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Wladimir I. Lenin 19050926 Parlamentsspielerei

Wladimir I. Lenin: Parlamentsspielerei

[Proletarij", Nr. 18. 13./26. September 1905. Nach Sämtliche Werke, Band 8, Wien-Berlin 1931, S. 291-307]

Wir haben schon wiederholt (in Nr. 12 des „Proletarij" vor der Veröffentlichung des Gesetzes über die Reichsduma und in Nr. 14-17 nach dem 6./19. August) unsere Taktik gegenüber der Reichsduma entwickelt und müssen sie jetzt erneut überprüfen, um sie den von Parvus geäußerten neuen Ansichten (Sonderabdruck aus Nr. 110 der „Iskra"; der Aufsatz: „Die Sozialdemokratie und die Reichsduma") gegenüberzustellen.

Verfolgen wir zunächst Schritt für Schritt die grundlegenden Erwägungen von Parvus. „Wir müssen bis zum Äußersten gegen ein unterschobenes Parlament, ein solches Gemisch von Niedertracht und Nichtigkeit kämpfen," so beginnt er seinen Artikel und fügt dieser treffenden These sofort die folgende, nicht minder treffende hinzu:

Die Reichsduma stürzen … können wir nur durch einen Volksaufstand. Die Regierung zwingen, das Wahlrecht zu ändern und die Rechte der Duma zu erweitern, können wir wiederum nur durch einen Volksaufstand."

Ausgezeichnet. Welches müssen nun, so fragen wir, unsere Losungen in der Agitation aus Anlass der Reichsduma sein? Welches sind die hauptsächlichsten und besonders wichtigen Formen der Organisation des Kampfes gegen das Gemisch von Niedertracht und Nichtigkeit? Parvus stellt, im Grunde genommen, die Frage ebenso: „Das, was wir unsererseits zur Vorbereitung des Aufstandes beitragen können, sind Agitation und Organisation." Und er löst den ersten Teil dieser Frage über das Verhalten gegenüber den Wählerversammlungen wie folgt:

Wenn wir diese Versammlungen stören," schreibt Parvus, „wenn wir sie sprengen, so werden wir nur der Regierung einen Dienst erweisen."

Parvus ist also dagegen, dass die Arbeiter ein Häuflein Gutsbesitzer und Kaufleute daran hindern, die Tagesordnung der Wählerversammlungen auf die niederträchtige und nichtige Reichsduma zu beschränken? Parvus ist dagegen, dass die Arbeiter die Wählerversammlungen zu einer Kritik an der „niederträchtigen" Reichsduma und zur Entwicklung ihrer sozialdemokratischen Ansichten und ihrer Losungen benutzen?

Es scheint so. Aber unmittelbar nach dem zitierten Satz sagt Parvus schon etwas anderes:

Was man den Arbeitern nicht freiwillig gibt," lesen wir in seinem Artikel, „müssen sie sich mit Gewalt nehmen. Sie müssen in Massen in den Wählerversammlungen erscheinen und sie in Arbeiterversammlungen verwandeln." (Der gesperrte Druck der Zitate stammt überall von uns. Red. des „Proletarij"). „Anstatt darüber zu debattieren, ob man Schulze oder Müller wählen soll, werden sie politische Fragen auf die Tagesordnung setzen." (Parvus wollte vermutlich sagen: sozialdemokratische Fragen, denn die Frage der Wahl von Müller oder Schulze ist auch eine politische Frage). „Hier können wir sowohl über die Regierungspolitik, über die Taktik der Liberalen als auch über den Klassenkampf und die Reichsduma selbst debattieren. Dies alles führt zu einer Revolutionierung der Massen".

Man sehe, was sich bei Parvus ergibt. Einerseits soll man die Versammlungen der Trubezkoi, Petrunkjewitsch und Stachowitsch nicht stören. Die Boykottidee verurteilt Parvus am Ende seines Artikels entschieden. Anderseits müssen wir: 1. in den Versammlungen mit Gewalt erscheinen; 2. die Versammlungen der Petrunkjewitsch und Stachowitsch „in Arbeiterversammlungen verwandeln"; 3. anstatt über die Frage zu debattieren, wegen der die Versammlung zusammengetreten ist (ob Müller oder Schulze zu wählen sind), sollen unsere sozialdemokratischen Fragen erörtert werden: der Klassenkampf, der Sozialismus und selbstverständlich auch die Notwendigkeit des Volksaufstandes, seine Vorbedingungen, seine Aufgaben, seine Mittel, Methoden, Waffen und seine Organe, wie die revolutionäre Armee und die revolutionäre Regierung. Wir sagen: selbstverständlich, obgleich Parvus kein Wort über das Predigen des Aufstandes in den Wählerversammlungen verliert, denn er gibt ja in der Einleitung selbst zu, dass wir bis zum Äußersten kämpfen müssen und dass wir unsere nächstliegenden Ziele nur durch einen Aufstand erreichen können.

