G. Sinowjew 19160325 Nach Zimmerwald

G. Sinowjew: Nach Zimmerwald

[„Sozialdemokrat" Nr. 52. Nach Lenin/Sinowjew, Gegen den Strom, 1921, S. 337-341]

Die im Februar stattgefundene internationale Konferenz sollte das Fazit dessen ziehen, was in der internationalen Arbeiterbewegung in den 5-6 Monaten seit Zimmerwald geschehen ist. Das wichtigste Ergebnis der Arbeiten dieser Konferenz ist der programmatische Aufruf an die Arbeiter aller Länder und die Festsetzung einer neuen internationalen Konferenz, die öffentlich und auf breiterer Basis einberufen werden soll. Wir begrüßen den einen sowohl wie den anderen Beschluss als Schritt vorwärts zur Schaffung der III. Internationale, zur Befreiung vom sozialchauvinistischen Bann.

Wir betrachten es als unser Recht und unsere Pflicht, den russischen Arbeitern genau so wie über Zimmerwald auch über diese Konferenz zu berichten, an der auch eine Delegation des Zentralkomitees unserer Partei teilgenommen hat. Natürlich können wir – aus begreiflichen Gründen – nicht alles berichten. Wir interessieren uns hier nur für das, was eine prinzipielle Bedeutung hat, was uns mit den ideell-politischen Tendenzen innerhalb der Zimmerwalder Vereinigung bekannt macht.

Nach Zimmerwald erklärte die dort gewählte Berner I.S.K. (Internationale Sozialistische Kommission) in einem offiziellen Bericht, dass sie bereit sei, sich aufzulösen, sobald das Internationale Sozialistische Büro in Den Haag wieder in Funktion treten würde. Das war ein Zugeständnis an die Sozialpatrioten und die Schwankenden. Offiziell war dies in Zimmerwald nicht beschlossen worden.

Aber schon sehr bald empfand die I.S.K., dass sie, wenn sie einigermaßen erfolgreich arbeiten sollte, keine Angst haben dürfte, an und für sich zu bestehen, sondern ein festeres Organ schaffen müsste. Die I.S.K. versandte ein Zirkular über die Bildung einer erweiterten internationalen Kommission mit einer beständigen Vertretung von allen Ländern. Das war ein Schritt in der Richtung, die auf der Konferenz selber von der Zimmerwalder Linken vorgeschlagen wurde. Die erste (wenn auch nicht ganz offizielle, denn nicht von allen Ländern waren Delegierte eingetroffen) erweiterte Versammlung dieser Art war die kürzlich abgehaltene Konferenz. Den äußeren Anstoß zur Beschleunigung der Einberufung dieser Konferenz gab die freche Rede, die kürzlich der Sekretär de Internationalen Sozialistischen Büros C. Huysmans hielt, der erklärte, die Internationale sei jetzt lebendiger denn je, und der die bevorstehende Wiederherstellung auch der formalen internationalen Beziehungen auf Grund eine gegenseitigen Amnestierung ankündigte. Anstatt dem alten Internationale! Büro Zugeständnisse zu machen, musste die Berner I.S.K. im Gegenteil kraft der Ereignisse noch enger ihre Reihen gegen das Büro schließen. Da; ist die Logik des Kampfes. Das ist die Logik der Ereignisse – entgegen dei Schwankungen der Zwischenglieder im Zimmerwalder Block.

