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Rosa Luxemburg 19130801 Zu dem Riesenkampf in Łódź

Rosa Luxemburg: Zu dem Riesenkampf in Łódź1

[Der Textil-Arbeiter (Berlin), Nr. 31 vom 1. August 1913, S. 243/244. Nach Gesammelte Schriften, Band 3, 1973, S. 291-295]

Die Bewegung geht weiter und zieht immer größere Kreise. Schon schließen sich den Textilarbeitern allmählich andere Berufe an. So traten unter dem Anstoß der Textilarbeiter auch die Łódźer Trambahnangestellten in eine Lohnbewegung, nur das gewaltsame Einschreiten der Polizei hat noch im letzten Augenblick den Streik verhindert. Ebenso haben die Arbeiter der Eisenbahnstrecke zum Teil die Arbeit niedergelegt. Andere Arbeitergruppen schließen sich dem Streik an, ohne eigene Lohnforderungen zu stellen, nur um gegen die Haltung der Textilbarone ihren Protest und den Kämpfenden ihre brüderliche Solidarität auszudrücken. Der Kampf der Textilarbeiter ist also wieder zum Mittelpunkt aller Leidenschaften in Łódź geworden, wie schon so vielmal in den letzten Jahren.

Die Textilarbeiter spielen überhaupt in der Arbeiterbewegung des Zarenreichs eine besondere Rolle. An ihre großen spontanen Bewegungen ist die Geschichte des Klassenkampfes des gesamten Proletariats in Russland als ihre wichtigsten Marksteine geknüpft. Es waren die Textilarbeiter des Moskau-Wladimirschen Zentralbezirks, die durch ihren plötzlichen heftigen Ausbruch zu Beginn der 80er Jahre wie eine jäh aufleuchtende Fackel die erste Massenregung des russischen Proletariats aufzeichneten.

Es war dies erst eine ziemlich chaotische und wirre Bewegung, bei der Maschinen zertrümmert und Fabriken demoliert wurden. Die sozialdemokratische Organisation und Agitation war dazumal im Zarenreich noch nicht klärend und wegweisend ins Werk getreten. Doch auch jener erste instinktive Ausbruch des Klassenkampfes war nicht ohne wichtige Folgen für die russische Arbeiterbewegung geblieben: Er gab den Anstoß zur Einführung der Arbeiterschutzgesetzgebung und der Fabrikinspektion in Russland. Etwa 15 Jahre später, 1896 und 1897, machten die Arbeiter des zweiten wichtigen Bezirks der Textilindustrie, Petersburgs, 40.000 an der Zahl, den ersten Massenstreik zur Erringung besserer Löhne und einer kürzeren Arbeitszeit – eine im damaligen Russland unerhörte Tatsache von unberechenbaren Folgen. Durch diesen ersten regelrechten gewerkschaftlichen Kampf errangen die Textilarbeiter der Zarenhauptstadt für das ganze Reich einen gesetzlichen 11-stündigen Arbeitstag, und – was noch viel wichtiger – sie eröffneten für die russische Arbeiterschaft die Periode des systematischen gewerkschaftlichen Kampfes und eines zähen Ausbaus der Organisation, wenn auch im Geheimen. Vom Jahre 1896 datiert auch im eigentlichen Russland die erste sozialdemokratische Parteiorganisation, die, von dem Petersburger Textilstreik ausgehend, von nun an immer mehr die gewerkschaftliche und politische Bewegung im ganzen Reiche anfachte, leitete und organisierte.

Eine ebenso entscheidende Rolle spielen in der Geschichte der Arbeiterbewegung Russisch-Polens die Kämpfe des dritten großen Zentrums der Textilindustrie des Zarenreichs: des Łódźer Bezirks. Lange Zeit boten hier verschiedene soziale und nationale Momente besondere Schwierigkeiten für eine fest gewurzelte gewerkschaftliche und sozialdemokratische Agitation. Da die Spinnereien und Webereien hier hauptsächlich nach der schutzzöllnerischen Tarifreform Russlands 1877 aus Sachsen (Werdau, Crimmitschau usw.) fertig in das benachbarte russisch-polnische Gebiet als fremde Großindustrie verlegt wurden, so bildete sich in Łódź ein aus Deutschen und Juden, aus allerlei rasch bereicherten Emporkömmlingen und Glücksrittern zusammen gewürfeltes skrupelloses und brutales Unternehmertum heraus. Dementsprechend war auch die Arbeiterklasse, halb aus eingewanderten Deutschen, halb aus dem tief stehenden polnischen Proletariat der umliegenden Dörfer gemischt, sprachlich und sozial zerklüftet. Und doch gelang es einer zähen sozialdemokratischen Agitation, gestützt auf die reißende großkapitalistische Entwicklung und trotz aller Schwierigkeiten des absolutistischen Regimes, aus diesen Elementen mit der Zeit eine fest gefügte, disziplinierte Arbeiterschaft zu machen, die, Deutsche wie Polen, in völliger Eintracht und gemeinsam für die Ziele der modernen Arbeiterbewegung in der vordersten Reihe kämpft.

