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Leo Trotzki 19221125 Kommunismus und Freimaurertum

Leo Trotzki: Kommunismus und Freimaurertum

[Nach Internationale Presse-Korrespondenz, 2. Jahrgang Nr. 233 (9. Dezember 1922), S. 1725 f.]

Die kapitalistische Entwicklung hat die Klassengegensätze beständig verschärft und verschärft sie noch immer weiter. Die Anstrengungen der Bourgeoisie sind immer darauf gerichtet, diese Gegensätze in der Politik abzustumpfen. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts gibt ein Bild von der außerordentlichen Mannigfaltigkeit der Mittel und Methoden der Bourgeoisie in dieser Hinsicht. Die offene Unterdrückung bildet ihr letztes Argument und tritt nur in kritischen Augenblicken offen zutage. In „normalen" Zeiten aber besteht die Kunst der bürgerlichen Politik darin, die Frage der Herrschaft der Bourgeoisie sozusagen von der Tagesordnung abzusetzen, sie als solche weg zu eskamotieren, sie durch politische, juristische, moralische, religiöse, ästhetische Dekorationen zu maskieren und auf diese Weise in der Gesellschaft eine Atmosphäre der Unerschütterlichkeit der bestehenden Ordnung zu schaffen.

Es wäre lächerlich und naiv – um nicht zu sagen dumm – zu glauben, die Politik der Bourgeoisie würde nur in den Parlamenten und in Leitartikeln gemacht. O nein, diese Politik wird im Theater, in der Kirche und in der Lyrik ebenso betrieben, wie in der Akademie und in der Kinderschule. Die Bourgeoisie weiß das Bewusstsein der Zwischenschichten und selbst erheblicher Teile der Arbeiterklasse von allen Seiten einzuhüllen, indem es ihren Geist vergiftet, ihren Willen paralysiert.

Die spät entstandene und unfähige russische Bourgeoisie hat auf diesem Gebiet am wenigsten geleistet – dafür denn auch bitter büßen müssen. Die nackte zaristische Faust erwies sich ohne das entsprechende komplizierte System von Maskierung, Lüge, Betrug und Illusion als ungenügend. Die russische Arbeiterklasse riss die Macht an sich.

Die deutsche Bourgeoisie, die auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst unvergleichlich mehr geleistet hat, stand in politischer Hinsicht höchstens um eine Stute höher als die russische Bourgeoisie. Die wichtigsten staatlichen Hilfsquellen des deutschen Kapitals entquollen dem preußischen Hohenzollerntum und dem preußischen Leutnantskultus. Und so sehen wir, wie die deutsche Bourgeoisie von heute auf dem Wege zu dem historischen Untergang der Bourgeoisie mit an der obersten Spitze marschiert.

Wer sich genauer darüber unterrichten will, mit welchen Methoden und Mitteln die Bourgeoisie das Volk im Laufe von Jahrhunderten an der Nase herumgeführt hat der muss die Geschichte der ältesten kapitalistischen Länder, Großbritanniens und Frankreichs, zur Hand nehmen. In diesen Ländern haben die herrschenden Klassen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ihre Herrschaft gefestigt, indem sie der Arbeiterklasse auf ihrem Wege immer neue Hindernisse auftürmten, die um so mächtiger sind, je weniger sie sich bemerkbar machen.

Der Thron der englischen Bourgeoisie wäre schon längst in Trümmer geschlagen worden, wenn er nicht ständig umgeben wäre von einer Atmosphäre der Respektabilität, der Scheinheiligkeit und des Sportes. Der englische Policeman schützt mit seinem Knüppel lediglich die äußerste Schanze der bürgerlichen Herrschaft und wenn der Kampf um diesen entbrennt, wird es für die Bourgeoisie schon keine Rettung mehr geben. Hundertmal wichtiger für die Aufrechterhaltung des großbritannischen Regimes ist das unmerkliche Spinngewebe der Respektabilität und der Feigheit vor den bürgerlichen Geboten und „Anstandsregeln" das die Köpfe der Trade-Unionisten, der Führer der Arbeiterpartei und einer sehr bedeutenden Schicht der Arbeiterklasse selbst umhüllt.