Die Zusammensetzung der letzten Konferenz wies ungefähr die Hälfte der Zimmerwalder Konferenz auf. Das gegenseitige Verhältnis der Richtungen war ungefähr dasselbe wie in Zimmerwald. Und doch ergab sich ein Aufruf der dem, was die Zimmerwalder Linke wollte, bedeutend näher steht. Diesem Aufruf fehlt die programmatische Einheitlichkeit, er gibt keine klare und systematische Beurteilung des Opportunismus und Kautskytums. Aber wem er auf die Notwendigkeit einer „revolutionären Einmischung" der Arbeitermasse hinweist; wenn er an die Beispiele der „Verbrüderung in den Schützengräben" erinnert; wenn er zu „Streiks", Demonstrationen und „Aktionen' aufruft; wenn er „jedwede freiwillige Beteiligung der Arbeiter an Institutionen die der Landesverteidigung dienen", tadelt, wenn er die Ablehnung der Kriegskredite „unabhängig von der militärischen Lage" fordert; wenn er erklärt „Jeder Versuch zur Wiederherstellung der Internationale durch die gegenseitige Amnestierung der kompromittierten opportunistischen Führer… ist eine Verschwörung gegen den Sozialismus"; wenn er sagt, dass „die sogenannt. Vaterlandsverteidigung in diesem Kriege nichts anders ist, als ein Mittel de gröbsten Betruges, um die Völker dem Imperialismus zu unterwerfen", – so tut er einen Schritt vorwärts vom Ledebourschen „Sumpf", der in Zimmerwald seinen Willen diktierte, zur revolutionären Sozialdemokratie (der Aufruf wurde einstimmig angenommen. Radek, Lenin und Sinowjew gaben eine Erklärung ab in dem Sinne, dass sie zwar im Aufruf einen Schritt vorwärts erblicken, aber ihn nicht in allen seinen Teilen für genügend erachten).

Die Stellung der sozialdemokratischen Opposition in Deutschland hat eine entscheidende Bedeutung für die weiteren Geschicke des Zimmerwalde Blocks. Ein deutscher Delegierter machte in der Konferenz die Mitteilung dass die Opposition während dieser Zeit 600.000 illegale Flugblätter heraus gegeben hat, dass sie eine Reihe von ausgezeichneten Straßendemonstrationen veranstaltet hat, dass die Massen immer mehr und mehr auf die Seite de Opposition übergehen. Aber derselbe Delegierte (ein Anhänger Ledebours wollte nichts von Liebknecht wissen und griff die Linken an wegen ihrer Bestrebungen, sich von den Sozialpatrioten zu spalten. „Man kann nicht gleich zeitig zweien Göttern dienen", sprach er, d. h. man kann nicht in der alten Partei verbleiben und zu gleicher Zeit eine neue schaffen. Daraus zog er den kategorischen Schluss, dass man unter allen Umständen in der alten Partei verbleiben soll. Er merkte nicht, dass man einem Gotte dient, aber dieser Gott ist Scheidemann. Von der Gründung einer III. Internationale wollte der deutsche Delegierte nichts wissen. Für ihn und seine Gruppe ist die „Einheit" ultimativ.

Und solche Reden riefen ein wohlwollendes Echo in der Konferenz hervor, dessen ungeachtet, dass die ganze Sachlage gegen sie spricht.

Aus den Erkundigungen, die von den Delegierten der Konferenz eingezogen wurden, ging mit Deutlichkeit hervor, dass die Huysmans und diejenigen, die hinter ihm standen, den Plan hatten, zuerst die Elemente des Zentrums, d. h. die Kautskyaner aller Länder miteinander „auszusöhnen." Die meisten Teilnehmer der Konferenz empfanden, oder richtiger, ahnten, dass sich daraus nur ein neuer großer Betrug der Arbeiter ergeben würde. Und zu gleicher Zeit trat die Majorität der Konferenz nicht nur nicht konsequent gegen die Kautskyaner auf, sondern förderte sie, wie z. B. die österreichischen Kautskyaner, die sagen: Wir unterstützen Zimmerwald, wenn … wenn Kautsky und Haase es unterstützen …

Ein Teil der Delegierten (Martow an ihrer Spitze) wollte, dass die Konferenz nicht einen Schritt vorwärts, sondern einen Schritt auf derselben Stelle mache. Sie wollten keinerlei programmatisch-politische Aktion. Die Berner I.S.K. trat von Anfang an mit dem Entwurf eines Manifestes an die Arbeiter aller Länder auf, der gleich am ersten Tag der Konferenz unter den Delegierten verteilt wurde. Die I.S.K. sagte direkt, dass Arbeitergruppen der verschiedenen Länder in zahlreichen Briefen usw. eine neue Aktion fordern.

