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Proletarij 19050717 Die Pariser Kommune und die Aufgaben der demokratischen Diktatur

Proletarij: Die Pariser Kommune und die Aufgaben der demokratischen Diktatur1

[„Proletarij", Nr. 8, 4./17. Juli 1905. Nach Lenin, Sämtliche Werke, Band 8, S. 605-610]

Die Stellung der „Iskra" zur Frage nach der Zulässigkeit der Teilnahme von Sozialdemokraten an der provisorischen Regierung ist jetzt aufs Äußerste verworren. Unter günstigen Umständen erscheint auch nach der Meinung der Schüler Martynows eine solche Ausbreitung der Revolution möglich, dass sie als direktes Vorspiel der gewaltigen sozialen Umwälzung dienen kann; aber die Partei, ihr Wille, ihre Arbeit, ihre Pläne scheinen damit nichts zu tun zu haben. „Vertrau' auf Gott und tue das Deine", sagt ein Sprichwort, das dem religiösen Fatalismus entgegenwirken soll – „Vertraue auf die Umstände, auf den geschichtlichen Prozess", sagen wir, „und tue das Deine", sonst wirst du ein Ökonomist und Fatalist, aber kein sozialdemokratischer Revolutionär sein. In der Resolution der menschewistischen Konferenz lese ich:

Nur in einem Fall darf die Sozialdemokratie aus eigener Initiative ihre Anstrengungen darauf richten, die Macht zu erobern und sie möglichst lange in der Hand zu halten: nämlich dann, wenn die Revolution auf die fortgeschritteneren Länder Westeuropas übergriffe, wo die Bedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus schon eine bestimmte Reife erlangt haben."

Da drängt sich einem vor allem die Frage auf: Kann man denn auch ohne eigene Initiative die „Anstrengungen" auf etwas „richten"? Und wie denn, wenn man diesen Satz so umstellen wollte: „Die russische Revolution wird nur in einem Falle auf die fortgeschrittenen Länder Westeuropas übergreifen, nämlich wenn es der SDAPR gelingt, die Macht in die Hand zu nehmen und längere Zeit zu behalten..…"? Wenn man schon Annahmen konstruiert, warum dann nicht solche? Ein Maximum an Energie ist nie hinderlich. Im Übrigen spricht ja auch niemand von der Ergreifung der Macht durch die Partei – man spricht nur von der Teilnahme, wo möglich, der führenden Teilnahme an der Revolution in dem Augenblick, wo sie die Macht erlangt (falls ein solcher Augenblick eintritt) und wo man versuchen wird, ihr die Macht wieder zu entreißen.

In Verbindung mit der Frage der Möglichkeit und Zulässigkeit einer solchen demokratischen Diktatur des Proletariats ist es interessant, einige geschichtliche Lehren der Pariser Kommune anzuführen, die eine revolutionäre Regierungsmacht war und die Revolution nicht nur von unten, sondern auch von oben durchführte.

War die Kommune eine Diktatur des Proletariats?

Das Vorwort von Engels zur 3. Ausgabe von Marxens „Bürgerkrieg in Frankreich" schließt mit den Worten:

Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heillosen Schrecken geraten bei dem Worte ,Diktatur des Proletariats'. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats."

Aber Diktatur und Diktatur können verschieden sein! War das vielleicht eine wirkliche, reine Diktatur des Proletariats im Sinne der rein sozialdemokratischen Zusammensetzung ihrer Mitglieder und des Charakters ihrer praktischen Aufgaben? Keinesfalls! Das klassenbewusste Proletariat (und auch da kann nur von einem mehr oder weniger klassenbewussten Proletariat gesprochen werden), das heißt die Mitglieder der Internationale, waren in der Minderheit. Die Mehrheit der Regierung bestand aus Vertretern der kleinbürgerlichen Demokratie. Einer der neuesten Forscher (Gustav Jaeckh) sagt das ganz unzweideutig. Das Zentralkomitee der Nationalgarde zum Beispiel hatte 35 Mitglieder, und davon waren ganze zwei Sozialisten (d. h. Mitglieder der Internationale), dafür besaßen sie (Varlin und Avoine) unter ihren Machtgenossen ein großes Gewicht. Über dieses Komitee schreibt Lissagaray: „Wer sind seine Mitglieder? Sind es die Agitatoren?, die Sozialisten? Keineswegs. Kein einziger bekannter Name. Alle Gewählten sind Kleinbürger, Krämer, Angestellte……" Und doch traten Varlin und Avoine in dieses Komitee ein. Später traten noch Pindy, Ostyn und Jourde ins Komitee ein. Die „New Yorker Arbeiterzeitung" (das Organ der Internationale) schrieb in ihrem Artikel vom 18. Juli 1874:

Die Internationale hat die Kommune nicht gemacht noch war sie mit ihr identisch, wohl aber haben die Mitglieder der Internationale sich das Programm der Kommune angeeignet, um es über sich selbst hinauszutreiben, und sie waren zugleich die eifrigsten, treuesten Verteidiger der Kommune, weil sie deren Bedeutung für die Arbeiterklasse erkannt haben."

Der „Generalrat", an dessen Spitze, wie bekannt, Marx stand, hieß die Taktik der Pariser Föderation der Internationale gut. In seinem Manifest wurde gesagt:

Wo immer, und in welcher Gestalt immer, und unter welchen Bedingungen immer der Klassenkampf irgendwelchen Bestand erhält, da ist es auch natürlich, dass Mitglieder unserer Assoziation im Vordergrunde stehen."

Aber unsere Vorläufer, die Mitglieder der Internationale, wollten sich durchaus nicht mit der Kommune verschmelzen; sie bewahrten die ganze Zeit ihre besondere, rein proletarische Parteiorganisation. Jaeckh schreibt:

Der Föderalrat der Internationale wusste sich schon früher durch Bevollmächtigte bei den Behörden, zuerst beim Zentralkomitee, dann bei der Kommune, steten Einfluss auf die Abwicklung wichtiger Fragen zu sichern."

Als ein ausgezeichneter Beweis für die Sonderstellung der damaligen proletarischen Organisation bei gleichzeitiger Beteiligung ihrer Vertreter an der Regierung kann die folgende Einladungskarte gelten:

Am nächsten Sonnabend, den 20. Mai Punkt 1 Uhr, wird eine außerordentliche Versammlung des Föderalrates stattfinden, um über die gegenwärtige Situation zu berichten. Die Mitglieder der Kommune, die der Internationale angehören, sind zu dieser Sitzung eingeladen. Sie werden dort über ihre Haltung im Stadthaus Auskunft zu geben haben und die Gründe der Spaltung aufklären müssen, die sich im Schoße der Kommune vollzogen hat. Die Mitglieder der Internationale können gegen Vorweisung ihres Mitgliedsbuches bei der Versammlung zugegen sein."

Und noch ein weiteres interessantes Dokument, der Beschluss der hier angeführten außerordentlichen Versammlung:

Die internationale Arbeiterassoziation hat in ihrer außerordentlichen Sitzung vom 20. Mai die nachstehende Resolution angenommen:

.Nach Anhörung der Erklärung der Bürger der Internationale, die zugleich Mitglieder der Kommune sind, in Anerkennung der vollkommenen Loyalität der Gründe, die ihre Handlungsweise bestimmt haben, –

ersuchen wir sie, unter steter Wahrung der Interessen der Arbeiter, ihr Möglichstes zu tun, um die in dem Kampfe gegen die Versailler Regierung so nötige Einheit der Kommune aufrecht zu erhalten;

empfehlen wir die Öffentlichkeit der Kommunesitzungen und die Aufhebung des Paragraph 3 der Bekanntmachung, der unvereinbar ist mit dem Rechte des Volkes, die Handlungen der Exekutivbehörde, in diesem Falle des Wohlfahrtsausschusses, zu kontrollieren'."

An der Versammlung nahmen sechs Mitglieder der Kommune teil, drei hatten sich entschuldigt. Am 19. März zählte Lissagaray in der Kommune 25 Vertreter der Arbeiterklasse, aber nicht alle gehörten der Internationale an. Die Mehrheit ging auch da mit dem Kleinbürgertum.

Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Kommune und die Rolle der Mitglieder der Internationale in der Kommune zu erzählen. Wir teilen nur mit, dass im Vollzugsausschuss Donville, in der Finanzkommission Varlin, Jourde und Beslay, in der Militärkommission Donville und Pindy saßen; im Sicherheitsausschuss waren Assy und Chalain, in der Arbeitskommission Malon, Frankel, Theiss, Dupont und Avrial. Am 16. April, bei den Neuwahlen, wurden noch einige Mitglieder der Internationale gewählt (unter ihnen der Schwiegersohn von Marx, Longuet), aber in der Kommune saßen auch erklärte Feinde der Internationale, wie z. B. Vesimier. In der letzten Zeit der Kommune lagen ihre Finanzen in den Händen zweier hochbegabter Mitglieder der Internationale, Varlin und Jourde.

Handel und Arbeit leitete Frankel, Post und Telegraph, Münzamt und direkte Steuern wurden ebenfalls von Sozialisten verwaltet. Die Mehrheit der wichtigeren Ministerien verblieb jedoch, wie Jaeckh bemerkt, in der Hand des Kleinbürgertums.

Also steht außer Zweifel, dass Engels, wenn er die Kommune eine Diktatur des Proletariats nennt, nur die Teilnahme und dabei die ideologisch führende Teilnahme der Vertreter des Proletariats in der revolutionären Regierung von Paris im Auge hatte.

Aber war vielleicht der vollständige sozialistische Umsturz das unmittelbare Ziel der Kommune? Bei uns kann es doch darüber keine Illusionen geben.

Tatsächlich heißt es in der berühmten und zweifellos von Marx geschriebenen „Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Bürgerkrieg in Frankreich":

Die Kommune sollte..…als Hebel dienen, um die ökonomischen Grundlagen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der Klassenherrschaft ruht."

Und dann heißt es in demselben Manifest weiter:

Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertige Utopie durch Volksbeschluss einzuführen. Sie weiß, dass, um ihre eigene Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten … sie, die Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoße der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft entwickelt haben."

Alle Maßnahmen, die gesamte soziale Gesetzgebung der Kommune trugen keinen utopischen, sondern einen praktischen Charakter. Die Kommune verwirklichte das, was wir jetzt das „Minimalprogramm des Sozialismus" nennen. Um daran zu erinnern, was die Kommune gerade in dieser Richtung verwirklicht hat, führen wir ein weiteres Zitat aus dem Vorwort von Engels an:

Am 26. März wurde die Pariser Kommune erwählt und am 28. proklamiert. Das Zentralkomitee der Nationalgarde, das bisher die Regierung geführt, dankte in ihre Hände ab, nachdem es noch zuvor die Abschaffung der skandalösen Pariser Sittenpolizei dekretiert hatte. Am 30. schaffte die Kommune die Konskription und die stehende Armee ab und erklärte die Nationalgarde, zu der alle waffenfähigen Bürger gehören sollten, für die einzige bewaffnete Macht; sie erließ alle Wohnungsmietbeträge vom Oktober 1870 bis zum April 1871 unter Anrechnung der bereits gezahlten Beträge auf künftige Mietzeit und stellte alle Verkäufe von Pfändern im städtischen Leihhaus ein. Am selben Tage wurden die in die Kommune gewählten Ausländer in ihrem Amte bestätigt, da ,die Fahne der Kommune die der Weltrepublik' ist. Am 1. April wurde beschlossen, das höchste Gehalt eines bei der Kommune Angestellten, also auch ihrer Mitglieder selbst, dürfe 6000 Franken nicht übersteigen. Am folgenden Tage wurde die Trennung der Kirche vom Staat und die Abschaffung aller staatlichen Zahlungen für religiöse Zwecke, sowie die Umwandlung aller geistlichen Güter in Nationaleigentum dekretiert; infolge davon wurde am 8. April die Verbannung aller religiösen Symbole, Bilder, Dogmen, Gebete, kurz, ,alles dessen, was ins Bereich des Gewissens jedes Einzelnen gehört' aus den Schulen befohlen und allmählich durchgeführt. Am 5. wurde, gegenüber der täglich erneuten Erschießung von gefangenen Kommunekämpfern durch die Versailler Truppen ein Dekret wegen Verhaftung von Geiseln erlassen, aber nie ganz durchgeführt. Am 6. wurde die Guillotine durch das 137. Bataillon der Nationalgarde herausgeholt und unter lautem Volksjubel öffentlich verbrannt. Am 12. beschloss die Kommune, die nach dem Krieg von 1809 von Napoleon aus erbeuteten Kanonen gegossene Siegessäule des Vendôme-Platzes als Sinnbild des Chauvinismus und der Völkerverhetzung umzustürzen. Dies wurde am 16. Mai ausgeführt. Am 16. April ordnete die Kommune eine statistische Aufstellung, der von den Fabrikanten still gesetzten Fabriken an und die Ausarbeitung von Plänen für den Betrieb dieser Fabriken durch die in Kooperativgenossenschaften zu vereinigenden, bisher darin beschäftigten Arbeiter, sowie für eine Organisation dieser Genossenschaften zu einem großen Verbände. Am 20. schaffte sie die Nachtarbeit der Bäcker ab, wie auch den seit dem zweiten Kaiserreich durch polizeilich ernannte Subjekte – Arbeiterausbeuter ersten Ranges – als Monopol betriebenen Arbeitsnachweis; dieser wurde den Mairien der 28 Pariser Arrondissements überwiesen. Am 28. April befahl sie die Aufhebung der Pfandhäuser, welche eine private Exploitation der Arbeiter seien und in Widerspruch ständen mit dem Recht der Arbeiter auf ihre Arbeitsinstrumente und auf Kredit. Am 5. Mai beschloss sie die Schleifung der als Sühne für die Hinrichtung Ludwigs XVI. errichteten Bußkapelle."

Bekanntlich gelang es der Kommune infolge der von ihr begangenen Fehler und ihrer übergroßen Milde nicht, die Reaktion zu bezwingen. Die Kommunarden gingen zugrunde. Aber haben sie die Sache des Proletariats geschändet, kompromittiert, wie Martynow im Hinblick auf die in der Zukunft mögliche revolutionäre Regierung in Russland krächzt? Augenscheinlich nicht, denn Marx schrieb über die Kommune:

Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind."

Uns scheint, dass unsere kleine geschichtliche Information nicht des Lehrreichen entbehrt. Diese Information lehrt uns vor allem, dass die Teilnahme der Vertreter des sozialistischen Proletariats zusammen mit dem Kleinbürgertum an einer revolutionären Regierung prinzipiell vollständig zulässig und unter bestimmten Bedingungen direkt erforderlich ist. Diese Information zeigt uns weiter, dass die reale Aufgabe, die die Kommune zu erfüllen hatte, vor allem die Verwirklichung der demokratischen und nicht der sozialistischen Diktatur, die Verwirklichung unseres „Minimalprogramms" war. Schließlich mahnt uns diese Information, dass wir, wenn wir aus der Pariser Kommune für uns Lehren ziehen wollen, uns nicht ihre Fehler (dass sie nicht die Bank von Frankreich beschlagnahmte, dass sie nicht die Offensive gegen Versailles ergriffen hat, dass sie kein klares Programm hatte usw.), sondern ihre praktischen erfolgreichen Schritte zum Muster nehmen müssen, die den richtigen Weg zeigen. Nicht das Wort „Kommune" sollen wir von den großen Kämpfern von 1871 übernehmen, nicht jede ihrer Losungen sollen wir blind übernehmen, sondern wir sollen jene programmatischen und praktischen Losungen sorgfältig ausarbeiten, die der Lage der Dinge in Russland entsprechen und in den Worten formuliert sind: revolutionäre demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

1 Aus dem Manuskript dieses Artikels geht hervor, dass Lenin nur den letzten Absatz dieses Artikels geschrieben hat. Wer den Artikel selbst geschrieben hat, ist unbekannt.

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