Die französische Bourgeoisie lebt auf politischem Gebiet in erster Linie von den Zinsen, die das Kapital der Großen Französischen Revolution ihr abwirft. Die Verlogenheit und Verderbtheit der parlamentarischen Demokratie Ist hinreichend bekannt und sollte doch wahrlich keinerlei Illusionen mehr aufkommen lassen. Doch die Bourgeoisie weiß selbst diese Verkommenheit des Regimes in eine Stütze für Ihre Herrschaft zu verwandeln. Auf welche Welse? Durch Vermittlung Ihrer eigenen Sozialisten. Diese erheben durch ihre Kritik und Opposition bei den Volksmassen eine Vertrauenssteuer. In kritischen Augenblicken aber übergeben sie die von Ihnen eingeheimsten Stimmen voll und ganz dem kapitalistischen Staat. Somit ist also die sozialistische Kritik gegenwärtig einer der wichtigsten Pfeiler der bürgerlichen Herrschaft. Wie die französische Bourgeoisie nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die Verspottung der katholischen Kirche für Ihre Zwecke ausnutzt, so nötigt sie auch nicht nur die parlamentarische Mehrheit, sondern auch die sozialistischen, ja nicht selten sogar die anarchistischen Ankläger derselben, ihr zu dienen. Das beste Beispiel hierfür liefert der letzte Krieg, in dem die Abbés und Freimaurer, Royalisten und Anarchosyndikalisten als begeisterte Trommelwerber des blutbesudelten Kapitals auftraten.

Wir haben eben unter anderem auch das Freimaurertum erwähnt, das im politischen Leben Frankreichs keine geringe Rolle spielt. Es ist im Grunde genommen eine kleinbürgerliche Nachahmung des seiner historischen Wurzel nach feudalen Katholizismus. Die französische bürgerliche Republik, die bald ihren rechten, bald Ihren linken Flügel, bald beide zugleich vorschiebt, benutzt zur Erreichung desselben Zieles sowohl den echten, kirchlichen, offenen Katholizismus, als auch seine kleinbürgerliche Imitation, die Freimaurerei, wo die Rolle der Kardinäle und Abbés von den Bankiers, parlamentarischen Geschäftsleuten, käuflichen Journalisten und jüdischen Advokaten gespielt wird, die schon fett geworden sind oder wenigstens danach streben, fett zu werden. Das Freimaurertum, das den starken Wein des Katholizismus verdünnt und aus Gründen kleinbürgerlicher Sparsamkeit, auch die himmlische Hierarchie eingeschränkt hat, von der nur das „höchste“ Wesen – L'Être Suprême – übriggeblieben ist, hat sich gleichzeitig auch die Terminologie der Demokratie mit ihrer Brüderlichkeit, Menschlichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Tugend u. dgl. mehr für ihren Hausgebrauch zurechtgeschnitten. Das Freimaurertum bildet zwar keinen offiziellen, aber doch einen äußerst wichtigen Bestandteil des bürgerlichen Regimes. Seinem äußeren Habitus nach ist es unpolitisch wie die Kirche, seinem Wesen nach aber ist es konterrevolutionär wie diese. Der Verschärfung der Klassengegensätze stellt das Freimaurertum mystische, sentimentale, moralische Formeln entgegen und begleitet sie, genau wie die Kirche es tut, mit Maskeraden und Zeremonien. Das Freimaurertum, das seinen Ursprung nach machtloses kleinbürgerliches Gegengift gegen den die Menschen entzweienden Klassenkampf darstellen soll, wird, wie alle derartigen Bewegungen und Organisationen in den Händen der herrschenden Klasse selbst zu einer unersetzlichen Waffe des Klassenkampfes gegen die Entrechteten.