Wir fühlen, dass etwas unternommen werden muss, dass ein Schritt vorwärts getan werden muss. Alle Antworten auf Zimmerwald, alle Verbindungen mit den Sozialisten der verschiedenen Länder diktieren es uns gebieterisch." So sprach ein Vertreter der I.S.K. Doch Martow und Konsorten begriffen wohl, dass wenn irgendeine programmatische Erklärung abgegeben würde, sie unvermeidlich, kraft der ganzen politischen Situation, einen Schritt in unserer Richtung bedeuten würde. Deshalb kämpften sie gegen eine solche Aktion mit Fragmenten, wie: – Es ist noch zu früh. Wir sind unvorbereitet. Nicht alle sind da. Wir werden die Franzosen abstoßen. Man darf nicht vorwegnehmen. Die Massen werden uns nicht verstehen. Solche und ähnliche Argumente wurden in Hülle und Fülle vorgebracht. Letzten Endes wurde beschlossen: Nicht mit einem Manifest, sondern mit einem Aufruf aufzutreten (Rundschreiben) an die Zimmerwalder Organisationen (Vorschlag Rakowskis, eines Vertreters der „mittleren" Linie.) Die Abfassung des Aufrufes wurde einer Kommission übertragen (zwei Mitgliedern der I.S.K., dem Deutschen, Rakowski, dem Italiener Serrati und zwei Russen: Martow und Sinowjew). In der Kommission wiederholten sich zunächst dieselben Diskussionen wie im Plenum. Dann wurde der Entwurf der I.S.K. als Grundlage angenommen. Andere Entwürfe gab es nicht. Auf Antrag unseres Vertreters wurden Punkte hinzugefügt über die „gegenseitige Amnestierung", die Kreditablehnung „unabhängig von der militärischen Lage" und die direkte Ablehnung „jeder freiwilligen Beteiligung der Arbeiter an Institutionen der Landesverteidigung." Mit dem letzten Punkte war natürlich die Beteiligung an den kriegsindustriellen Ausschüssen gemeint. Martow erklärte, dass er persönlich gegen eine solche Beteiligung sei, aber viele Russen ließen sich dabei durch nichtsozialpatriotische Motive leiten. Darauf bemerkt Serrati: „Ja, sie sagen in solchen Fällen immer, dass sie ganz andere Motiv haben". Serrati kannte in Italien seine Herren Bissolati. Er ahnte nicht, wie sehr er in den wundesten Punkt Martows getroffen hatte.

Die Befürchtungen der Versöhnungspolitiker und Diplomaten bestätigte sich. Der Aufruf ist tatsächlich so geworden, dass er dem diplomatischem Spiel der Kautskyaner einen Strich durch die Rechnung macht. Wie ist das geschehen? Wir bildeten doch die entschiedene Minorität der Konferenz. Man war mit uns unzufrieden. Gegen uns hagelten Beschuldigungen, die umso üppiger waren je mehr man dem Wesen nach gezwungen war,- unsere Linie zu verfolgen; uns halfen wieder einmal die Sozialpatrioten: Vandervelde, Huysmans, Scheidemann, Plechanow. Setzen sich Menschen an den Tisch, um ein Manifest gegen Huysmans, Sembat und Scheidemann abzufassen, so bleibt ihnen ja nichts übrig, als sie lächerlich zu machen oder in dieser oder jener Form das zum Ausdruck zu bringen, was ihnen die Linken vorschlagen. Die Logik der Dinge spricht für uns.