Es ist klar, dass Parvus sich in Widersprüche verwickelt hat. Er bekämpft die Boykottidee, er rät davon ab, die Versammlungen zu stören und sie zu sprengen, und gleichzeitig, in einem Atemzuge, empfiehlt er, in die Versammlungen mit Gewalt einzudringen heißt das nicht „sprengen"?), sie in Arbeiterversammlungen zu verwandeln (heißt das nicht die Petrunkjewitsch und Stachowitsch „stören"?), nicht die Fragen der Duma, sondern unsere sozialdemokratischen, revolutionären Fragen zu erörtern, die die Petrunkjewitsch ernstlich nicht erörtern wollen, während die Arbeiter und aufgeklärten Bauern sie durchaus erörtern wollen und unbedingt erörtern werden.

Weshalb hat sich nun Parvus in Widersprüche verwickelt? Deshalb, weil er den Gegenstand des Streites nicht begriffen hat. Er hat sich vorgenommen, die Boykottidee zu bekämpfen, in der Annahme, dass der Boykott die bloße Enthaltung, den Verzicht auf den Gedanken bedeutet, die Wählerversammlungen für unsere Agitation auszunützen. Indessen wird ein solcher passiver Boykott nicht einmal in der legalen Presse, von der illegalen ganz zu schweigen, von irgend jemandem gepredigt. Parvus offenbart eine völlige Unkenntnis der russischen politischen Fragen, wenn er den passiven und den aktiven Boykott miteinander verwechselt, wenn er über den Boykott Erörterungen anzustellen beginnt und mit keinem Wort die zweite Form des Boykotts erörtert.

Wir haben bereits wiederholt auf die bedingte Bedeutung der Bezeichnung „aktiver Boykott“ hingewiesen und dabei hervorgehoben, dass die Arbeiter keine Gelegenheit haben, die Reichsduma zu boykottieren, da die Reichsduma selbst die Arbeiter boykottiert. Den wahren Inhalt dieser bedingten Bezeichnung haben wir jedoch von vornherein, schon vor anderthalb Monaten, ganz klar bestimmt, als wir in Nr. 12 des „Proletarij", vor dem Erscheinen des Gesetzes über die Reichsduma, schrieben:

Im Gegensatz zum passiven Fernbleiben muss der aktive Boykott bedeuten: eine Verzehnfachung der Agitation, die Abhaltung von Versammlungen überall und allerorts, die Ausnützung der Wählerversammlungen, sei es auch durch gewaltsames Eindringen in dieselben, das Veranstalten von Demonstrationen, politischen Streiks usw."

Also was will denn nun endlich Parvus? Wenn er empfiehlt, in die Wählerversammlungen gewaltsam einzudringen, sie in Arbeiterversammlungen zu verwandeln, sozialdemokratische Fragen und den Aufstand zu erörtern, „anstatt darüber zu debattieren, ob man Müller oder Schulze wählen soll" (man merke: „anstatt", nicht ebenfalls, nicht gleichzeitig), so empfiehlt er ja gerade den aktiven Boykott. Parvus ist, wie man sieht, ein kleines Malheur passiert: er wollte durch die eine Tür und geriet an die andere. Er hat der Boykottidee den Krieg erklärt, sich aber selbst (in der Frage der Wählerversammlungen) für den aktiven Boykott, d.h. die einzige Form des Boykotts ausgesprochen, die in der russischen politischen Presse zur Debatte stand.

Gewiss, Parvus kann entgegnen, dass vereinbarte Bezeichnungen für ihn nicht bindend seien. Dieser Einwand wird formell richtig sein, ist aber in der Sache nutzlos. Man ist verpflichtet zu wissen, wovon die Rede ist. Um Worte werden wir nicht streiten, aber politische Bezeichnungen, die sich in Russland, am Ort der Handlung, bereits eingebürgert haben, sind eine vollendete Tatsache, die dazu zwingt, mit ihr zu rechnen. Ein sozialdemokratischer Schriftsteller im Auslande, der es wagen wollte, diese am Ort der Handlung entstehenden Losungen zu ignorieren, würde nur eine überaus beschränkte und erstarrte literarische Selbstgefälligkeit offenbaren. Wir wiederholen: niemand in Russland hat von einem anderen Boykott als dem aktiven gesprochen, und niemand in der revolutionären Presse hat von einem anderen Boykott geschrieben. Parvus hätte das volle Recht, die Bezeichnung zu kritisieren, die vereinbarte Bedeutung abzulehnen oder anders zu erläutern usw., aber sie ignorieren oder die bereits eingebürgerte Bedeutung entstellen, heißt Verwirrung in die Frage hinein tragen

