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IFOMPT Conference Glasgow 4.-8- Juli 2016: Kongressbericht Teil 1

Kongressbericht Heimo Just, MSc

Die IFOMPT Conference 2016 in Glasgow stand unter dem  Motto „Expanding Horizons“. 

Dazu passend skizzierte Prof. Gwendolen Jull in ihrem Eröffnungsreferat die Entwicklung der Manualtherapie am Beispiel des von ihr mitverfassten Buchs „Grieve's Modern Manual Therapy“.

Die erste Ausgabe von Gregory P. Grieve aus dem Jahr 1986 bestand noch im Wesentlichen aus einer Aneinanderreihung von manualtherapeutischen Behandlungstechniken ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Die Orientierung erfolgte am biomechanischen Modell.

In der 2. Ausgabe aus dem Jahr 1994 wurde das Behandlungsgebiet wesentlich erweitert, zum Beispiel um z.B. Muskeltechniken und das Clinical Reasoning bekam einen großen Stellenwert.

In der 3. Ausgabe (2005) wurde die Evidenz ein zentrales Thema und das Nervensystem sowie neurophysiologische Effekte und deren mechanische Antwort wurden diskutiert.

In der aktuellen 4. Ausgabe (2015) wurde der wissenschaftliche Anteil nochmals stark erhöht und die Orientierung erfolgt jetzt am bio-psycho-sozialen Modell. Inhaltlich ist das Buch jetzt so breit aufgestellt, dass Jull und die Co-Autoren sich dazu entschlossen den Namen von „Grieve's Modern Manual Therapy“ auf „Grieve's Modern Musculoskeleta​l Physiotherapy“ zu ändern.

 

Ebenfalls gut zum Thema „Horizont erweitern“ passte Prof. G. Lorimer Moseleys wie immer sehr launiger Vortrag zum Thema Placebo in der Physiotherapie, der einige gut in den therapeutischen Alltag zu integrierende Anregungen beinhaltete.

Bei Medikamenten weiß man schon länger, dass bei Placebos die Farbe, Größe und sogar die Form der Tablette deren Wirkung stark beeinflusst.

Ähnlich dazu lässt sich lt. Moseley auch in der Physiotherapie bei komplett gleicher Therapieintervention die Wirkung der Therapie durch „verbessertes Placebo“ steigern.

Ein wichtiger Punkt hierbei ist ein professionelles Auftreten des Therapeuten – vor allem auch bezüglich der Berufskleidung (persönliche Anmerkung: vielleicht ein guter Zeitpunkt, die allseits beliebte Jogginghose zur Altkleidersammlung zu verbannen). Zum professionellen Auftreten gehört seiner Meinung auch das Verwenden von Fachausdrücken.

Eine verbesserte Therapiewirkung verspricht sich Moseley auch dadurch, dass der Therapeut persönlichen Wohlstand zum Ausdruck bringt (z.B. durch sichtbares platzieren eines Autoschlüssels einer Luxusmarke). Der Patient assoziiert damit unterbewusst „der Therapeut muss gut sein, weil er viel verdient“.

 

Dazu passte auch der Vortrag von Dr. Lisa Roberts zum Thema „Erster Eindruck in der Konsultation: die Kraft der Kommunikation verbessern“.

Bei einer Studie beobachtete Dr. Roberts dazu versteckt das Erstgespräch der Therapeuten mit einem Patienten und führte zusätzlich vorher und nachher ein Interview mit dem Patienten durch.

Die Ergebnisse waren für die Therapeuten wenig schmeichelhaft: durchschnittlich würde ein Patient z.B. 92 Sekunden brauchen um sein Problem zu schildern, die Therapeuten unterbrechen aber im Schnitt schon nach 23 Sekunden. Dementsprechend äußerten einige Patienten anschließend, dass sie trotz eines langen Gesprächs nicht ausreichend ihr Problem schildern konnten.

Statistisch gesehen redeten die Patienten 1/3 der Zeit, die Therapeuten ungefähr die Hälfte.

Der abschließende Rat von Roberts an uns Physiotherapeuten lautete daher: „Shut up and listen!“

 

 

 

Jull G., Moore A., Falla D., Lewis J., McCarthy C., Sterling M. (2015). Grieve's Modern Musculoskeleta​l Physiotherapy (4. Auflage). Oxford: Elsevier Ltd.

 

Chester E.C., Robinson N.C., Roberts LC. „Opening clinical encounters in an adult musculoskeletal setting.“ Manual Therapy. (2014):306-310

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