Man soll sich jedoch nicht von Illusionen täuschen lassen. Innerhalb des Zimmerwalder Blocks gibt es viel unmarxistische, unrevolutionäre Elemente Die einflussreichen Gruppen des Blocks sympathisieren mehr mit Ledebour und seiner Gruppe 20, als mit Liebknecht; sympathisieren mehr mit Martow und Axelrod, als mit uns. Die heiklen Punkte sucht man zu umgehen. AIs wir die Erklärung abgaben, dass wir zwar der Minorität der O.-K. das Recht der Beteiligung am Zimmerwalder Block nicht absprechen, jedoch der O.-K als solcher dieses Recht absprechen, denn sie sei eine sozialchauvinistisch Institution, da wurde uns eine feindliche Demonstration bereitet. (Besonders eifrig war der Balkan-Diplomat Rakowski mit dabei). Die meisten ließen formale Argumente gelten: wir hätten es zu spät erklärt. Aber eigentlich erklärt sich die Sache aus 2 Gründen: 1. Die ausländischen O.-K.-Leute betrügen systematisch einen Teil der ausländischen Genossen, indem sie ihnen versichern, sie wären Internationalisten; 2. Unter den Zimmerwaldern gibt es Element« die auch politisch mit Martow und Axelrod verwandt sind; und da diese letztere stets mit allem einverstanden sind, der Majorität folgen, gefügig sind, ihre eigene Linie nicht hervortreten lassen, so hält man sie für „bequeme" Bundesgenosse und vermutet in ihnen ebensolche „Kautskyaner".

Die erste internationale Konferenz der Linken während des Krieges war die Frauenkonferenz Anfang 1915. Unsere Delegation trat dort zum ersten Mal mit dem Entwurf unserer Resolution auf. Man vergleiche nun den Aufruf der Februar-Konferenz (1916) mit diesem Entwurf, und man wird sofort sehen, dass der Gang der Ereignisse unvermeidlich nach unserer Seite diejenigen treib die uns „bolschewistische Sektiererei" und alle anderen Todsünden vorwerfen.

Und doch können wir immer noch nicht endgültig sagen, wohin de Zimmerwalder Block steuert.

In einem kürzlich erschienenen Aufsatz wirft Spartakus die Frage auf, „wer sie seien", wer diese 20 deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten seien, die im Dezember 1915 gegen die Kreditbewilligung stimmten. Und er antwortet: sie bilden einen buntscheckigen Block, Neben echten revolutionären Internationalisten sehen wir dort gute Pazifisten, Kautskyaner und Liebhaber der „Einheit" mit den Sozialpatrioten, die über „Disziplin" zetern usw. Im gewissen Sinne des Wortes kann man dasselbe auch von einem großen Teil des Zimmerwalder Blocks sagen. Er enthält auch die verschiedenartigsten Elemente. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Wohin der Zimmerwalder Block gelangen wird, ob er oder ein Teil von ihm nicht zu der von ihm jetzt gebrandmarkten „Amnestie" gelangen wird, – das kann in diesem Übergangsmoment niemand voraussagen.

Und dennoch, wenn man hört, welch glühenden Widerhall Zimmerwald bei den Arbeitern hervorruft, die in ihm gerade einen Schritt vorwärts zum faktischen Bruch mit den Sozialchauvinisten erblicken, möchte man an die Zimmerwalder Majorität die Worte richten:

Genossen! Unser sind jetzt wenig, aber mit uns werden alle denkenden, alle ehrlichen Kämpfer der Arbeiterbewegung sein, wenn wir den Kampf mit den Sozialpatrioten und Kautskyanern entschlossen bis ans Ende führen werden. Momentan haben wir den ungeheuren Vorzug vor den Sozialchauvinisten und Kautskyanern, dass wir schon zusammengekommen sind, dass wir – ob gut oder schlecht – schon die erste internationale Keimzelle gebildet haben, während sie noch nicht zusammengekommen sind. Aber morgen werden sie es tun, morgen werden sie sich aussöhnen und dann wird eine noch niederträchtigere Verunglimpfung des Banners des Sozialismus beginnen. Wir wollen nicht zurückschauen. Wir wollen den Kautskyanern den Krieg ansagen. Wir wollen das Banner der wahren Brüderlichkeit der Arbeiter entrollen …"

Welchen Weg die April-Konferenz der Zimmerwalder einschlagen wird, wird die nahe Zukunft zeigen.

25. März 1916.

G. Sinowjew.

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