Wir haben zwei Fragen zu untersuchen: 1. Ist es in den Wählerversammlungen möglich, sowohl die Wahl von Müller oder Schulze als auch den Klassenkampf, den Sozialismus, den Aufstand „gemeinsam" zu erörtern? 2. Wenn das möglich ist, muss man dann die erste und die zweite Frage gemeinsam oder die zweite statt der ersten erörtern? Wer die russischen Verhältnisse kennt, dem wird es kaum schwer fallen, beide Fragen zu beantworten. In die Wählerversammlungen eindringen und sie in Arbeiterversammlungen verwandeln, das wird man mit Gewalt tun, d.h. man wird in erster Linie den Widerstand der Polizei und der Truppen brechen müssen. In einigermaßen bedeutenderen Arbeiterzentren (wo allein die sozialdemokratische Arbeiterpartei mit der Leitung einer wirklich großen Volksbewegung rechnen kann) werden Polizei und Truppen den ernstesten Widerstand leisten. Demgegenüber die Augen zu verschliefen, wäre von unserer Seite einfach dumm. Parvus sagt selbst, dass „die Wahlagitation sich jeden Augenblick in einen revolutionären Aufstand verwandeln kann". Wenn dem so ist, so sind wir verpflichtet, unsere Kräfte richtig einzuschätzen und sie namentlich der Aufgabe des Aufstandes anzupassen, nicht aber der Aufgabe, die Wahlen in die Reichsduma dahin zu beeinflussen, dass Schulze anstatt Müller gewählt wird. Wenn dem so ist, so muss als Haupt- und Zentrallosung unserer ganzen Agitationskampagne gegenüber der Reichsduma die Losung gelten: bewaffneter Aufstand, revolutionäre Armee, revolutionäre Regierung. Wenn dem so ist, so sind wir verpflichtet, gerade diese Losungen in allen und jeglichen Versammlungen in erster Linie und am meisten zu predigen und zu erläutern. Parvus schlägt sich daher wiederum selbst, wenn er auf der einen Seite „jede Minute" einen Aufstand erwartet und sich auf der anderen Seite über das Predigen des Aufstandes, die Analyse seiner Vorbedingungen, seiner Mittel und Organe als den „Nerv" der Dumakampagne völlig ausschweigt.

Weiter. Untersuchen wir einen anderen Fall, der in einzelnen, namentlich in weniger bedeutenden Zentren möglich ist. Nehmen wir an, die Versuche, mit Gewalt in eine Versammlung einzudringen, rufen keinen ernsten Kampf mit der Regierung hervor, führen nicht zu einem Aufstand. Angenommen, diese Versuche werden in einzelnen Fällen von Erfolg gekrönt. In dem Falle darf man erstens die Einrichtung nicht vergessen, die als Belagerungszustand bezeichnet wird. Jeden Teilsieg des Volkes über Polizei und Heer beantwortet die Regierung, wie dies vermutlich selbst Parvus bekannt sein dürfte, mit der Verhängung des Belagerungszustandes. Schreckt uns diese Perspektive? Nein, denn das ist ein Schritt, der den Aufstand in größere Nähe rückt und den ganzen Kampf überhaupt verschärft. Schreckt dies die Semstwo-Männer und die Dumawahlmänner im Allgemeinen? Unbedingt, denn es erleichtert die Verhaftung der Miljukows und dient der Regierung als Anlass, einen Teil der Wahlversammlungen, vielleicht sogar sämtliche Versammlungen und die ganze Duma zu schließen! Die Sache läuft also wieder darauf hinaus, dass die einen den Aufstand wünschen, ihn predigen, vorbereiten, für ihn agitieren, aufständische Trupps organisieren usw., während die anderen keinen Aufstand wollen, die Idee eines Aufstandes bekämpfen, das Predigen des Aufstandes als etwas Wahnsinniges und Verbrecherisches verurteilen usw. Sollte Parvus wirklich nicht wissen, dass diese „anderen" alle Oswoboschdjenije-Leute sind, d.h. sogar die am weitesten links stehenden der bürgerlichen Demokraten, die in die Duma gelangen können?

