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Wladimir I. Lenin 19051000 Keine Schwindelei! Unsere Kraft liegt im Aussprechen der Wahrheit

Wladimir I. Lenin: Keine Schwindelei! Unsere Kraft liegt im Aussprechen

der Wahrheit1

[Geschrieben im Oktober 1905 Zum ersten Mal veröffentlicht 1926 im „Leninski Sbornik", Nr. 5. Nach Sämtliche Werke, Band 8, Wien-Berlin 1931, S. 320-325]

Wir sind nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen… deshalb hat es keinen Zweck, ihn mit der Duma in Verbindung zu bringen die Agitationslosung ist die konstituierende Versammlung."

So schrieb der Bund, und der Verfasser des Artikels in Nr. 16 hat ihm nicht zur Genüge geantwortet.

Diese Worte des Bund sind eine vorzügliche Widerspiegelung des Spießertums in der Sozialdemokratie, des Spießertums im Sinne der Abgeschmacktheit, des goldenen Mittelweges, der Farblosigkeit, der Plattheiten, der Mittelmäßigkeit (was der Bund, der bekanntlich sowohl in den Jahren 1897 bis 1900 als auch 1901–1903 und 1904 die Rolle eines ideologischen Parasiten gespielt hat und sie noch jetzt im Jahre 1905 spielt, stets verkörpert hat).

Das ist die landläufige Ansicht, der gewöhnliche Standpunkt, der „gesunde Menschenverstand" („Sieg des gesunden Menschenverstandes" im Oswoboschdjenije" und „Erleuchtung").

Es ist das der größte Schwindel, und seine Entlarvung ist für die russische Revolution und für das klassenbewusste Proletariat als den einzig möglichen Vollzieher einer siegreichen Revolution von größter Bedeutung.

Wir sind nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen, deshalb dürfe man sich nicht binden, deshalb laute die Losung nicht: bewaffneter Aufstand, sondern: konstituierende Versammlung.

Das ist dasselbe, wie wenn wir sagten: Wir Nackten und Obdachlosen, wir Hungrigen und Gequälten, sind nicht imstande, aus unserem Sumpfe, in dem wir untergehen, herauszukommen und auf jenen Berg zu gelangen, wo Licht und Sonne, Luft und alle Früchte der Erde sind. Wir haben keine Leiter und ohne diese ist der Aufstieg unmöglich. Wir sind nicht imstande, eine Leiter zu beschaffen. Deshalb ist es nicht nötig, unseren Kampf für das Herauskommen aus dem Sumpf mit der Losung der Beschaffung (bzw. Herstellung) einer Leiter in Zusammenhang zu bringen. Deshalb muss unsere Losung sein: Hinauf auf den Berg! Hinauf auf den Berg! Auf dem Berge ist Glück und Erlösung, Luft, Licht, Ermutigung und Stärkung.

Weil eine Leiter fehlt, ohne die man nicht hinaufsteigen kann, deshalb soll man nicht zur Losung der Beschaffung einer Leiter greifen und an ihrer Herstellung arbeiten, deshalb muss die Losung sein: Hinauf, auf den Berg, auf dem Berge ist Glück usw.!

Die Schwäche hatte sich wie immer in den Wunderglauben gerettet", hat Marx gesagt.

Rettet sich jetzt die Schwäche des Proletariats oder die Schwäche der Häupter des Bund und der neuen „Iskra" in den Wunderglauben? In den Glauben, dass man ohne Leiter auf den Berg gelangen könne? In den Glauben an die konstituierende Versammlung ohne Aufstand?

Dieser Glaube ist der Glaube von Geistesgestörten. Ohne bewaffneten Aufstand ist die konstituierende Versammlung ein Phantom, eine Phrase, eine Lüge, eine Frankfurter Schwatzbude.

Der Betrug und der Schwindel des Oswoboschdjenijetums, dieser ersten, breitpolitischen, im Massenumfang politischen, volkstümlichen Form der bürgerlichen Losung in Russland, besteht gerade in der Unterstützung dieses Wunderglaubens, dieser Lüge. Denn die liberale Bourgeoisie braucht ihre Lüge, für sie ist es keine Lüge, sondern die höchste Wahrheit, die Wahrheit ihrer Klasseninteressen, die Wahrheit der bürgerlichen Freiheit, die Wahrheit der kapitalistischen Gleichheit, das Allerheiligste der Krämerbrüderlichkeit.

Das ist ihre (der Bourgeoisie) Wahrheit, denn sie braucht nicht den Sieg des Volkes, nicht den Berg, sondern den Sumpf für die Massen, das Aufsteigen der Protzen und Geldsäcke auf den Schultern der Massen; sie braucht nicht den Sieg, sondern den Kompromiss, die Vereinbarung mit dem Feinde, und das ist der Verrat an den Feind.

Für die Bourgeoisie ist das kein „Wunder", sondern Realität, Realität des Verrats der Revolution, nicht aber des Sieges der Revolution.

Wir sind nicht imstande, eine Leiter zu beschaffen … wir sind nicht imstande, einen Aufstand hervorzurufen Ist es so, Herrschaften?

Wenn dem so ist, dann stellt eure ganze Propaganda und Agitation um, dann beginnt, an die Arbeiter und an das ganze Volk neue, umgearbeitete Reden zu halten, neu konstruierte, andere Reden.

Dann sagt dem Volke: Arbeiter von Petersburg, Riga, Warschau, Odessa, Tiflis … wir sind nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen und im Aufstand zu siegen. Deshalb hat es keinen Zweck, an die vom ganzen Volke gewählte konstituierende Versammlung auch nur zu denken oder gar von ihr zu sprechen. Besudelt nicht große Worte mit einer kleinen Ausflucht. Verdeckt eure Schwäche nicht durch den Glauben an Wunder. Schreit eure Schwäche in alle Welt hinaus – Selbsterkenntnis ist schon halbe Besserung. Erlogene Phrasen, falsche Prahlereien bringen den moralischen Untergang und sind das sichere Pfand des politischen Untergangs.

