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WCPT Kongress Amsterdam 2011

WCPT Kongress 2011 in Amsterdam

 

„There is no other event like a WCPT Congress. And it only comes every four years.“


Die World Conferation for Physical Therapy feierte heuer ihr 60-jähriges Bestehen mit einem Kongress, der diesmal von 21.-23. Juni 2011 im gigantischen RAI Center in Amsterdam stattfand. Rund 5.000 Teilnehmer aus über 102 Ländern sorgten für ein buntes Bild.

Schon in den Festreden bei dem vorangegangenen Galadinner wurde betont, dass sich die Unterschiede in der Qualität der Physiotherapie zwischen den einzelnen Ländern immer mehr verkleinern. Ein Bericht zum Galadinner ist hier nachzulesen.

 Aufgrund der Fülle der unterschiedlichen Fachvorträge und Diskussionen, die zeitgleich in 15 verschiedenen Sälen stattfanden, ist es unmöglich, hier einen umfassenden Überblick zu geben. Daher seien hier nur einige interessante Vorträge erwähnt: 

 Erster Höhepunkt – nicht nur aus manualtherapeutischer Sicht – war am Vormittag des ersten Tages das Focused Symposium zum Thema Spinal Manipulation unter der Leitung von Duncan Reid, bei dem sich das riesige Auditorium zum ersten Mal richtig füllte. Aufgrund der besonderen Bedeutung für die Manualtherapie ist diesem Symposium ein eigener Bericht gewidmet, der hier nachzulesen ist.



 Der Höhepunkt des 2. Tages, wenn nicht überhaupt des ganzen Kongresses, war die Veranstaltung „Teaching people about pain“ unter der Leitung von Dr. Lorimer Moseley im spektakulären, blau beleuchteten Elicium-Saal, der trotz seines riesigen Fassungsvermögens so überfüllt war, dass sogar der dritte Vortragende Michael Thacker in Ermangelung freier Stühle am Boden Platz nehmen musste. Bevor er seinen Vortrag, in dem er die Komplexität der einzelnen Modelle des chronischer Schmerzes gegenüberstellte, startete, bestand er darauf, dass all denjenigen Zuschauern, die - wie er - am Boden sitzen mussten, ein Sitzplatz angeboten wurde. Anstatt gegen Ende des Vortrags zu erklären, welches Modell das „richtige“ ist, beendete er seine Rede abrupt, um die Zuhörer zum Nachdenken zu ermutigen.

 

 Dr. Lorimer Moseley, Dr. David Butler und Kollegen verstanden es, das Publikum mit ihren interessanten Vorträgen zu fesseln.

Nachdem Dr. Moseley in seiner Einleitung die Entwicklung der Wissenschaft bezüglich des Verständnisses der Schmerzweiterleitung und Verarbeitung skizziert und die unterschiedlichen Arbeitsweisen von A-Delta und C-Fasern anschaulich erklärt hatte, stellte Dr. Butler sein Biopsychosoziales Modell - das er gerne als „Biopsychosozialismus“ weiterentwickelt sehen würde – dem „alten“ Biomedizinischen gegenüber. Er betonte dabei, dass es bei seinem Modell nicht nur um kognitiver Verhaltenstherapie geht, sondern meinte „it´s much bigger than that“.

Er ließ aber auch den Spaß nicht zu kurz kommen. So gestand er ein, gegen das, wie er es nannte, ungeschriebene Gesetz der Physiotherapie, keine Verwandten zu behandeln, verstoßen zu haben und scheute sich nicht, die Meinung seines Bruders zu seinem Bestseller „Schmerzen verstehen“ unzensiert wiederzugeben ( „Dave that´s bullshit!“ )

Eine der Kernaussagen des Nachmittages war, dass die Einstellung der Patienten zum Thema Schmerz die Höhe des Schmerzes beeinflusst und dass Physiotherapeuten darin eine wesentliche Rolle spielen.


Insgesamt war der WCPT Kongress eine sehr informative und spannende Veranstaltung!


Ganz kurz wollen wir noch einen Überblick über interessante Ergebnisse geben:

 Craig Wassinger zeigte in einer Schulter Studie mit gesunden Probanden, dass der durch eine subacromiale Salzlösungs-Injektion ausgelöste Schmerz zu einem signifikanten Kraftverlust führt.

 Annelies Maenhout zeigte in ihrer Studie an Patienten mit Rotatorenmanschetten-Einrissen, dass exzentrisches Training signifikant bessere Ergebnisse bringt als ein normales Übungsprogramm. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Wim Grooten bei Epicondylopathie Patienten.


 Theresa Holgren fand heraus, dass ein gezieltes Übungsprogramm für die Rotatorenmanschette und Scapulastabilisatoren + Manualtherapie sowohl bei Funktion als auch bei Schmerz der Schulter signifikant bessere Ergebnisse bringt als ein unspezifisches Übungsprogramm ohne Manualtherapie.

 Massimo Barcellona zeigte bei seiner Studie mit konservativ versorgten VKB-Patienten, dass Quadriceps-Training mir wenig Gewicht zu guten, mit viel Gewicht jedoch zu schlechten Ergebnissen bezüglich der Kniestabilität führt.

 Hilla Sarig Bahat konnte bei HWS Patienten mit einem Motion Tracing Computerspiel, das mit einer Virtual Reality Brille gespielt wird gute Ergebnisse erzielen. Quasi als Kontrastprogramm dazu präsentierte Mags Wigram, dass sich auch Übungen mit einem simplen Laserpointer bei Patienten mit Peitschenschlagsyndrom bewährt haben.

 Enttäuschend für alle Pilates-Fans waren zwei Vorträge, die zeigten, dass Clinical Pilates gegenüber normaler Therapie und Übungen keinen Zusatzeffekt bringt.

 Zu einem überraschenden Ergebnis kam Marco Hoozemans, der bei seiner Studie herausfand, dass eine Abnahme der Knochenmasse bei Männern stark mit Rückenschmerz korreliert, bei Frauen aber gar nicht.

 Erstaunlich war das Ergebnis von Hurley, der keine Unterschiede in den Ergebnissen von Low Back Pain Patienten finden konnte, die in einer überwachten Walking-Gruppe, einer überwachten Übungsgruppe und einer Physiotherapiegruppe randomisiert wurden.

 Wenig erfreulich auch die Ergebnisse des Updates des Cochrane Reviews zum Thema Spinal Manipulation, das von Rubinstein präsentiert wurde: Es gibt zwar hohe Evidenz dafür, dass Manipulation an der Wirbelsäule gleich gut wirkt wie andere Therapieformen, aber schlechte Evidenz dafür, dass sie besser wirkt.

 Ein interessantes Ergebnis brachten die Untersuchungen von Lies Rombaut bei Patientinnen mit Ehlers-Danlos Syndrom, einer Bindegewebserkrankung die mit Hypermobilität assoziiert wird: bei diesen Patientinnen zeigt sich, dass Muskelmasse nicht mit Kraft und Stabilisation korreliert.

 

Heimo Just, MSc, Lydia Stelzer, MSc



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