Wenn Parvus das aber weiß, so muss er auch folgendes (das zweitens) wissen. Einem gewaltsamen Eindringen in die Wählerversammlungen und ihrer Verwandlung in Arbeiterversammlungen werden nicht nur (mitunter sogar nicht so sehr) Polizei und Militär, sondern auch die Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute selbst Widerstand leisten. Demgegenüber die Augen zu verschließen, ist nur Kindern gestattet. Die Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute stellen die Frage klarer und offener als manche Sozialdemokraten. Entweder bereitet man den Aufstand vor und stellt ihn in den Mittelpunkt der Agitation und der ganzen Tätigkeit – oder man betritt den Boden der Duma und macht sie zur Grundlage des ganzen politischen Kampfes. Die Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute haben diese Frage bereits entschieden, was wir von der Nr. 12 des „Proletarij" an schon wiederholt, vermerkt und hervorgehoben haben. Die Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute gehen also deshalb und nur deshalb in die Versammlungen, um über die Wahl von Müller oder Schulze, von Petrunkjewitsch oder Stachowitsch zu beraten, um das Programm des „Kampfes" (eines Kampfes in Gänsefüßchen, eines Kampfes in weißen Lakaienhandschuhen) auf dem Boden der Duma und keinesfalls mittels des Aufstandes anzunehmen. Die Semstwo-Männer und die Oswoboschdjenije-Leute (wir nennen sie absichtlich in einem Atem, denn für eine politische Unterscheidung zwischen ihnen fehlt es an Unterlagen) werden natürlich nicht abgeneigt sein, in ihre Versammlung (nur dort und nur dann, wenn man dies ohne Anwendung von Gewalt in irgendwie bedeutenderem Umfange wird tun können!!) auch Revolutionäre und Sozialdemokraten zuzulassen, falls sich unter diesen unkluge Leute finden sollten, die bereit wären, dem Müller gegen den Schulze, dem Petrunkjewitsch gegen den Stachowitsch ihre „Unterstützung" zu versprechen. Die Semstwo-Männer werden aber niemals dulden, dass ihre Versammlung in eine Arbeiterversammlung verwandelt, dass ihre Versammlung zu einer revolutionären Volksversammlung gemacht, dass von ihrer Tribüne offen und geradezu zum bewaffneten Aufstand aufgerufen wird. Diese Binsenwahrheit vorzukauen, ist sogar ein wenig peinlich, aber Parvus und der „Iskra" muss man sie vorkauen. Die Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute werden sich einer solchen Ausnutzung ihrer Versammlungen unbedingt widersetzen, obgleich diese bürgerlichen Krämer natürlich keinen gewaltsamen Widerstand leisten, sondern ungefährlichere, „friedlichere" Mittel anwenden und Umwege einschlagen werden. Sie werden auch mit solchen Leuten, die ihnen die Unterstützung des Petrunkjewitsch gegen den Stachowitsch und des Stachowitsch gegen den Gringmut „durch das Volk" versprechen, nur unter der Bedingung ein Abkommen treffen, dass die Wählerversammlung nicht in eine Arbeiterversammlung verwandelt und dass ihre Tribüne nicht zum Propagieren des Aufstandes benutzt wird. Wenn sie erfahren werden, dass Arbeiter in ihre Versammlungen kommen (und das werden sie fast immer erfahren, denn Massendemonstrationen lassen sich nicht verbergen), so werden die einen von ihnen es direkt der Behörde melden; die anderen werden die Sozialdemokraten zu überreden suchen, dies nicht zu tun; die dritten werden zu den Gouverneuren rennen, um ihnen zu versichern, dass sie „daran unschuldig" seien, dass sie die Duma und in die Duma wollen, dass sie durch den Mund des „treuen Kameraden", des Herrn Struve, das „wahnsinnige und verbrecherische" Predigen des Aufstandes stets verurteilt haben; die vierten werden empfehlen, Ort und Zeit der Versammlung zu ändern. Die fünften, die „kühnsten" und politisch gerissensten, aber werden mit gedämpfter Stimme erklären, dass sie sich freuen, die Arbeiter zu hören, sie werden dem sozialdemokratischen Redner danken, sie werden vor dem „Volke" die Hacken zusammenschlagen und sich verneigen, werden allen und jedem in einer hübschen, effektvollen und zu Herzen gehenden Rede versichern, dass sie immer mit dem Volke, von ganzer Seele für das Volk sind, dass sie nicht mit dem Zaren, sondern mit dem Volke gehen, dass „ihr" Petrunkjewitsch dies schon lange gesagt habe. Sie werden auch sagen, dass sie in Bezug auf die „Niederträchtigkeit und Nichtigkeit" der Reichsduma mit dem sozialdemokratischen Redner „vollkommen einverstanden" seien, dass man aber – um mit den schönen Worten des hochverehrten Parlamentariers Parvus zu reden, der zu so gelegener Zeit die parlamentarischen Musterbeispiele der Vollmarschen Bündnisse der Sozialdemokraten mit den Katholiken auf das unparlamentarische Russland übertragen hat – „die Wahlagitation nicht behindern, sondern sie erweitern" müsse; sie zu erweitern, bedeute aber nicht, das Schicksal der Reichsduma sinnlos aufs Spiel zu setzen.

Mit einem Wort, je dümmer und feiger die Semstwo-Männer sein werden, um so weniger Aussicht ist vorhanden, dass sie in ihrer Wählerversammlung Parvus zuhören werden. Je klüger und mutiger die Semstwo-Männer sind, um so größer sind die Aussichten dafür, aber um so größer sind auch die Aussichten, dass Parvus, der den Müller gegen den Schulze unterstützt, in dieser Rolle übertölpelt wird.

Nein, guter Parvus! Solange es in Russland kein Parlament gibt, bedeutet die Übertragung der Taktik des Parlamentarismus auf Russland eine unwürdige Parlamentsspielerei. Vorübergehende Vereinbarungen offen bestehender politischer Parteien, die es aber bei uns nicht gibt, durch Geheimabkommen mit den Roditschew und Petrunkjewitsch über ihre Unterstützung gegen Stachowitsch zu ersetzen, heißt Demoralisation in die Arbeitermassen tragen.

Die offene und klare Losung der Semstwo-Männer und Oswoboschdjenije-Leute: Nieder mit dem verbrecherischen Predigen des Aufstandes, für die Arbeit in der Duma und durch die Duma! müssen wir mit der offenen und klaren Losung beantworten: Nieder mit den bürgerlichen Verrätern an der Freiheit, den Herren Oswoboschdjenije-Leuten und Co., nieder mit der Duma, es lebe der bewaffnete Aufstand!

