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Leo Trotzki 19171001 Rede in der Demokratischen Beratung

Leo Trotzki: Rede in der Demokratischen Beratung

[Nach Bote der russischen Revolution, Organ der ausländischen Vertretung des Zentralkomitees der Soz.dem. Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki), Nr. 7 (27. Oktober 1917), S. 12-16]

Genossen und Bürger! Uns, die Gegner der Koalition beschuldigt man des Utopismus, gleichzeitig aber beobachten wir hier eine mehr als wunderbare Erscheinung: auf die Tribüne steigen Volkswirtschaftler – Praktiker wie Theoretiker –, Tscherewanin, Groman, steigen Delegierte der Agrarkomitees und erzählen uns die Geschichte der Wirtschaftspolitik der Koalitionsregierung. Anderseits traten die Minister-Sozialisten auf. Und siehe da! Aus diesem Munde musste man doch in erster Reihe Berichte über die Vorzüge des Koalitionssystem erwarten, deretwegen sie zur Wiederholung der schon gemachten Erfahrung uns aufrufen. Aber statt der Berichte hörten wir hier gute Ratschläge. Wir hörten den Rat des Ministers Skobelew, aber er lüftete hier nicht das Geheimnis, wie er sein Programm zusammen mit den Herren Hultschiner und Konowalow durchgeführt hat1) Auch der Minister Awksentjew gab uns einen Rat statt eines Berichtes. Das erinnert mich an den Rat, den der Minister Awksentjew dem Zentralexekutivkomitee gab in der Nacht, als das Kornilowabenteuer liquidiert sein sollte, aber noch nicht liquidiert war und das Direktorium der Fünf aus Kerenski, Sawinkow, Maklakow, Kischkin und Tereschtschenko gebildet wurde. Sawinkow ist Kornilow-Anhänger, Maklakow Sawinkow-Anhänger, und Kerenski, Kischkin und Tereschtschenko kennt ihr zu genüge! Dieses Direktorium der Fünf war eben im Entstehen begriffen und Awksentjew kam in das Zentralexekutivkomitee und erklärte: unterstützt sie, ich übernehme die Verantwortung, traut ihnen. Das war auch ein Rat und wieder kein Bericht darüber, wie Sawinkow, der in derselben Regierung wie Herr Awksentjew saß, das dritte Kavalleriekorps nach Petrograd beordert hatte, um Petrograd im Blute zu ertränken

Sogar Pjeschechonow, den ich als einen ernsten Politiker und tüchtigen Fachmann hochzuschätzen gewöhnt war, hat uns hier statt eines Berichtes ein Gedicht in Prosa über die Vorzüge des Koalitionsministerium beschert. Er erzählte uns wie die Minister-Kadetten in der Regierung – Gott behütet – keine Sabotage trieben, sie saßen nur, warteten und wiederholten: passen wir mal auf, wie die Minister-Sozialisten durchfallen. Und als ich bemerkte, dass das eben Sabotage ist, wenn die Kadetten-Minister ins Ministerium eintreten zu dem einzigen Zweck, von innen aus zu beobachten, wie die Sozialisten-Minister durchfallen, da versprach mir zwar Pjeschechonow zu beweisen, dass das keine Sabotage ist, er vergaß aber sein Versprechen, da die Zeit nicht langte.

Die interessanteste Rede war wohl die des Minister Sarudny, der erzählte, wie es in der Regierung zuging. Ich verstand damals nicht, verstehe auch jetzt nicht, was da eigentlich vorging, sagte er. Ich applaudierte seiner Offenherzigkeit und politischer Ehrlichkeit, mit der er die „Resultate" seiner ministeriellen Tätigkeit verkündete. Er verstand auch nicht, weswegen die Minister demissionieren sollten, als die Affäre Kornilow losbrach und die Minister ihre Portefeuilles zu den Füßen Kerenskis niederlegten. Ich muss sagen, der Kadetten-Minister Kokoschkin sprach darüber in anderen Worten. Er motivierte seinen Rücktritt damit, dass nachdem die Regierung Kerenski eine außerordentliche, fast diktatorische Vollmacht überwies, er es als unannehmbar fand, als einfacher Vollzieher des Willens Kerenskis im Ministerium zu verbleiben.

Ich will es laut aussprechen, ich applaudierte innerlich unserem Feinde, dem Herrn Kokoschkin: er sprach eine Sprache, die eines Politikers und Mannes würdig ist.