Die große Kunst der englischen Bourgeoisie hat immer darin bestanden, die in den Vordergrund tretenden Arbeiterfahrer mit Aufmerksamkeit zu umgeben, ihrer Respektabilität zu schmeicheln, sie moralisch und politisch zu bestechen und Ihre Seelen zu kastrieren. Die verschiedenartigsten englischen Sekten und kirchlichen Gemeinschaften. In denen die Vertreter der verschiedenen Parteien sich auf allgemein „neutralem" Boden treffen und streiten, sind ein äußerst wichtiges Hilfsmittel bei dieser Zähmung und Verführung. Nicht umsonst hat Lloyd George die Kirche als die elektrische Kraftzentrale der Politik bezeichnet. In Frankreich wird diese Rolle wenigstens zum Teil von Freimaurerlogen gespielt. Für den französischen Sozialisten und dann auch für den Syndikalisten bedeutete die Loge das Eindringen in die höchsten Sphären der Politik. Hier in den Logen wurden und werden die für eine erfolgreiche Karriere nötigen Verbindungen geknüpft, Gruppierungen geschaffen, Klienten geworben. Und diese ganze Geschäftsmacherei wird überfirnist mit einem Flor von Moral, Zeremonien und Mystik. Das Freimaurertum ändert seine erprobte Taktik auch nicht in Bezug auf die Kommunisten; es schließt die Kommunisten nicht aus seiner Mitte aus – im Gegenteil, es öffnet ihnen weit seine Tore. Das Freimaurertum würde sich selbst verleugnen, handelte es anders. Seine politische Funktion besteht darin, in seine Reihen die Vertreter der Arbeiterklasse zu locken, um zur Verweichlichung ihres Willens und nach Möglichkeit euch zur Erweichung ihrer Gehirne beizutragen. Die „Brüder" aus der Zahl der Advokaten und Präfekten sind natürlich sehr wissbegierig und sogar geneigt, sich etwas über den Kommunismus vortragen zu lassen. Aber kann denn der jüngere, linke Bruder dem älteren, rechten Bruder den Kommunismus in der rohen Gestalt eines Bolschewiks mit dem Messer zwischen den Zähnen präsentieren? O nein! Der Kommunismus, der in den Freimaurerlogen serviert wird, muss eine sehr hohe, verfeinerte pazifistische Lehre sein, die durch eine ganz feine philosophische Nabelschnur mit der freimaurerischen Brüderschaft verbunden ist. Das Freimaurertum als Ganzes bedeutet eine Form des politischen Servilismus der Kleinbourgeoisie gegenüber der Großbourgeoisie. Die Teilnahme von „Kommunisten an der Freimaurerei bedeutet den geistigen Servilismus einzelner angeblicher Revolutionäre gegenüber der Kleinbourgeoisie und durch ihre Vermittlung auch gegenüber der Großbourgeoisie.

Es ist überflüssig, zu sagen, dass die sogenannte „Liga zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte"" eine der Anfahrten desselben Universalgebäudes der kapitalistischen Demokratie ist. Wenn die Umnebelung und Schändung der Seelen unter der Decke der Brüderschaft vor sich geht, so sind in der „Liga" alle Fragen auf den Boden des Rechts gestellt. Die gesamte Politik der „Liga" – dafür hat wiederum der Krieg den besten Beweis erbracht – bewegt sich innerhalb der Grenzen, die von den patriotischen und nationalen Interessen des französischen Kapitals vorgezeichnet sind. Innerhalb dieses Rahmens ist es der „Liga" anheimgestellt, über einzelne Ungerechtigkeiten und Rechtsverletzungen jenen Lärm zu schlagen, der zur Heranziehung von Karrieristen und zur Betäubung von Einfaltspinseln erforderlich Ist.