Den ersten elektrischen Funken, der die Łódźer proletarische Masse aus dem dumpfen Schlaf weckte, bildete seinerzeit die Idee der Maifeier. Der Weltfeiertag der Arbeit, der im eigentlichen Russland – zum Teil infolge der Verschiedenheit des Kalenders – bis zuletzt noch nicht recht Wurzel fassen konnte und erst im vergangenen Jahre durch eine imposante Arbeitsruhe seinen Einzug in die russische Massenbewegung gehalten hat, fand umgekehrt in Russisch-Polen von Anfang an begeisterte Aufnahme und wurde in Warschau von Zehntausenden durch Arbeitsruhe gefeiert. 1892 trat plötzlich Łódź in den Vordergrund: Am 1. Mai legten 60.000 Textilarbeiter mit der Forderung des Achtstundentags die Arbeit nieder, und die zum ersten Mal in Fluss gekommene Bewegung ergoss sich in einen zehntägigen stürmischen Massenstreik, der schließlich durch die zarische Soldateska im Blute erstickt wurde.

Seitdem beginnt in Łódź eine systematische, stille Kleinarbeit, um dem Proletariat die Ziele und die Bedeutung der sozialdemokratischen und der gewerkschaftlichen Organisation beizubringen. Die Früchte sollten sich in der Revolutionsperiode 1905/06 zeigen. Łódź gehörte neben Petersburg, Moskau und Warschau zu den wichtigsten Brennpunkten der revolutionären Bewegung im Zarenreich, voran leuchtend sowohl durch den stürmischen Elan in den einzelnen Treffen mit dem Zarismus wie durch die ausdauernde und disziplinierte Gewerkschaftsaktion gegen das Unternehmertum. Im Juni 1905 errichteten die Łódźer Arbeiter die ersten Barrikaden im Zarenreich. Aber mitten unter diesen Revolutionsstürmen hatten sich die Łódźer Textilarbeiter auch eine ganz nach deutschem Muster ausgebaute Gewerkschaft geschaffen, die im Laufe eines Jahres auf 11.000 Beitrag zahlende Mitglieder gewachsen war. Unter der Leitung dieses Verbandes gelang es den Łódźer Textilarbeitern auch, bis 1907 im zähen Ringen eine allgemeine, sehr bedeutende Lohnaufbesserung und Verkürzung der Arbeitszeit zu erlangen sowie eine ganze Reihe von Missständen abzuschaffen. Die Lohnhöhe der Łódźer Arbeiter zu Beginn des Jahres 1907 übertraf bei weitem diejenigen der deutschen Textilarbeiter, namentlich der vogtländischen.

Dann kam der Rückschlag. Nach dem Scheitern der revolutionären Aktion im Dezember 1905 in Moskau, als die bis dahin vorwärts drängende Schlachtlinie der Revolution gebrochen war und die politische Aktion des Proletariats im ganzen Reiche ein Fiasko erlitten hatte, als sich die erschütterte, aber nicht niedergeworfene Macht des Absolutismus wieder erholte, begann auch die Racheaktion des Łódźer Unternehmertums. Die nun einsetzenden furchtbaren Leiden der Łódźer Textilarbeiter unter der Doppelrute der zarischen Strafexpeditionen und der kapitalistischen Hungerkuren spotten jeder Beschreibung. Der künftige Historiker wird, wenn er die Geschichte des Łódźer Proletariats seit 1907 und bis jetzt in allen ihren grauenhaften Einzelheiten je erfahren sollte, es kaum glaubhaft finden, dass irgendeine Arbeiterschicht solche Höllenqualen jahrelang überhaupt hat ertragen können, ohne den Idealen der Arbeitersache, ohne der Fahne des Sozialismus nur für einen Augenblick untreu zu werden. Zahllose Verhaftungen, Gefängnisstrafen, Verbannungen, Kriegsgerichte und Galgen, dazwischen eine einfache, als Strafe ins Werk gesetzte Aussperrung, die 40.000 Arbeiter und deren Familien für 6 Wochen brotlos machte, darauf eine allgemeine fortgesetzte Lohnherabsetzung, bis auf ein Drittel der ehemaligen Löhne, bis zum Hungerniveau – dies bei ebenso allgemeiner, dauernder Lebensmittelteuerung –, zuletzt eine schwere Krise der Łódźer Textilindustrie, die auch den elenden Verdienst für einen Teil nur einige Tage in der Woche ermöglichte, die Mehrzahl aber direkt am Hungertuch nagen ließ: alles dies zieht sich in einer ununterbrochenen Kette seit 1907 bis jetzt. Das gesamte Proletariat im Zarenreich hat unter der Konterrevolution schwer büßen müssen, wohl am schwersten und andauerndsten aber das Łódźer Proletariat. Die Löhne waren im letzten Jahr von der ehemaligen Höhe auf 7,50 bis 11 Mark in der Woche für die bestbezahlten, auf 7 bis 8 Mark pro Woche im Durchschnitt gesunken. In den Monaten Januar bis März dieses Jahres erreichte die Arbeitslosenziffer fünfzigtausend. Nach polizeilichen Feststellungen wurden auf den Straßen von Łódź in jenen Monaten täglich 10 Personen aufgelesen, die vor Hunger tot zusammenbrachen, im März gar 30 Personen täglich!