Genossen, wenn es viele Meinungsunterschiede zwischen uns gibt – und es gibt viele über das frühere Koalitionsministerium und über das zukünftige – so frage ich Sie: gibt es zwischen uns Meinungsunterschiede über die Regierung, die jetzt herrscht und in Namen Russlands spricht. Ich habe hier nicht einen einzigen Redner gehört, der die wenig beneidenswerte Rolle des Verteidigers des Direktoriums der Fünf, seiner Mitglieder, oder seines Vorsitzenden Kerenskis auf sich nahm ... (Unruhe. Beifall. Rufe: bravo. Es lebe Kerenski! rufen einige Stimmen und lauter Beifall deckt diese Rufe.)

Die Rede, die hier ... (Unruhe, Rufe: raus, genug! – unterbrechen den Redner. Man muss eine längere Pause einschalten, bevor das Publikum sich beruhigt.) – In seiner Rede – spricht weiter Trotzki – hat Kerenski in Beantwortung der Frage der Todesstrafe gesagt: ihr sollt mich verfluchen, wenn ich ein einziges Todesurteil unterschreibe. Wenn er aber, nachdem er die Todesstrafe eingeführt hat, hier vor der Demokratie sich verpflichtet, die Todesurteile nicht zu unterschreiben, so sage ich: er verwandelt die Todesstrafe in einen Akt des Leichtsinns, der jenseits vom Verbrechen steht.

An diesem Beispiel, wie man in einem revolutionären Lande die Todesstrafe einführt, nachdem sie aufgehoben wurde und wo eine unverantwortliche Persönlichkeit die Todesstrafe in eine Waffe des politischen Kampfes verwandelt, kann man ersehen, wie tief die Erniedrigung ist, in der sich jetzt die russische Republik befindet: denn es ist eines großen Volkes unwürdig, das eine große Revolution durchlebt, seine ganze Macht in die Hände eines Mannes, der vor seinem eigenen revolutionären Volke nicht verantwortlich ist, zu legen. (Beifall) Hier sprachen viele darüber, wie schwer die Regierungslast ist, und dass man sie deswegen dem Rücken der millionenköpfigen Demokratie nicht aufbürden kann. Ich aber frage Euch: was sollen wir den sagen über einen einzigen Mann, der – weiß Gott! – keine geniale Begabung weder als Kriegsführer, noch als Gesetzgeber bewiesen hat, wie soll dieser einzige Mann …

(Unruhe. Rufe: Genug! Weiter! nötigen den Redner wieder eine Pause zu machen.)

Ich protestiere nicht gegen diese Entrüstungsrufe – zieht der Redner weiter – im politischen Kampfe ist die Leidenschaft völlig berechtigt – ich bedauere nur, dass der Standpunkt, der jetzt seinen Ausdruck in den Entrüstungsrufen findet, hier auf der Tribüne keinen politischen und artikulierten Ausdruck fand … (Unruhe. Beifall.) Nicht ein einziger Redner sagte von dieser Tribüne: wozu streitet ihr über die vergangene Koalition und zerbricht Euch die Köpfe über die zukünftige, ihr habt einen Kerenski und das genügt vollkommen . ..

(Wiederholte Unruhe, Rufe. Der Vorsitzende kann kaum die Versammlung beruhigen.)

Eben unsere Partei – spricht Trotzki weiter – war nie geneigt, die Verantwortung für dieses Regime auf die Böswilligkeit dieses oder jenes einzelnen Mannes zu legen. Noch in Mai sagte ich: ihr, kämpfende Parteien, ihr schalt künstlich ein Regime, in dem die am meisten verantwortliche Persönlichkeit ganz unabhängig von ihrem Willen, mechanisch zu dem Ausgangspunkt des zukünftigen russischen „Bonapartismus" wird. (Unruh Rufe: Demagogie, Lüge.)

Es ist keine Demagogie, alles ist in einfachsten, objektivsten Ausdrücken gefasst, dass aus gewissen politischen Kombinationen unwiderruflich die Tendenz zur persönlichen Diktatur entsteht. Was sind das für Kombinationen? Wir formulieren sie folgend: in der jetzigen Gesellschaft tobt ein tiefer, unüberbrückbarer Kampf. In der Revolution, als die Massen zum ersten Mal sich als Klassen bewusst zu fühlen beginnen, als Klassen die tiefe soziale Wunden tragen, die sich zum ersten Mal als politische Klasse, als Einheit fühlen und an allen Basteien des Eigentums zu rütteln anfangen, in einer solchen Periode bekommt der Klassenkampf seinen leidenschaftlichsten, gespanntesten Ausdruck.

