bekämpfung kompromisslerischer Tendenzen, oder ob es wirklich Ultralinkstun mit all seinen Lastern ist: Ignorieren der Partei und ihrer internen Prozesse; selbstgerechtes Sektierertum; Otsowismus und Abenteurertum. Im ersten Fall muss man auf Genossenweise erklären; im zweiten Fall muss man sich abgrenzen.

Es ist jedoch nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass gerade die prominentesten Vertreter kompromisslerischer oder halb kompromisslerischer Haltungen zum Zentrismus noch vor kurzem, noch im Januar dieses Jahres, entschiedene Gegner unserer Abgrenzung von den Dezisten waren und nicht nur für gemeinsame Arbeit mit ihnen, sondern auch für eine vollständige Fusion standen. Und wenn man genau darüber nachdenkt, ist es leicht zu verstehen, dass die 180°-Drehung – von der Verschmelzung mit den Dezisten zum halben Kompromisslertum mit dem Zentrismus – überhaupt kein Zufall ist.

Einstweilen höre ich hier auf. Ich füge einen allgemeinen Brief bei, der sozusagen als Antwort an mehrere Genossen zum „aktuellen Moment" geschrieben wurde.

Ich fühle mich jetzt viel besser. In den letzten drei Wochen habe ich ohne „Unterbrechungen" gearbeitet. Jetzt gehe ich sogar auf eine große Jagd. Ich hoffe, dass mich der Herbst – mein geschworener Feind – dieses Mal verschont.

Ich drücke Ihnen herzlich die Hand, überbringen Sie Ihren Ischimer Freunden herzliche Grüße.

Alma-Ata, 22. Oktober 1928

L. Trotzki

1Im russischen Text – offenbar irrtümlich – „Oktober“

2 In der englischen und französischen Übersetzung: „Demokratische Zentralisten“

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