Die Losung des Aufstands mit einer „Teilnahme" an der Wahl von Müller oder Schulze in Verbindung bringen, heißt unter dem Vorwand der „Breite" und „Vielseitigkeit" der Agitation, der „Elastizität" und „Feinheit" der Losungen nur Verwirrung stiften, denn in der Praxis ist eine solche Verbindung nur leere Plänemacherei. In der Praxis wird ein Auftreten von Parvus und Martow vor den Semstwo-Männern zur „Unterstützung" des Petrunkjewitsch gegen den Stachowitsch (vorausgesetzt, dass es sich wird ausnahmsweise verwirklichen lassen) kein offenes Auftreten vor den Volksmassen, sondern das unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich abspielende Auftreten eines übertölpelten Arbeiterführers vor einer Handvoll Verräter an der Arbeiterschaft sein. Theoretisch, oder vom Standpunkte der allgemeinen Grundlagen unserer Taktik, ist die Vereinigung dieser Losungen jetzt, im gegebenen Augenblick, eine Abart des parlamentarischen Kretinismus. Für uns revolutionäre Sozialdemokraten ist der Aufstand keine absolute, sondern eine konkrete Losung. Wir haben sie 1897 hinausgeschoben, wir haben sie 1902 im Sinne einer allgemeinen Vorbereitung aufgestellt und erst 1905, nach dem 9. Januar, als direkten Aufruf proklamiert. Wir vergessen nicht, dass Marx 1848 für den Aufstand war und 1850 die Phantastereien und Phrasen über einen Aufstand verurteilt hat, dass Liebknecht vor dem Kriege von 1871 die Teilnahme am Reichstag verurteilt, nach dem Kriege aber selbst an ihm teilgenommen hat. Wir haben sofort, in Nr. 12 des „Proletarij", hervorgehoben, dass es lächerlich wäre, sich für die Zukunft gegen den Kampf auf dem Boden der Duma festzulegen. Wir wissen, dass nicht nur das Parlament, sondern auch die Parodie auf ein Parlament, wenn keine Voraussetzungen für einen Aufstand vorhanden sind, zu einem Hauptzentrum der gesamten Agitation werden kann.

Wir verlangen aber eine klare und deutliche Fragestellung. Wenn ihr glaubt, dass die, Epoche der Aufstände für Russland vorüber ist, so sagt es und verteidigt offen eure Ansicht. Wir werden sie unter dem Gesichtspunkt der konkreten Verhältnisse bewerten und gründlich und ruhig durch beraten Wenn ihr aber selbst von der Möglichkeit eines Aufstandes „jede Minute", von seiner Notwendigkeit sprecht, dann brandmarken wir und werden wir alle und jegliche Äußerungen gegen den aktiven Dumaboykott als klägliche Manilowerei brandmarken. Wenn der Aufstand möglich und notwendig ist, so müssen wir ihn gerade zur zentralen Losung unserer ganzen Dumakampagne machen, dann müssen wir die käufliche Seele des „Frankfurter Parlamentsschwätzers" enthüllen, die in jedem Oswoboschdjenije-Manne steckt, der dieser Aufstandslosung aus dem Wege geht. Wenn der Aufstand möglich und notwendig ist, so bedeutet das, dass es für den legalen Kampf für die Ziele des Aufstandes keinerlei legales Zentrum gibt und dass man dieses nicht durch Manilowsche Phrasen ersetzen kann. Wenn der Aufstand möglich und notwendig ist, so bedeutet das, dass die Regierung „das Bajonett an die Spitze der Tagesordnung gesetzt", den Bürgerkrieg eröffnet und den Belagerungszustand als Antikritik der demokratischen Kritik angekündigt hat. Unter solchen Umständen das „fast parlamentarische" Aushängeschild der Reichsduma ernst nehmen und im Dunkeln und im Flüsterton Hand in Hand mit Petrunkjewitsch Parlamentarismus spielen, heißt die Politik des revolutionären Proletariats durch das Politikastertum Komödie spielender Intellektueller ersetzen!

Nachdem wir das grundlegend Falsche der ganzen Position von Parvus nachgewiesen haben, können wir nur noch kurz auf einzelne, besonders krasse Äußerungen dieser falschen Stellung eingehen.

Vor den Wahlen oder nach den Wahlen bildet sich", schreibt Parvus, „im Zusammenhang mit der Reichsduma eine gesetzliche Grundlage für das Bestehen politischer Parteien."

Das ist unwahr. In Wirklichkeit bildet sich jetzt eine „gesetzliche Grundlage" für die Verfälschung der Wahlen durch die Regierung. Diese Grundlage besteht aus: 1. dem Bezirkshauptmann (die Wahlen bei den Bauern liegen vollkommen in seiner Hand), 2. der Ochrana (Verhaftung Miljukows), 3. dem Belagerungszustand. Wenn sich in Wirklichkeit, und nicht im Munde von Schriftstellern, „eine gesetzliche Grundlage für das Bestehen politischer Parteien" (darunter auch für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) bilden wird, dann werden wir verpflichtet sein, die ganze Frage des Aufstandes von Neuem zu prüfen, denn für uns ist der Aufstand nur eines der wichtigen, aber durchaus nicht immer obligatorischen Mittel zur Eroberung des freien Feldes zum Kampfe für den Sozialismus.

Es ist notwendig, sofort nicht als einzelne Gesellschaftsgruppen, nicht als Juristen, Ingenieure, Semstwo-Männer, sondern offiziell und offen als liberale, demokratische, sozialdemokratische Partei aufzutreten. Die Vertreter verschiedener Richtungen können in dieser Beziehung miteinander Vereinbarungen treffen, so wie einzelne Parlamentsfraktionen sich untereinander verständigen."