Der Kampf zwischen der Demokratie und der herrschenden Klasse ist, nachdem die Revolution, wie sich die herrschende Klasse ausdrückt, die Niederungen aufgewühlt hat, unentrinnbar. Dieser Kampf wird, sich immer verschärfend, seinen gesetzmäßigen Kreis der Entwickelung durchmachen, und die größte Beredsamkeit, die besten Programme werden diese Entwickelung nicht aufhalten können. Wenn in solchen großen, historischen Momenten der Kampf zwischen den herrschenden und den bedrückten Klassen anfängt, so wird zum Objekt dieses Kampfes bewusst, oder unbewusst, die Regierungsgewalt als der Apparat, mit dessen Hilfe man das Eigentum entweder verteidigen, oder tiefe soziale Änderungen in ihm durchführen kann.

In einer solchen Epoche, Genossen, ist eine Koalitionsregierung, nachdem die Kräfte der Revolution einen größeren Anlauf genommen haben, entweder ein historisches Unding, das sich nicht halten kann, oder ein Betrug der herrschenden Klasse zum Zwecke der Enthauptung der Revolution: ihre autoritativsten Köpfe werden in ein politisches Fangnetz verwickelt und die Massen, oder wie sich die Besitzenden ausdrücken: das außer Rand und Band geratene Element, wird sich selber überlassen, oder im Blute erstickt. In einer solchen Epoche, wo die Bourgeoisie die Macht an sich nicht reißen kann, und die Volksmassen die Macht noch nicht imstande sind zu nehmen, in solchen historischen Momenten des Interregnums, wenn die Bourgeoisie die Macht an sich zieht, aber zaudernd und die Demokratie sich zur Macht drängt, sie aber doch nicht zu nehmen wagt, erwächst die Notwendigkeit eines Schiedsrichters, eines Napoleon Bonaparte, eines Diktators. Deswegen wurde, bevor noch Kerenski die Stellung besetzte, die er jetzt besitzt, die Vakanz auf Kerenski durch die Zaghaftigkeit und Schwäche der revolutionären Demokratie eröffnet. (Beifall. Zuruf: schwach).

Wenn ihr jetzt das Experiment des Koalitionsministeriums noch einmal wiederholt, nachdem es seinen Kreis beendigt hat und ihr die Kornilow-Verschwörung erleben musstet, wenn Ihr jetzt noch einmal Euch an die Kadetten wenden werdet, so glaube ich, es wird kaum eine Wiederholung des Experimentes sein. Hier sagt man uns zwar, dass man die ganze Kadettenpartei der Anteilnahme an der Kornilow-Verschwörung nicht beschuldigen darf. Dabei erinnert man uns, Bolschewiki: ihr habt protestiert, als man Euch als Partei für die Bewegung des 16-17 Juli verantwortlich machte; wiederholt doch nicht den Fehler einiger aus unserer Mitte, und macht nicht die ganze Kadettenpartei für das Kornilowattentat verantwortlich! Aber dieser Vergleich hinkt: als man die Bolschewiki der Inszenierung der Bewegung des 16-17 Juli beschuldigte, so handelte es sich damals nicht um eine Einladung ins Ministerium, sondern in die Kresty2. (Lachen.) Und wir sagen: wollt ihr die Kadetten in die Gefängnisse stecken, so tut dass nicht en gros, untersucht den einzelnen Fall, jeden für sich. Aber wenn ihr in das Ministerium eine Partei einladen wollt, sagen wir z. B., als Paradox, die Partei der Bolschewiki (Unruhe. Gelächter) …

(– Ihr wollt in das Ministerium – ruft man von den Bänken.)

Ich habe schon alle beruhigt, indem ich in vorne hinein sagte, es sei ein Paradox – antwortet der Redner. – Wenn ihr eine Regierung nötig habt, um das Proletariat zu entwaffnen, die revolutionäre Garnison aus Petrograd wegzuführen, oder das dritte Kavalleriekorps dahin einzuladen, so muss ich Euch sagen, dass die Bolschewiki die doch in die Bewegung des 16-17. Juli verwickelt sind – alle oder nur teilweise – dass die Bolschewiki als Partei in ihrem Ganzen, zu solchen Diensten wirklich absolut untauglich sind. (Beifall,)