Und all das grauenhafte Elend vermochte den Kampfgeist der Łódźer Textilarbeiter nicht zu brechen, sie nicht zu willenlosen Sklaven des Kapitals zu degradieren, wie es die Unternehmer gehofft hatten. Kaum war im Mai/Juni auf die Krise endlich eine gute Konjunktur gefolgt und die Beschäftigung eine lebhaftere geworden, als die Arbeiter in einer Fabrik nach der anderen auch schon Lohnforderungen stellten. Diese beliefen sich allgemein in der Baumwollbranche auf 20 bis 30 Prozent, in der Wollindustrie auf 25 bis 40 Prozent. Die gute Konjunktur sollte ausgenutzt werden, um wenigstens zum Teil die Scharte auszuwetzen und die verloren gegangenen Errungenschaften wieder einzuholen. Als die Unternehmer diesen selbstverständlichen Forderungen ohne jede Unterhandlung ein schroffes Nein entgegensetzten, traten Tausende sofort in den Streik. Arbeiter, die kaum erst eine jahrelange entsetzliche Hungerkur durchgemacht hatten, traten ohne jede Schwankung wieder in den Kampf, bereit, alle Opfer zu bringen, um nur den brutalen Herrenstandpunkt des Unternehmertums abzuwehren und für eine bessere Zukunft sichere Grundlagen zu erringen. Dies gerade brachte aber die Scheibler, Geyer, Poznański, Ender, Krusche, und wie alle die Kapitalmagnaten heißen, zur höchsten Raserei. Der Łódźer Weber und Spinner war also immer noch nicht von seiner „Begehrlichkeit" auskuriert? Alle unmenschlichen Unterdrückungen des Zarismus und alle Hungerkuren hatten ihn also von den Ideen der „Aufwiegler" nicht abgebracht? Hat er immer noch den Gedanken an den Kampf um ein menschenwürdiges Dasein nicht aufgegeben? Dieser Frevel musste exemplarisch bestraft werden! Und nun erfolgte die Aussperrung der größten Fabriken. In anderen verließen die Arbeiter, ohne erst den Ukas abzuwarten, die Fabrik von selbst. Es sind in diesem Moment rund 63.000 Arbeiter, mit Familien zirka 200.000 Menschen, auf dem Pflaster. Wieder handelt es sich in Łódź um Sein oder Nichtsein der gesamten Arbeiterschaft, um ihr Recht auf den Gewerkschaftskampf in der Gewerkschaftsorganisation, um ihre ganze Zukunft. Verschiedene kleinere Fabriken haben bereits Zugeständnisse gemacht. Die großen sind bald ihre Vorräte an fertiger Ware los und werden voraussichtlich nachgeben müssen, wenn die Arbeiter einigermaßen durchhalten.

Jedenfalls verdient aber eine Arbeiterschaft, die auf einem so exponierten Posten, unter so schweren Verhältnissen, mit Heldenmut die Fahne des Arbeiterkampfes hochhält, Sympathie und Achtung des gesamten internationalen Proletariats.

Einsendungen sind per Postanweisung, mit dem Vermerk, dass der Betrag für Łódź bestimmt sei, an den internationalen Vertrauensmann, Kollegen Paul Wagener, Berlin O 27, Andreasstr. 61 III, zu senden.

1 Dieser Artikel ist nicht gezeichnet. Aus Briefen Rosa Luxemburgs vom Juni/Juli 1913 an Leo Jogiches geht hervor, dass sie die Verfasserin ist. (Siehe Roza Luksemburg: Listy do Leona Jogichesa-Tyszki, Bd. 3, Warschau 1971, S. 336-345.)

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