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Wladimir I. Lenin 19161200 „Jugend-Internationale" AW

Wladimir I. Lenin:Jugend-Internationale"

Notiz

Dezember 1916

[Veröffentlicht im Dezember 1916 in „Sbornik Sozialdemokrata Nr. 2. Gez.: N. Lenin. Nach Ausgewählte Werke, Band 5, Der Imperialismus und der imperialistische Krieg. Wien 1933, S. 240-243]

Unter diesem Titel erscheint in der Schweiz seit dem 1. September 1915 in deutscher Sprache ein „Kampf- und Propagandaorgan der internationalen Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen“. Es sind im Ganzen bereits 6 Nummern dieser Publikation erschienen, die allgemein erwähnt und ferner der Aufmerksamkeit aller Mitglieder unserer Partei nachdrücklich empfohlen werden muss, die die Möglichkeit haben, mit ausländischen sozialdemokratischen Parteien und Jugendorganisationen in Berührung zu kommen.

Die Mehrheit der offiziellen sozialdemokratischen Parteien Europas steht jetzt auf dem Boden des niedrigsten und gemeinsten Sozialchauvinismus und Opportunismus. So die deutsche Partei, die französische Partei, die Fabian Society und die „Arbeiter-Partei“ in England, die schwedische Partei, die holländische (die Partei Troelstras), die dänische, die österreichische u. a. In der schweizerischen Partei sind, trotz der (zum großen Nutzen der Arbeiterbewegung) erfolgten Absonderung der extremen Opportunisten und ihres Zusammenschlusses außerhalb der Partei im „Grütliverein“, innerhalb der sozialdemokratischen Partei selbst zahlreiche Führer der opportunistischen, sozialchauvinistischen und kautskyanischen Richtung zurückgeblieben, die einen ungeheuer starken Einfluss auf das Gebaren der Partei ausüben.

Bei dieser Sachlage in Europa fällt der Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen die gewaltige, dankbare – dafür aber auch schwere – Aufgabe des Kampfes für den revolutionären Internationalismus, für den wahren Sozialismus, gegen den herrschenden, ins Lager der imperialistischen Bourgeoisie übergegangenen Opportunismus zu. Die „Jugend-Internationale“ enthält eine Reihe guter Artikel zur Verteidigung des revolutionären Internationalismus, und die ganze Zeitschrift ist durchdrungen von dem vortrefflichen Geist glühenden Hasses gegen die Verräter des Sozialismus, die „Vaterlandsverteidiger“ im gegenwärtigen Krieg, von dem aufrichtigen Bestreben, die internationale Arbeiterbewegung von dem sie zerfressenden Chauvinismus und Opportunismus zu reinigen.

Selbstverständlich ist in dem Organ der Jugend noch keine theoretische Klarheit und Entschiedenheit vorhanden und wird vielleicht auch nie vorhanden sein, gerade weil es das Organ der drängenden, stürmenden, suchenden Jugend ist. Aber zu dem Mangel an theoretischer Klarheit bei solchen Leuten müssen wir uns ganz anders verhalten, als wir uns verhalten und verhalten müssen zum theoretischen Durcheinander in den Köpfen und zum Mangel an revolutionärer Konsequenz in den Herzen unserer OK-Leute, der „Sozialrevolutionäre“, Tolstojaner, Anarchisten, der Kautskyaner (des „Zentrums“) in ganz Europa u. a. m. Eines sind erwachsene Menschen, die dem Proletariat den Kopf verdrehen und den Anspruch erheben, andere zu führen und zu belehren: sie müssen rücksichtslos bekämpft werden. Etwas anderes sind die Organisationen der Jugend, die offen erklären, dass sie noch lernen, dass es ihre Hauptaufgabe sei, sozialistische Parteiarbeiter heranzubilden. Solchen Leuten muss auf jede Weise geholfen werden, ihren Fehlern muss man möglichst viel Geduld entgegenbringen, man muss sich bemühen, diese Fehler nach und nach und vorwiegend durch Überzeugung, nicht aber durch Bekämpfung zu beseitigen. Es kommt oft vor, dass die Vertreter der Generation der Erwachsenen und der Alten es nicht verstehen, in richtiger Weise an die Jugend heranzukommen, die notwendigerweise gezwungen ist, sich auf anderen Wegen dem Sozialismus zu nähern, nicht auf dem Wege, nicht in der Form, nicht in der Situation, wie ihre Väter. Darum müssen wir übrigens unbedingt für die organisatorische Selbständigkeit des Jugendverbandes eintreten und nicht nur aus dem Grunde, weil die Opportunisten diese Selbständigkeit fürchten, sondern auch dem Wesen der Sache nach. Denn ohne volle Selbständigkeit wird die Jugend nicht imstande sein, gute Sozialisten aus sich zu machen und sich darauf vorzubereiten, den Sozialismus vorwärts zu führen.

Für die vollständige Selbständigkeit der Jugendverbände, aber auch für die volle Freiheit einer kameradschaftlichen Kritik ihrer Fehler! Schmeicheln dürfen wir der Jugend nicht.