Ja, sie können das tun, aber nicht offen – denn wenn Parvus Trepow vergessen hat, so hat Trepow doch nicht Parvus vergessen –, sondern insgeheim. Was Parvus als parlamentarische Vereinbarung bezeichnet (die mitunter für die Sozialdemokratie in einem parlamentarischen Lande notwendig ist), das ist im heutigen Russland, im September 1905, die verabscheuungswürdigste Parlamentsspielerei Die Verräter an der Revolution setzen jetzt die Vereinbarung zwischen Oswoboschdjenije-Leuten und Revolutionären, die Anhänger der Revolution aber die Vereinbarung zwischen den Sozialdemokraten und allen revolutionären Demokraten, d.h. den Anhängern des Aufstandes, an die erste Stelle. Wenn die neue „Iskra" und Parvus jetzt eine „parlamentarische" Vereinbarung mit den Oswoboschdjenije-Leuten treffen (über die Gründung einer Partei durch sie, s. oben den Artikel „Die Freunde haben sich gefunden"), so werden wir öffentlich erklären, dass diese Sozialdemokraten jegliches Gefühl für die Wirklichkeit verloren haben. Wir werden dann eine Vereinbarung mit den revolutionären Demokraten treffen auf dem Boden der gemeinsamen Agitation für den Aufstand, seiner Vorbereitung und Durchführung. Wir haben bereits in der Kritik der neu-iskristischen Resolutionen (Lenin: „Zwei Taktiken") gezeigt, dass die „Iskra" bis zum liberalen Grundherren herabsinkt, während der „Proletarij" den revolutionären Bauer aufrüttelt und aufwiegelt.

Es ist notwendig, dass jede Partei ihr Wahlkomitee zur Leitung der Wahlen im ganzen Lande organisiere. Es ist notwendig, dass sich die Parteien über die praktischen Maßnahmen zur Erweiterung der Freiheit des Wortes, der Versammlungen u.a.m. für die Zeit der Wahlen verständigen. Es ist notwendig, dass sie sich durch die gemeinsame politische Verantwortung binden" (hört, Genossen und Arbeiter! Die Neu-Iskristen wollen euch an Petrunkjewitsch binden!), „dergestalt, dass im Falle polizeilicher Verfolgung oder gerichtlicher Untersuchung des offiziellen Vertreters irgendeiner politischen Partei als solcher die Vertreter aller anderen" (!) „Parteien sich mit ihm solidarisch erklären und alle zusammen einen Volksprotest" (??) „und wenn möglich" (hört, hört!), „einen Volksaufstand zu seinem Schutz organisieren" (!).

Glückliche Reise, lieber Parvus! Organisieren Sie Proteste und einen Aufstand mit den Petrunkjewitsch (Demokrat) und Stachowitsch (Liberaler) – unsere Wege haben sich getrennt. Wir werden das mit den revolutionären Demokraten tun. Ändert jedoch bei der Gelegenheit auch eure Losungen, verehrteste Helden der „parlamentarischen Vereinbarungen": anstatt: „Der Aufstand ist notwendig", sagt: „Der Aufstand wird, wenn möglich, die Proteste ergänzen." Dann werden alle Oswoboschdjenije-Leute mit euch einverstanden sein! Anstatt der Losung „Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht" proklamiert eine solche: „Die Regierung muss die Abstimmung gewährleisten, wenn möglich, eine direkte, gleiche, allgemeine und geheime." Glückliche Reise, Herrschaften! Wir werden geduldig warten, bis Parvus, Petrunkjewitsch, Stachowitsch und Martow „einen Volksprotest und, wenn möglich, einen Volksaufstand organisieren" zum Schutze Miljukows. Es ist ja, Herrschaften, in unserer „fast-parlamentarischen" Epoche viel zeitgemäßer, Herrn Miljukow zu schützen, als hunderte und tausende verhafteter und verprügelter Arbeiter!…

Parvus erklärte kategorisch: „Wir haben keinerlei Aussicht, selbständig unsere Vertreter in die Duma zu bringen." Nichtsdestoweniger schreibt er:

Wenn sich die Wahlkomitees als nicht zu verwirklichen erweisen, so müssen wir dennoch alle Anstrengungen machen, um eigene Kandidaturen aufzustellen."

Trotz des Zensus, glaubt Parvus, ist in einzelnen Fällen die Möglichkeit sozialdemokratischer Kandidaturen nicht ausgeschlossen.

Eine, zwei sozialdemokratische Kandidaturen, wo es auch sei, werden zur politischen Losung für das ganze Land werden."

Wir danken wenigstens für die Klarheit. Worum hat es sich aber gehandelt, Herrschaften? Die Zeitung Rusj" hat schon lange ihre Kandidaturen, die Kandidaturen aller dieser Stachowitsch, Petrunkjewitsch und sonstigen Verräter an der Revolution aufgestellt, die den Herren Durnowo das Haus einrennen.1 Was schweigt denn die Zeitung „Iskra"? Weshalb geht sie nicht von den Worten zu Taten über? Weshalb stellt sie denn nicht die Kandidaturen von Axelrod, Starowjer, Parvus und Martow für die Reichsduma auf? Versucht es, Herrschaften, macht einen Versuch, ein experimentum in corpore vili.2 Macht den Versuch, und wir werden sofort sehen, wer von uns Recht hat: ob ihr Recht habt, die ihr glaubt, dass diese Kandidaten zur „Losung für das ganze Land" werden würden, oder wir, die wir glauben, dass diese Kandidaten gegenwärtig nur Stoff zu Witzen abgeben werden?

