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Übungstherapie bei Tendopatien der Rotatorenmanschette

Artikelrezession


Exercise for rotator cuff tendopathy: a systematic review

Chris Littlewood et al., University of Sheffield

In Physiotherapy 98(2012) 101-109



Übungstherapie bei Tendopatien der Rotatorenmanschette


Da Schulterschmerzen ein weit verbreitetes Beschwerdebild im Patientengut von Physiotherapeuten sind, ist sowohl eine spezifische Diagnose und Klassifikation als auch ein optimaler Behandlungsplan von großer Bedeutung.

In dieser Studie von Littlewood et al. wird dieser Frage zur besten evidenzbasierten Behandlungsmethode im Rahmen einer Literaturstudie nachgegangen.

Bereits in vorangegangenen Literaturrecherchen wurde dieses Problem eingehend untersucht (Desmeules F et al, Therapeutic exercises and orthopaedic manual therapy for impingement syndrome, a systematic review. Clinical Journal of Sports Medicine 2003;13(3):176-82; Michener L et al. Effectiveness of rehabilitation for patients with subacromial impingement syndrom: a systematic review. Journal of Hand Therapy 2004;17:152-64; Kromer T et al. Effects of physiotherapy in patients with sholder impingement syndrome: a systematic review oft he literature. Journal of Rehabilitation Medicine 2009;41:870-80)

Bei der aktuellen Studie ist hervorzuheben, dass sich im Gegensatz zu den vorangegangenen Arbeiten die Recherche auf eine spezifische Untergruppe von Schulterschmerzen fokussiert. Die exakte Beschreibung der Ein – und Ausschlusskriterien sowie die Studienauswahl durch zwei unabhängige Gutachter (bei gegensätzlicher Meinung wurde ein dritter Gutachter beigezogen) garantieren die hohe Qualität dieses Reviews. 

Praxisrelevant wurden 5 Einschlusskriterien definiert. Die Kriterien 3 und 5 mussten erfüllt sein und zusätzlich eines aus 1, 2 und 4.

1. Symptomdauer länger als 3 Monate

2. minimaler Ruheschmerz

3. Weitgehend erhaltene Beweglichkeit

4. Schmerzprovokation durch Widerstandsteste bei ABD und/oder AR

5. keine Beteiligung der HWS

Kombinationsdiagnosen und Frozen Sholder galten als Ausschlusskriterium.

Als Behandlungsintervention mussten belastende Übungen gegen die Schwerkraft oder gegen Widerstand beschrieben sein. Kombinationsbehandlungen (Übungsprogramm mit MT) wurden ebenfalls eingeschlossen.

In den Datenbanken von AMED, CiNAHL, CENTRAL (Chocrane), Medline, PEDro und SPORTDiscus wurde nach RCTs gesucht. 

Die Datenauswertung erfolgte durch zwei unabhängige Fachleute. Die stringente Durchführung und die Beschränkung auf eine spezielle Untergruppe von Schulterpathologien führten dazu, dass nur 5 Studien in diesen Review eingeschlossen wurden. Dadurch ist die Power der Studie deutlich reduziert. Alle Studien verglichen auf der einen Seite entweder kontrolliertes Übungsprogramme oder Heimübungsprogramme mit auf der anderen Seite keine Behandlung oder Placebo oder OP oder funktionelle Schienenversorgung oder multimodale PT. In allen Studien schnitten die Übungsprogramme gleich gut oder besser ab als die Vergleichsgruppen. Dies lässt jedenfalls eine Tendenz erkennen, die auch mit anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt.

Zusammenfassung und Auswirkung auf die Praxis:

Auch wenn nur wenige Studien die Aussagekraft relativieren, sind die Ergebnisse ähnlich anderer Studien. Die Empfehlungen für die Praxis gehen jedenfalls in dieselbe Richtung: Aktive Übungsbehandlung, vorzugsweise unter therapeutischer Anleitung, gegen Widerstand stellt einen evidenten Behandlungsansatz bei Tendopathien der Rotatorenmanschette dar. Leider werden die einzelnen Übungen und Widerstände nicht genau beschrieben und reichen von manuellem Widerstand über Theraband bis zu MTT-Geräten. Da es keine validen Daten zu den einzelnen Übungen und die Höhe der Widerstände gibt, ist das permanente Überprüfen des Behandlungsergebnisses unbedingt notwendig.

Wie so häufig in der Physiotherapie ist der Bedarf an weiteren Studien groß um evidenzbasierte Daten zu haben und daraus Therapieempfehlungen abzuleiten. In zukünftigen Arbeiten sollte auf die exakte Übungsbeschreibung und auf präzise Angaben zu Widerstand und Wiederholungszahlen geachtet werden und auch die Frage nach exzentrischen oder konzentrischen Programmen in die Fragestellungen einbezogen werden. Nach dem Informationsstand des Autors gibt der aktuelle Stand der Wissenschaft der exzentrischen Übungsausführung bei Tendopathien eindeutig den Vorrang.



Andreas Gattermeier

Im Mai 2012


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