Wäre die Rede von der Kadettenpartei, so wäre für uns nicht die Tatsache ausschlaggebend, dass dieser, oder jener ihrer Mitglieder mit Kornilow unter einer Decke steckte, oder dass Maklakow bei dem Telefon stand als Sawinkow seine Unterredung mit Kornilow hatte, auch nicht, dass Roditschew zu den Kosaken fuhr um mit Kaledin politische Gespräche zu führen, nicht das alles ist ausschlaggebend. Das Wesentliche an der Geschichte ist, dass die bürgerliche Presse entweder die Kornilowsche Verschwörung begrüßte, oder schwieg und den Sieg Kornilow erwartete. Die bürgerliche Presse drückte in allen Sprachen die Gefühle und Wünsche der bürgerlichen Klasse aus. Deswegen sage ich Euch: ihr habt keinen Gegenpart für Euer Koalitionsministerium.

Es ist wahr: Tschernow ist sehr optimistisch, und meint: warten wir ab. Aber erstens steht die Regierungsfrage schon heute vor uns, und zweitens, wie uns der Marxismus, der jetzt, durch eine Ironie des Schicksals zum Guthaben der Soz.-Rev. wurde, lehrt, kann man nicht warten, bis aus der Revolution heraus eine neue demokratische Partei entsteht. Der Marxismus, den ich gelernt habe, belehrt, dass die Demokratie lebensfähig und tatkräftig nur in den Morgentagen der bürgerlichen Gesellschaft, am Anfang ihrer Entwicklung, ist. Dort aber wo das Proletariat auf die Szene tritt als eine selbstständige Kraft, dort schwächt, dort tötet jeder sein Schritt vorwärts die bürgerliche Demokratie. (Beifall.) Die ganze historische Karriere einer sozialistischen Partei besteht doch darin, dass sie immer größere Massen dem Kleinbürgertum und seiner Ideologie entreißt und so das Kleinbürgertum in Lager der Bourgeoisie stößt Und deswegen ist die Hoffnung trügerisch, dass in der russischen Revolution, die in eine Periode des hochentwickelten Kapitalismus fällt, in welcher kein Schatten der bürgerlichen Demokratie geblieben ist, in einer Periode wo das Wort dem Imperialismus gehört, in einer Periode wo das russische Proletariat, unbeachtet seiner Jugend, zu einer Klasse von höchster revolutionären Energie gestempelt wird, ein neuer Aufschwung der bürgerlichen Demokratie kommen wird. In einer solchen Epoche bleibe man uns fern mit Reden, wir sollen die Wiederbelebung der bürgerlichen Demokratie erwarten, um mit ihr paktieren zu können. Das ist die größte Utopie, die größte Phantasmagorie, die jemals geboren wurde.

Die sozialistischen Parteien haben eben die Stelle ausgefüllt, die in der französischen Revolution, in allen bürgerlichen Staaten, in ihren Frühlingstagen, das, was ihr eine ehrliche bürgerliche Demokratie nennt, einnahm. Die sozialistischen Parteien haben diesen Platz besetzt, sie haben die Bourgeoisie heraus gedrängt und jetzt bekommt ihr Angst, oder man ängstigt Euch, dass, da ihr Sozialisten seit, so habt ihr kein Anrecht das zu tun, was früher eine ehrliche, kampflustige bürgerliche Demokratie getan hat, die den stolzen Namen der sozialistischen nicht trug und deswegen vor sich selbst nicht Angst gehabt hat …

Weiter verkündigt der Redner das Programm der Bolschewiki über die Abschaffung der Todesstrafe, der Übergabe des Grund und Bodens in die Hände des Bauerntums, die Produktionskontrolle usw. und endigt mit der Aufforderung die ganze Macht den Sowjets zu geben:

Wir schätzen hoch die städtischen Verwaltungen und die Semstwos ein, aber die Stütze die uns nötig ist, das sind die Sowjets – hinter denen die organisierten Arbeiter und Soldaten stehen. Und deswegen sage ich Euch. Genossen, bei jeder Regierung, die ihr schafft, appelliert an die Sowjets! (Tosender, langanhaltender Beifall. Alle stehen auf, Rufe: es lebe der Revolutionär Trotzki!)

1 Trotzki spielt auf eine Rede Skobelews an, in der er versprach 100 % der Gewinne zu konfiszieren. Im Handelsministerium, das darüber ein Wörtchen mitzureden hatte, saß Herr Paltschinski, der Syndikus der Industriellen.

Red. Bote.

2 Untersuchungsgefängnis in Petrograd.

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