Parvus schreibt:

Die Regierung hat einer Handvoll Menschen das Wahlrecht zu einer Institution verliehen, die die Angelegenheiten des gesamten Volkes verwalten sollte. Dies erlegt den künstlich herausgesuchten Wählern die Pflicht auf, ihr exklusives Recht nicht nach persönlicher Willkür" (sondern nach Klassen- oder Parteiwillkür?), „sondern unter Berücksichtigung der Meinung der Volksmassen auszuüben. Sie an diese ihre Pflicht zu erinnern, sie zu zwingen" (!!), „ihr nachzukommen, das ist unsere Aufgabe, bei deren Durchführung wir vor keinerlei Mitteln halt machen dürfen."

Diese Betrachtung, die natürlich durch die Versicherung ergänzt wird, dass die Taktik des (aktiven) Boykotts den mangelnden Glauben an die „revolutionären Kräfte des Landes'' (sic!) zum Ausdruck bringe, ist grundfalsch. Sie ist ein Muster sentimental-bürgerlicher Fragestellung, gegen die sich alle Sozialdemokraten auflehnen müssen. Die Parvussche Betrachtung ist bürgerlich, denn er übersieht den Klassencharakter der Duma: die Verständigung zwischen der Bourgeoisie und dem Absolutismus. Die Parvussche Betrachtung ist eine hohle, sentimentale Phrase, denn er nimmt, sei es auch nur für einen Augenblick, die verlogenen Worte der Oswoboschdjenije-Leute über ihren Wunsch, „der Meinung der Volksmassen Rechnung zu tragen", ernst.

Der verehrte Parvus ist um etwa drei Jahre zu spät gekommen. Als die Liberalen weder ein Organ noch eine illegale Organisation besaßen, während wir das eine und das andere hatten, förderten wir ihre politische Entwicklung. Und dieses Verdienst wird die Geschichte aus der Tätigkeit der Sozialdemokratie nicht streichen. Jetzt aber sind die Liberalen aus Säuglingen der Politik zu Hauptführern der Politik geworden, sie haben ihren Verrat an der Revolution durch die Tat erwiesen. Jetzt das Hauptaugenmerk nicht auf die Bloßstellung des Verrats der bürgerlichen „Verständigungsfreunde", sondern darauf zu legen, sie an ihre „Pflicht" zu erinnern, die Sache (nicht der Bourgeoisie, sondern) des ganzen Volkes zu führen, heißt sich in ein Anhängsel der Oswoboschdjenije-Leute verwandeln. Nur diese können denn auch ernstlich in der Reichsduma den Ausdruck der „revolutionären Kräfte des Landes" suchen.

Die Sozialdemokratie weiß, dass das beste, was wir jetzt erreichen können, die Neutralisierung, die Paralysierung der verräterischen Anstrengungen der Bourgeoisie ist. Die Semstwo-Männer und die Oswoboschdjenije-Leute sind nicht die „revolutionäre Kraft des Landes"; es ist eine Schande, das nicht zu wissen, Genosse Parvus!

Eine revolutionäre Kraft sind jetzt, in der demokratischen Revolution, nur das Proletariat und die mit den Grundherren ringende Bauernschaft.

Eine Perle unter den Perlen des bemerkenswerten Artikels von Parvus ist die Formulierung der Bedingungen für die Unterstützung der Oswoboschdjenije-Leute durch das Proletariat.

»Es ist notwendig," schreibt Parvus, „die Kandidaturen der Opposition, die unsere Unterstützung werden genießen wollen, auf bestimmte politische Forderungen zu verpflichten." (Genosse Parvus wollte sagen: verpflichten, bestimmte politische Forderungen zu vertreten.) „Solche könnten z.B. sein: 1. In der Duma selbst ihre sofortige Auflösung und die Einberufung der Konstituierenden Versammlung auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts fordern; 2. der Regierung alle militärischen und finanziellen Mittel verweigern, bis diese Forderung erfüllt sein wird."

Von Stufe zu Stufe. Wer einmal ausgerutscht und auf die schiefe Ebene geraten ist, gleitet unaufhaltsam hinab. Unsere außerhalb der beiden Teile der Partei stehenden Übermenschen von der Art Parvus' und Plechanows ignorieren großartig dieselben Resolutionen der Neu-Iskristen, für die sie moralisch und politisch verantwortlich sind.

Man nehme Parvus. Er ging die ganze Zeit Hand in Hand mit der „Iskra", selbst dann, als der Plan der Semstwokampagne und der 9. Januar ihm für kurze Zeit über ihre opportunistische Stellung die Augen öffneten. Nichtsdestoweniger wollte Parvus als „Versöhnler" gelten, vermutlich deshalb, weil, als er nach dem 9./22. Januar die Losung der provisorischen Regierung zu verkünden begann, die Bolschewiki ihn korrigieren und auf das Phrasenhafte in seinen Losungen hinweisen mussten. Ohne den Zaren, und eine Arbeiterregierung! – rief Parvus unter dem Eindruck des 9./22. Januar. Ohne das Volk, und eine liberale Duma! – darauf läuft jetzt nach dem 6./19. August seine „Taktik" hinaus. Nein, Genosse, auf Augenblicksstimmungen, darauf, dass wir dem Eindruck des Augenblicks knechtisch erliegen, werden wir unsere Taktik nicht aufbauen!