Zu den Fehlern des von uns genannten vortrefflichen Organs gehören in erster Linie die drei folgenden:

1. In der Frage der Abrüstung (oder „Entwaffnung“) wird ein falscher Standpunkt eingenommen, den wir oben, in einem besonderen Artikel kritisieren. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass der Irrtum ausschließlich dem guten Willen entsprungen ist, die Notwendigkeit des Strebens nach „vollständiger Vernichtung des Militarismus“ zu unterstreichen (was vollkommen richtig ist), wobei die Rolle der Bürgerkriege in der sozialistischen Revolution vergessen wird.

2. In der Frage des Unterschiedes zwischen Sozialisten und Anarchisten in ihrer Stellung zum Staat ist in einem Artikel des Genossen Nota-bene (Nr. 6) ein sehr großer Fehler begangen worden (ebenso in einigen anderen Fragen, z. B. bei der Motivierung unseres Kampfes gegen die Losung der „Vaterlandsverteidigung“). Der Verfasser will eine „klare Vorstellung vom Staate überhaupt“ geben (neben der Vorstellung vom imperialistischen Raubstaat). Er zitiert einige Stellen aus Marx und Engels. Er kommt, unter anderem, zu folgenden zwei Schlussfolgerungen:

a) „… es ist völlig verkehrt, den Unterschied zwischen den Sozialisten und Anarchisten darin zu suchen, dass die ersteren staatsfreundlich und die letzteren staatsfeindlich sind. Der Unterschied liegt aber darin, dass die revolutionäre Sozialdemokratie die neue gesellschaftliche Produktion als zentralisierte, das heißt technisch progressivste formieren will, während die dezentralisierte anarchistische Produktion nur einen Rückschritt zur alten Technik und Betriebsform bedeuten würde.“

Das ist falsch. Der Verfasser stellt die Frage, worin sich die Stellung der Sozialisten zum Staat von der der Anarchisten unterscheidet, und beantwortet nicht diese, sondern eine andere Frage, und zwar, wodurch sie sich in ihrer Stellung zur ökonomischen Grundlage der zukünftigen Gesellschaft voneinander unterscheiden. Gewiss, das ist eine sehr wichtige und notwendige Frage. Daraus folgt aber nicht, dass man das Wesentliche im Unterschied zwischen der Stellung der Sozialisten und der Anarchisten zum Staate vergessen darf. Die Sozialisten treten für die Ausnützung des modernen Staates und seiner Institutionen im Kampfe für die Befreiung der Arbeiterklasse ein sowie für die Notwendigkeit, den Staat als eigenartige Form des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus zu benutzen. Eine solche Übergangsform, auch ein Staat, ist die Diktatur des Proletariats.

Die Anarchisten wollen den Staat „abschaffen“, ihn „sprengen“, wie sich Genosse Nota-bene an einer Stelle ausdrückt, der diese Absicht fälschlich den Sozialisten zuschreibt Die Sozialisten behaupten – der Verfasser zitiert leider die diesbezüglichen Worte Engels’ sehr unvollständig – das Absterben, das „allmähliche“ „Einschlafen“ des Staates nach der Expropriation der Bourgeoisie.

b) „Für die Sozialdemokratie aber, die die Erzieherin der Massen ist oder wenigstens sein soll, ist es jetzt mehr als je notwendig, ihre prinzipielle Gegnerschaft zum Staat zum Ausdruck zu bringen … Der heutige Krieg hat gezeigt, wie tief die Wurzeln der Staatlichkeit in die Seelen der Arbeiterschaft hinein gedrungen sind.“

So schreibt Genosse Nota-bene. Um „die prinzipielle Gegnerschaft“ gegen den Staat „zum Ausdruck zu bringen“, muss man sie in der Tat „klar“ begreifen, dem Verfasser aber fehlt gerade diese Klarheit. Der Satz dagegen von den „Wurzeln der Staatlichkeit“ ist schon ganz und gar verworren, unmarxistisch und unsozialistisch. Nicht die „Staatlichkeit“ ist mit der Negation der Staatlichkeit zusammengeprallt, sondern die opportunistische Politik (d. h. die opportunistische, reformistische, bürgerliche Einstellung zum Staate) ist mit der revolutionären sozialdemokratischen Politik zusammengeprallt (d. h. mit der revolutionären sozialdemokratischen Einstellung zum bürgerlichen Staate und zur Ausnützung des Staates gegen die Bourgeoisie zu ihrem Sturze). Das sind ganz und gar verschiedene Dinge. Auf diese äußerst wichtige Frage hoffen wir noch in einem besonderen Artikel zurückzukommen.

3. In der „Prinzipienerklärung der internationalen Verbindung der sozialistischen Jugendorganisationen“, abgedruckt in Nr. 6 als „Entwurf des Sekretariats“, sind nicht wenige einzelne Ungenauigkeiten enthalten, während die Hauptsache völlig fehlt: die klare Gegenüberstellung jener drei Hauptrichtungen (Sozialchauvinismus, „Zentrum“, Linke), die einander jetzt innerhalb des Sozialismus der ganzen Welt bekämpfen.

Noch einmal: diese Fehler müssen widerlegt und klargestellt werden, indem man nach allen Kräften Kontakt und Annäherung an die Jugendorganisationen sucht und ihnen auf jede Art und Weise hilft, doch muss man es verstehen, an sie heranzukommen.

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