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Karl Liebknecht 19001011 Gegen den Hunnenfeldzug

Karl Liebknecht: Gegen den Hunnenfeldzug

Zeitungsbericht über eine Rede zur Reichstagsnachwahl im VI. Berliner Wahlkreis

[Vorwärts, Nr. 159 vom 13. Oktober 1900. Nach Karl Liebknecht, Gesammelte Reden und Schriften, Band 1, S. 8 f.]

Auch die Versammlung im „Feldschlösschen" war sehr gut besucht. Eingangs seiner Rede wies Dr. Karl Liebknecht im Allgemeinen auf die Bedeutung der bevorstehenden Wahl hin, und dann schilderte der Redner in klarer, übersichtlicher Weise die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse, die Misere des Reichstags, die Rohheiten der Eroberungspolitik und das moderne Elend, das daraus hervorgehen muss. In Handel und Gewerbe, sagte der Redner, macht der Großbetrieb immer mehr Fortschritte. Nichts vermag den Koloss des Kapitalismus zu bannen als die Sozialdemokratie, nichts als die Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft. Das ist unser äußerstes Ziel. Doch zunächst verlangen wir politische Gleichberechtigung. Man kennt ja die verschiedene Behandlung, die dem Arbeiter und dem Angehörigen der bevorzugten Klasse zuteil wird. Dann fordern wir soziale Gleichberechtigung. Wer das Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber kennt, weiß, dass auch diese nicht besteht. Ferner ist die Sozialdemokratie antimonarchistisch und republikanisch. Sobald ein Volk mündig ist, hat sich die Monarchie überlebt.

Wir nennen uns auch international. Man hat uns deswegen Vaterlandsfeinde genannt. Wir sind Feinde des Vaterlands der Junker, der Pfaffen und des Vaterlands der kapitalistischen Ausbeutung, und ich möchte vorschlagen, wir legen uns den Namen der „Vaterlandslosen" als Ehrentitel bei. Wir sind nicht durchaus Gegner einer Weltpolitik und haben nichts dagegen, wenn der Kaufmann nach China zieht, um seine Waren dort abzusetzen. Alle Länder müssen in den Bann der Zivilisation hineingezogen werden. Aber nicht so sollen unsere Leute nach China ziehen, wie das jetzt geschieht, wie eine Hunnenschar!

Der Redner kritisierte dann mit scharfem Spott das Auftreten des Grafen Waldersee1 und die verschiedenen Noten Bülows2.

Nun haben wir ja freilich auch einen Reichstag! Wir haben eine Verfassung! Wir haben ein Etatsbewilligungsrecht! Aber dieser Reichstag hat sich prostituiert, was die Mehrheitsparteien anbelangt; er hat sich selbst entmannt, und er empfängt nun von der Regierung die Behandlung, die er verdient. Nun schilderte der Redner die Wucherpolitik der Junker, die jetzt einen Getreidezoll bis zu 10 Mark von der Regierung als Belohnung für ihre treuen Dienste bei der Flottenvorlage verlangen, was für eine Familie von fünf Köpfen etwa 86 Mark ausmacht. Ferner geißelte der Redner den Kohlenwucher sowie auch den Wohnungswucher, die Politik der Hauspaschas, der von Reichs wegen entgegengetreten werden muss, und fuhr dann fort: Wir wollen uns erzwingen, was mit den Mitteln, die uns die Verfassung gibt, erzwungen werden kann. Es ist kein Zweifel: Wir werden im Wahlkampf siegen. Doch es liegt uns daran, dass wir mit dieser Wahl demonstrieren. Darum sollte jeder ein Agitator sein und dafür sorgen, dass wir am Tage der Wahl mit einer überwältigenden Stimmenzahl antreten.

1 Graf Alfred von Waldersee (1832–1904), Feldmarschall, leitete 1900/1901 als Oberbefehlshaber des Expeditionskorps der imperialistischen Mächte die Niederwerfung des antiimperialistischen Boxeraufstands in China.

2 In verschiedenen Noten Bülows, Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, kam die anmaßende und aggressive Chinapolitik der kaiserlichen Regierung zum Ausdruck. In seiner Zirkularnote vom 19. September 1900 verstieg er sich zu der völkerrechtswidrigen Forderung, dass China vor der Aufnahme von Friedensverhandlungen die Führer der chinesischen Patrioten zur Bestrafung an die imperialistischen Mächte auszuliefern habe. Diese Forderung Bülows stieß selbst bei den beteiligten Interventionsmächten auf Ablehnung.

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