Parvus hat jetzt „neue" Bedingungen für die Liberalen ersonnen. Die armen Neu-Iskristen, wie sehr das Ersinnen von „Bedingungen" für eine Vereinbarung mit den Oswoboschdjenije-Leuten sie ermüdet hat! Starowjer hat auf dem 2. Parteitag (s. seine Resolution, die vom 3. Parteitag aufgehoben wurde) Bedingungen verfasst, die sofort zum Teufel flogen, denn weder im Plan der Semstwokampagne noch jetzt sind diese Bedingungen von irgendeinem Neu-Iskristen, der über eine „Vereinbarung" mit den Oswoboschdjenije-Leuten geschrieben hat, vollinhaltlich aufgestellt worden. Die Konferenz der Neu-Iskristen stellte in den Resolutionen über die Beziehungen zu den Liberalen andere, strengere Bedingungen auf. Der Neu-Iskrist Parvus trägt für diese Resolution die moralische Verantwortung – aber was brauchen sich Literaten und Übermenschen um irgendwelche Resolutionen zu kümmern, die unter Mitwirkung von verantwortlichen Vertretern des Proletariats ausgearbeitet wurden! Übermenschen pfeifen auf Parteiresolutionen!

In der Resolution der Neu-Iskristen über das Verhalten gegenüber den oppositionellen Parteien steht schwarz auf weiß geschrieben, dass die Sozialdemokratie „von allen Feinden des Zarismus fordert":

1. Energische und unzweideutige Unterstützung jeder entschlossenen Aktion des organisierten Proletariats, die darauf gerichtet ist, dem Zarismus neue Schläge zu versetzen."

Parvus empfiehlt eine „Vereinbarung" mit den Oswoboschdjenije-Leuten und das Versprechen, sie zu „unterstützen", ohne irgend etwas Derartiges zu verlangen.

2. Offene Anerkennung und unumwundene Unterstützung der Forderung der allgemeinen konstituierenden Versammlung auf der Grundlage des allgemeinen usw. Stimmrechts und offenes Vorgehen gegen alle jene Parteien und Gruppen, die bestrebt sind, die Volksrechte zu schmälern, sei es durch Beschränkung des Wahlrechts, sei es durch die Eskamotierung der konstituierenden Versammlung mittels der Verleihung einer monarchistischen Verfassung."

Den ganzen zweiten Teil dieser Bedingungen erkennt Parvus nicht an. Er lässt sogar die Frage, von wem die Oswoboschdjenije-Leute in der Duma die „Einberufung" der konstituierenden Versammlung „fordern" sollen, völlig im Dunkeln. Vom Zaren am Ende? Weshalb sie denn nicht selbst einberufen? Oder sind Sie jetzt schon nicht mehr gegen eine „Verleihung?".

3. Entschiedene Unterstützung des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Regierung und die Kapitalmagnaten für die Streik- und Koalitionsfreiheit."

Von dieser „Bedingung" befreit Parvus die Oswoboschdjenije-Leute vermutlich aus Anlass der Einberufung der Duma und wegen der Schädlichkeit der Taktik des „Je schlimmer, desto besser" obgleich Parvus, sich über den Leser lustig machend, gleich hinterher versichert, dass wenn die Duma gesetzgeberische Rechte besäße, dies schlechter wäre, d.h. dass ein Schritt zum Besseren und namentlich einer, den die Oswoboschdjenije-Leute anstreben, ein Schritt zum Schlechteren ist!!).

4. Offenen Widerstand gegen alle Versuche der Regierung und des Feudaladels, die revolutionäre Bauernbewegung mit den barbarischen Mitteln der Gewaltanwendung gegenüber den Bauern und ihrem Besitz zu unterdrücken."

Guter Parvus, weshalb haben Sie diese Bedingung vergessen? Sind Sie wirklich nicht damit einverstanden, den Petrunkjewitsch, Stachowitsch, Roditschew, Miljukow, Struve diese ausgezeichnete Forderung zu stellen?

5. Verzicht auf die Unterstützung jeglicher Maßnahmen, die den Zweck haben, im freien Russland irgendwelche Beschränkung der Rechte einzelner Nationalitäten und irgendwelche Spuren einer nationalen Unterdrückung aufrechtzuerhalten; und

6. Aktive Beteiligung an der Selbstbewaffnung des Volkes zum Kampfe gegen die Reaktion und Unterstützung der Sozialdemokratie bei ihren Versuchen, den bewaffneten Massenkampf zu organisieren."

Guter Parvus, weshalb haben Sie diese Bedingungen vergessen?

1 In Nr. 187 der Zeitung „Rusj" („Russland") vom 13./26. August 1905 war ein „Verzeichnis jener Mitglieder der Semstwo-Partei" (91 Mann), deren Wahl in die Reichsduma die Redaktion der Zeitung für „wesentlich wichtig" hielt, abgedruckt.

2 Ein Versuch an einem billigen Körper, ein billiger Versuch. D. Red.

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