Initium

Friedrich Hölderlin

O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend gleich der schweigenden Mutter Erd'
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben.

Sie ernten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflücken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe, daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.

Du Land des hohen ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! Bin ich der Deine schon,
Oft zürnt ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele leugnest.

Der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) arbeitete einsam die Fragen und Spannungen durch, die seine Zeit erfüllten und die sich ihm täglich stellten. Dabei wurde er weder unterstützt durch die Schlagkraft politischer Gruppen oder Personen noch durch den Geist einer einzigen philosophischen Schule. Sein innerer Zwist, sein Leiden, das man als Gabelung zwischen Geist und Leben, als Riss zwischen geistiger Wertvorstellung und Wirklichkeitsbereich beschreiben kann, weckte in ihm die Kraft des freien und unabhängigen Geistes, der den nüchternen Blick auf die Unvollkommenheit des Lebens und des Deutschlands seiner Zeit ungehemmt wagte und dafür zeitlebens auch berufliche Nachteile in Kauf nahm. Die Hoffnung gab er trotz der Verhöhnung seiner Person und seines Landes niemals auf und schrieb 1797:

"Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles bisherige schaamroth machen wird. Und dazu kann Deutschland vieleicht sehr viel beitragen. Je stiller ein Staat aufwächst, um so herrlicher wird er, wenn er zur Reife kömmt. Deutschland ist still, bescheiden, es wird viel gedacht, viel gearbeitet (...). Viel Bildung, und noch unendlich mehr! (...) - Gutmütigkeit und Fleiß, Kindheit des Herzens und Männlichkeit des Geistes sind die Elemente, woraus ein vortreffliches Volk sich bildet. Wo findet man das mehr, als unter den Deutschen?"

Wer in Deutschland heute neue Meinungen und Vorstellungen vortragen möchte – ob still, bescheiden, mutig, fleißig, ob in konstruktiver und kritischer Absicht – gerät heute leicht ins politische, soziale oder berufliche Abseits. Die Gasse des noch Sagbaren wird enger. Wer sie beschreitet, hat mit Häme zu rechnen, gleichgültig ob das vorgetragene offenherzig das Beste anstrebt. Wer sich davon nicht beeinträchtigen lässt, hat Hölderlin in seiner Haltung zu und seiner Bedeutung für Deutschland verstanden.

Mit den Cogitationes diurnos soll hier der nüchterne und in der Tradition von Hölderlins Hyperion stehende – wenngleich gegenüber Hölderlin selbst auch etwas humorvollere – philosophische und politikwissenschaftliche Blick auf Deutschland und das politische Denken und Handeln in diesen Tagen geworfen werden. Kritische Leser werden fragen "Was soll das bringen?" Die Antwort lautet ebenfalls hyperionisch: Jeder wird das und tut das, was er soll. Er wird und tut dies auf seine eigene und damit notwendige Weise. Diese Netzseite ist eine solche Weise und entstand in der Überzeugung, dass das Schicksal – frei nach Johann Gottfried Herder in "Tithon und Aurora" – den Guten nicht verlässt, solange dieser sich nicht selbst verlässt oder unrühmlich an sich verzweifelt, sondern frei mitteilt, was er zu sagen hat. Viel Freude beim Lesen!