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Zusammenhang zwischen spinaler Manipulation und der Muskeldicke von M. multifidus (CAT)

Rezension zu:

Koppenhaver S. L., Fritz J. M., Herbert J. J., Nawchuck G. N., Childs J. D., Parent E. C., Gill N. W., Teyhen D. S. (2011). Association Between Changes in Abdominal and Lumbar Multifidus Muscle Thickness and Clinical Improvements After Spinal Manipulation. Journal of Orthopaedic&Sport Physical Therapy, Volume 41, Number 6: 389-399 

                     

Ziel dieser prospektiven Kohorten Studie war es herauszufinden, ob sich die in Einzel- und Pilotstudien gefundenen Ergebnisse, dass sich die Manipulation der LWS positiv auf die Dicke von M. transversus abdominis (TrA), M. obliquus internus (OI)  und lumbaler M. multifidus (LM) auswirkt, im Rahmen einer größeren Studie bestätigen lassen. Zu diesem Zweck wurden 81 low back pain Patienten ausgewählt (Ausschlussgründe waren neben neurologischen Auffälligkeiten die üblichen red flags gegen Manipulation), die nach zu erwartender positiver oder negativer Wirkung der Manipulation in 2 Gruppen aufgeteilt wurden: bei 5 Kriterien (Symptome kürzer als 16 Tage, keine Symptome unterhalb Knie, Fear Avoidance Beliefs Questionaire work subscale score kleiner als 19, mindestens ein hypomobiles Segment in LWS, Hüft Innnenrotation > 35°) wurden Patienten mit 4 oder 5 zutreffenden Punkten in die Gruppe Responder, bei denen von einer positiven Wirkung ausgegangen wird, eingeteilt, Patienten mit  2 oder weniger in die Non Responder Gruppe (Patienten mit genau 3 Punkten wurden von der Studie ausgeschlossen).

Die Patienten erhielten 2 Behandlungen, bei jeder Behandlung wurde die LWS manipuliert, wobei eine unspezifische rotatorische Technik, die auf beiden Seiten durchgeführt wurde, ausgewählt wurde (genaueres zu der Technik in den Anmerkungen). Die 2. Behandlung war 3-4 Tage nach der ersten. Eine  Woche nach der ersten Therapie wurde eine dritte Untersuchung durchgeführt. Gemessen wurde die Dicke von TrA, OI und LM mittels Ultraschall vor und nach der Manipulation, wobei der TRA sowohl beim ASLR als auch beim abdominal drawing in task, der LM bei unilateralem Heben eines Armgewichtes gemessen wurden. Zusätzlich wurden der modifizierte Oswertry Disability Index, die Schmerzen anhand einer numerischen 11Punkte Skala sowie der Fear Avoidance Beliefs Questionaire erfasst, um die klinischen Veränderungen zu beurteilen.

Die Auswertung der Ultraschall Untersuchung ergab ein unerwartetes Ergebnis: nur der LM zeigte bei der 2. Untersuchung eine signifikante Zunahme der Dicke, TrA und OI zeigten keine Zunahme, sondern waren nach der ersten Manipulation sogar kurzfristig signifikant dünner als bei der Untersuchung vor der Manipulation.

Zusätzlich wurde die Dicke der Muskeln zu den klinischen Ergebnissen in Relation gesetzt. Nach den vorherigen Ergebnissen wenig überraschend gab es bei TrA und OI hier keinen Zusammenhang zwischen Entwicklung der Beschwerden und Muskeldicke, sehr wohl aber fanden die Autoren einen solchen Zusammenhang beim LM. 

Die Autoren diskutieren als mögliches Erklärungsmodell für dieses unerwartete Ergebnis, dass speziell beim TrA nicht die Muskeldicke sondern die Reaktionsschnelligkeit des Muskels die wichtigere Rolle spielt. Beim OI kann die Auswahl der Manipulationstechnik, die gleichzeitig auch eine Muskeldehnung erzeugt, eine Ursache für die Abnahme sein.

 

Anmerkung:

Diese Studie bietet einen interessanten Ansatz, Manipulationstechniken vom neurophysiologischen Hintergrund zu beleuchten und produziert durchaus unerwartete Ergebnisse.

Aus OMT-therapeutischer Sicht drängen sich 2 Hauptkritikpunkte auf:

1. Die Wahl der Manipulationstechnik: Leider orientierten sich die Autoren nicht an den aktuellen Entwicklungen im Bereich der Wirbelsäulen-Manipulation (siehe Bericht WCPT-Kongress 2011) und  verwendeten eine recht unspezifische globale Rotationsmanipulationstechnik, bei der quasi die gesamte BWS und LWS in Seitenlage in gekoppelter Extension eingestellt und hintereinander auf beiden Seiten manipuliert wurde. Mit einer Hand wurde die Scapula stabilisiert, mit der anderen Hand ein Rotationsimpuls auf das Becken abgegeben. Zusätzlich durften die Therapeuten die Manipulation wiederholen, wenn sie es für notwendig erachteten.

2. Indikationsstellung: Die einzige Indikation für die Behandlung mit einer Manipulation war das Vorhandensein von unspezifischem Rückenschmerz, nicht jedoch passive oder translatorische Untersuchungsbefunde. Diese wurden zwar erfasst, ob eine Hypomobilität vorlag oder nicht, diente jedoch lediglich zur Einordnung der Patienten in die Responder Gruppe, hatte jedoch sonst keinen Einfluss.  Auch wurde bei der 2. Therapiesitzung die Manipulation wiederholt, ohne Ergebnisse eines Wiederbefunds einfließen zu lassen. Es ist daher durchaus möglich, dass sich unter den Patienten auch welche mit Hypermobilitätsproblemen befunden haben, die zwei Mal manipuliert wurden.

Anhand dieser Tatsachen  verwundert es daher auch nicht mehr, dass 44% der Patienten dieser Studie bei der 2. Therapiesitzung eine Verschlechterung der LWS Beschwerden angegeben haben!

Es wäre spannend, bei zünftigen Studien die Indikationsstellung enger an die Erfordernisse einer Manipulation anzupassen und dementsprechend auch zeitgemäße, spezifische, translatorische Technik auszuwählen. Auch wäre es möglich anstatt der im klinischen Alltag eher unbedeutenden Muskeldicke zum Beispiel die Fähigkeit, die Wirbelsäule zu stabilisieren, im Zusammenhang mit Wirbelsäulen-Manipulationen zu untersuchen.


Heimo Just, MSc, PT-OMT

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