Arbeiter! Wir sind zu schwach, den Aufstand hervorzurufen und in ihm den Sieg zu erlangen! Hört deshalb auf mit dem Gerede über die vom ganzen Volke gewählte konstituierende Versammlung, jagt die Lügner von euch, die davon sprechen, entlarvt den Verrat der Oswoboschdjenije-Leute, der Dumaanhänger, der Kadetten und ähnlichen Packs, denn sie wollen nur in Worten die allgemeine konstituierende Versammlung, in Wirklichkeit aber eine gegen das Volk gerichtete, die nicht Neues konstituiert, sondern das Alte flickt, die euch kein neues Kleid, kein neues Leben, keine neuen Waffen für den neuen großen Kampf, sondern nur Flitter für euer altes, grobes Kleid, nur Luftspiegelung und Betrug, Spielzeug anstatt Waffen, Ketten anstatt Gewehre gibt.

Arbeiter! Wir sind zu schwach für den Aufstand. Sprecht also deshalb nicht und erlaubt den Prostituierten der Oswoboschdjenije-Richtung, den Kadetten und Dumaanhängern nicht, von der Revolution zu sprechen, gestattet diesen bürgerlichen Halunken nicht, den großen Volksbegriff mit ihrer unzüchtigen Zunge zu besudeln.

Wir sind schwach? Also gibt es und kann es bei uns keine Revolution geben. Das ist keine Revolution des Volkes, sondern eine Betrügerei am Volke, begangen durch die Petrunkjewitsch und die Bande der liberalen Lakaien des Zaren. Das ist kein Kampf für die Freiheit, das ist ein Verkauf der Volksfreiheit um Parlamentssitze für die Oswoboschdjenije-Leute. Das ist nicht der Beginn eines neuen Lebens, sondern die Verewigung des alten Hinsiechens, der Katorga, des alten Vegetierens und Verfaulens.

Wir sind nicht imstande, den Aufstand hervorzurufen, Genossen Arbeiter! Wir sind nicht imstande, das Volk zur Revolution emporzuheben! Wir sind nicht imstande, die Freiheit zu erlangen… Wir sind nur imstande, den Feind zum Schwanken zu bringen, nicht aber, ihn zu schlagen, ihn derart zum Schwanken zu bringen, dass Petrunkjewitsch neben ihm zu sitzen kommt. Fort also mit allem Gerede über die Revolution, über die Freiheit, über die Volksvertretung – wer diese Dinge spricht, ohne durch die Tat an der Leiter zu arbeiten, um sie zu erreichen, am Aufstande, um sie zu erobern, der ist ein Lügner und Gauner, der betrügt euch.

Wir sind schwach, Genossen Arbeiter! Hinter uns steht nur das Proletariat, stehen nur Millionen von Bauern, die einen zersplitterten, unklaren, unbewaffneten und blinden Kampf begonnen haben.

Gegen uns ist die ganze Hofbande, sind alle Arbeiter und Bauern, die in Soldatenuniformen stecken und2

Schluss. Wir sind schwach. Die Schwäche rettet sich in den Wunderglauben. Das ist Tatsache und geht aus den Worten des Bund, aus dem Plane der „Iskra" hervor.

Doch was ist Tatsache, ihr Herren? Die Schwäche der Kräfte des Proletariats ganz Russlands oder die Schwäche der Häupter der Bundisten und der Neu-Iskristen?

Sprecht die Wahrheit:

1. Es gibt keine Revolution. Es gibt ein Kompromiss der liberalen Bourgeoisie mit dem Zaren …

2. Es gibt keinen Kampf für die Freiheit. Es gibt einen Verkauf der Volksfreiheit.

3. Es gibt keinen Kampf für die Volksvertretung. Es gibt eine Vertretung des Geldsacks.

Wir sind schwach … daraus entspringt unabweislich der ganze Verrat der Revolution.

Wenn ihr die Revolution, die Freiheit, die Volksvertretung wollt… dann müsst ihr stark sein.

Ihr seid schwach?

Die Revolution ist das Los der Starken!

Wir haben weiter im groben Kleid zu stecken.

Vom Ende

ω) Wer ist schwach? Die Kräfte des Proletariats oder die Köpfe der Neu-Iskristen und der Bundisten?

Ihr seid schwach?

Die Freiheit wird nur Starken gegeben.

Die Schwachen werden stets Sklaven sein.

Die Erfahrung der ganzen Geschichte.

χ) Wollt ihr die Revolution? Ihr müsst stark sein!

Wir müssen die Wahrheit sagen: darin liegt unsere Kraft, aber die Masse, das Volk, die Menge wird in der Tat, nach dem Kampfe, entscheiden, ob Kraft vorhanden ist.

Ihr seid schwach?

Eure Vertretung wird über eure Sklavenhalter und Ausbeuter hinweggehen.

Die „Vertretung" ist entweder die Errungenschaft eines Starken oder leeres Papier, ein Betrug, eine Augenbinde für den Schwachen, um seine Sinne abzustumpfen

Ist sie vorhanden?

Oder wir sind schwach.

ω) Wer ist schwach …

1 Der hier abgedruckte Entwurf eines „Briefes an die Redaktion" wurde offensichtlich nicht beendigt. Auf jedem Fall ist weder im „Proletarij" noch in den „Pоslednije Iswestija" ein solcher Brief erschienen.

2 Der Satz ist im Manuskript nicht beendet. D. Red.

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