Sowohl die „Liga" als auch die Freimaurerlogen waren immer der Schauplatz politischer Koalitionen der Sozialisten mit den bürgerlichen Radikalen. An dieser Koalition nehmen die Sozialisten natürlich nicht als Vertreter der Arbeiterklasse, sondern als Einzelpersonen teil. Aber die Bedeutung, die die einzelnen Sozialisten in den Logen haben, wird nicht durch das Gewicht ihrer individuellen Tugend bestimmt, sondern durch das politische Gewicht, das sie in der Arbeiterklasse besitzen. Mit anderen Worten: In den Logen und ähnlichen Institutionen nutzen die Herren Sozialisten ihre Rolle in der Arbeiterbewegung zu ihrem persönlichen Vorteil aus. Die Spuren sind hier um so leichter zu verwischen, als alle Machinationen von einem idealistischen Ritual überdeckt werden.

Demütigung, Lechzen nach Brosamen von der Herren Tische, Tellerleckerei, Kriecherei, Karrierismus und Parasitismus – im direkten materiellen sowohl als im verschleierten „geistigen" Sinne – das ist das Freimaurertum für alle, die von unten herauf zu ihm gelangen. Wenn die Freunde Leon Blums und die Freunde Jouhaux' sich in den Logen mit den übrigen Brüdern vom linken Block umarmen, so bleiben sie dabei vollständig innerhalb ihrer politischen Rolle: In den freimaurerischen Geheimsitzungen vollenden sie das, was man in den öffentlichen Sitzungen des Parlaments oder in der Presse nicht gut tun kann. Aber nichts als brennende Schamröte steigt uns ins Gesicht, wenn wir hören, dass es in den Reihen der Kommunistischen (!!!) Partei Leute gibt, die die Idee der Diktatur des Proletariats durch die Brüderschaft mit Dissidenten, Radikalen, Advokaten und Bankiers in den Sitzungen der Freimaurerlogen ergänzen. Wenn wir über den Zustand unserer französischen Partei gar nichts weiter wüssten als diese Tatsache, so würde das allein schon genügen, um mit Hamlet zu sagen: „'s ist etwas faul im Staate Dänemark" Kann die Internationale es dulden, dass solche wirklich schmachvolle Dinge weiter bestehen, ja sich sogar weiter entwickeln? Das hieße zulassen, dass die Kommunistische Partei Frankreichs im System des demokratischen Konservatismus den Platz jener Stütze von links einnimmt, die früher die Sozialistische Partei inne gehabt hat. Doch das wird nicht geschehen. Wir glauben zu fest an den revolutionären Instinkt und den revolutionären Geist der französischen proletarischen Vorhut. Mit scharf geschliffenem Schwerte wird sie alle politischen, philosophischen, moralischen und mystischen Bande zerschneiden und zerhauen, die die Spitzen ihrer Partei noch mit den offenen und maskierten Organen der bürgerlichen Demokratie – ihren Logen, ihren Ligen, ihrer Presse – verknüpfen. Wenn dieses Schwert über den Bord unserer Partei auch einige Hundert oder sogar Tausend politischer Leichen hinaus schleudert, um so schlimmer für die letzteren. Um so schlimmer für sie und um so besser für die Partei des Proletariats, denn ihre Macht und Bedeutung wird keineswegs durch die Anzahl Ihrer Mitglieder bestimmt.

Eine Organisation von 50.000 Mitgliedern, die dafür aber richtig aufgebaut ist, genau weiß, was sie will und kein Abweichen von der revolutionären Linie zulässt, kann und wird das Vertrauen der Mehrheit der Arbeiterklasse erobern und den entscheidenden Führerposten in der Revolution einnehmen. Eine Organisation von 100.000 Mitgliedern, die in ihren Reihen Zentristen, Pazifisten, Freimaurer, bürgerliche Journalisten usw. enthält, wird unausbleiblich auf der Strecke bleiben. – weil ohne Programm, ohne Gedanken, ohne Willen – und das Vertrauen der Arbeiterklasse niemals erobern.

Das Freimaurertum ist ein bösartiges Eitergeschwür am Körper des französischen Kommunismus. Dieses Geschwür muss mit glühendem Eisen ausgebrannt werden.

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