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Kongressbericht WCPT Kongress Singapur 2015 Teil 1: Impingement und LBP

Vom 1.-4. Mai 2015 fand in Singapur der WCPT Kongress statt. Die OEGOMT war durch die Vorstandsmitglieder Ingrid Brauchard, Lydia Stelzer, MSc und Heimo Just, MSc vertreten. 

Ein Highlight waren wie immer die Focused Symosia.

Positiv aufgefallen ist uns, dass die Focused Symposia sehr gut organisiert waren und die Vortragenden offensichtlich viel Zeit und  Energie dafür verwendet haben, ihre Vorträge gut aufeinander abzustimmen. So war z. B. sehr spannend zu sehen, dass im Low Back Pain und im Impingement Forum jeweils 3 verschiedene Ansätze zu dem gleichen Thema präsentiert wurden und anschließend versucht wurde die Synthese daraus zu ziehen.

Das Ziel des Focused Symposiums zum Thema Impingement war, 3 verschiedene Therapieansätzte, die jeweils gut mit Evidenz belegt sind, gegenüberzustellen.

Ginn (Großbritannien) wählte den Zugang über ein mehrstufiges Training der Rotatorenmanchette. Sie konnte nachweisen, dass der entscheidende Punkt eine gut koordinierte Kokontraktion aller 4 Muskeln ist, um sicherzustellen, dass der Humeruskopf bei jeder möglichen Bewegung gut zentriert bleibt. Dies  unterlegte sie mit Studien (Reed at al 2010, Reed et al 2013), die zeigten, dass alle 4 Rotorenmanchettenmuskeln sowohl bei Flexion, Extension als auch Abduktion aktiv sind, aber die Stärke der Anspannung sich je nach Bewegung änderte.

Cools (Belgien) konnte zeigen, dass es in der Literatur einen großen Zusammenhang zwischen Scapula Instabilität und Schulterschmerzen gibt und  wählte daher für ihren Therapieansatz die Stabilisierung der Scapula als wichtigstes Element. Sie unterschied dabei stark verkürzt zusammengefasst Übungen, die in Richtung mehr Flexibilität gehen von Übungen, die eine Verbesserung der Scapulastabilität durch verbesserte Muskelkontrolle und Kraft bewirken.

Als letzen Therapieansatz präsentierte Roy (Canada) ein Modell, das als Ziel eine Neuprogrammierung des durch Schulterschmerz veränderten Motokortex hat. Um dies zu bewirken hat er ein 6 stufiges Modell entwickelt, das sich vor allem auf schmerzfreie sehr gut kontrollierte Bewegungen abstützt. In den ersten Stufen setzt er sehr viel Feedback ein, das mit der Zeit sukzessive abgebaut wird. Interessant war seine Aussage, dass er den Patienten keine fixe Wiederholungszahl vorgibt, sondern diese von der Bewegungsqualität abhängig variiert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass diese 3 eigentlich gut bekannten Therapieansätze zwar auf den ersten Blick unterschiedlich aussehen, in der Praxis sich jedoch gut kombinieren lassen. So benötigt z. B. eine freie horizontale Rotation, wie sie Ginn in ihrem Programm hatte, eine gut stabilisierte Scapula und erzeugt dann, wenn die Bewegung schmerz- und fehlerfrei ausgeführt wird – eine positive Neuprogrammierung des Motokortex.

In der anschließenden Diskussion war leider ein Thema, dass es noch immer zu wenig Evidenz zum Thema Manualtherapie und Schulter gibt. Cools meinte dazu, dass sie zwar im klinischen Alltag gerne und mit großem Erfolg Manual Therapie einsetzt, als Wissenschaftlerin aber sagen muss, dass sie eigentlich dafür zu wenig Evidenz hat. Die Aufforderung von Ginn an uns Manualtherapeuten war daher: „Bringt uns Evidenz und bringt sie schnell!“.

Ein vielleicht zukunftsweisender Ansatz von Ginn war, dass aufgrund des in der Literatur nicht belegten Zusammenhanges von Schmerz und MRI Ergebnissen wie z.B. Rotatorenmanschetten-Rissen und deren Größe, sowie einer Vielzahl von nicht aussagekräftiger Schultertests wir den Begriff des „Nichtspezifischen Schulterschmerzes“ einführen sollten.

Als persönliche Anmerkung möchte ich noch erwähnen, dass wir für unsere auf deutsch veröffentlichte Schulterstudie (Just und Stelzer (2009)), mit der wir die Wirkung der Manualtherapie nachgewiesen haben, einen ähnlichen Ansatz gewählt haben. Wir wählten den Begriff „nicht traumatische Schulterbeschwerden“

 

Einen gut vernetzten Eindruck hinterließen auch die Präsentatoren des Low Back Pain Symposiums. Ziel dieser Veranstaltung war es, verschiedene Zugänge zum Thema Subgruppenbildung zu präsentieren und daraus die Synthese zu ziehen.

Hill (Großbritannien) präsentierte das für Low Back Pain validierte StarT Brack Tool, bei dem mit 9 Fragen einen Risikoabschätzung betrieben wird, anhand derer die Patienten in drei Gruppen - geringes, mittleres und hohes Risiko - eingeteilt werden. Die für die Physiotherapie wichtigste Gruppe ist laut seiner Aussage die Gruppe mit mittlerem Risiko. Bei der ersten Gruppe betonte er, dass das Hauptaugenmerk darauf zu legen ist, die Patienten nicht überzutherapieren. Für die High Risk Gruppe stellte er die Hypothese auf, dass hier zuerst die Psychotherapie im Vordergrund steht.

Childs (USA) wählt für seine Subgruppeneinteilung die Therapiewirkung und verfolgt dabei einen eher robusten Zugang. Nach Berücksichtigung von Ausschlusskriterien anhand der Anamnese erhalten seine Patienten eine sehr unspezifische rotatorische Manipulation in beide Rotations-Richtungen, danach werden die Patienten unterteilt in Verbesserung um 50% Oswestry Index ja/nein. Ingesamt bildet er je nach Therapieerfolg  4 Gruppen (Manipulation, spezifische Übungen, Stabilisation und Traktion). Laut einer von ihm präsentierten Studie hatten 66% der Patienten dieser Studie nach dieser Einteilung eine klare Klassifikation.

Da wir als österreichische  Vertreter des Kaltenborn/Evjenth Systems - das rotatorische Manipulationstechniken aufgrund des wesentlich höheren Gefahrenpotentials bei gleicher Wirkung schon vor Jahrzehnten verbannt hat -  in Singapur waren, kann dieser Vortrag leider nicht unwidersprochen bleiben. Patienten ohne vorhergehende Untersuchung zu manipulieren und dabei noch dazu globale rotatorische Techniken mit hohem Gefahrenpotential zu wählen, stellt aus unserer Sicht ein absolutes  No Go dar! Auch die Unterteilung in spezifische Übungs- und Stabilisationgruppe ist unserer Meinung nach fraglich, da es ja das Ziel einer guten Wirbelsäulenreha sein sollte, die beiden Punkte geschickt miteinander zu kombinieren.

O’Sullivan (Australien) entschied sich in seinem Vortrag für eine Aufteilung der Patienten anhand der beim jeweiligen Patienten zugrundeliegenden Mechanismen (Pathoanatomie, Schmerzmechanismen, negative Gedanken und provozierendes Verhalten). Diese leiten dann den Weg zu einer zielgerichteten Behandlung - vo

n O´Sullivan als Classification Based-Cognitiv Functional Therapy (CB-CFT) bezeichnet (O´Sullivan (2005)).  Um seine Theorie zu untermauern präsentierte er unter anderem eine Studie  von Bunzli et al (2013) die sich stark am biopsychosozialen Modell orientiert. Die Patienten werden in Responder und Nonresponeder eingeteilt,  Ziel der Subgruppen Einteilung ist es, jene chronische Rückenschmerzpatienten, die akzeptiert haben, dass ihr Schmerz nicht mit einer frischen Pathologie der Wirbelsäule zusammenhängt, von jenen zu unterscheiden, die eine biomechanische Ursache glauben und daher laut seiner Meinung eine schlechtere Prognose haben.

 

Dieses biopsychosoziale Modell  bildete bekanntlich seit Jahren die Grundlage für die Arbeit von Moseley (Australien). In dem von ihm geleiten Focused Symposium zum Thema  Pain referierte er über Neurone Netzwerke – von ihm als Neurotags bezeichnet -  und deren Bedeutung für die Entstehung bzw. Erhaltung von Schmerz.

Der Vortrag von Moseley war wie üblich sehr gut gelungen und schaffte es auch, die von der vorhergegangen WCPT Party and Dance Night noch müden Zuhörer sofort zu fesseln.


Heimo Just, MSc

 

Bunzli, S. (2013) Lives on hold. A qualitative synthesis exploring the experience of chronic low back pain. Clinical Journal of Pain. 2013

Just H. und Stelzer L. (2009) Wirksamkeit der Manualtherapie bei Patienten mit Schulterschmerzen. Manuelle Therapie 13: 212–218

O´Sullivan P. (2005) Diagnosisandclassificationofchroniclowbackpaindisorders: Maladaptive movement and motor control impairments as underlying mechanism. Manual Therapy 10: 242–255 

Reed D. et al (2010) The rotator cuff muscles are activated at low levels during shoulder adduction: an experimental study. Journal of Physiotherapy 56: 259–264

Reed D. et al (2013) Does supraspinatus initiate shoulder abduction? J Electromyogr Kinesiol 23(2):425–429,

StarT Brack Tool (www.keele.ac.uk/sbst)

 

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