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Historie

Text aus dem Buch "Kulturhistorischer Führer durch Badenweiler" dritte Auflage 2008, Seiten 75-79,
mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Badenweiler
 


1912/13 in direkter Nähe zum Thermalwasserquellstollen nach Plänen des Baurats Freiherr von Stengel errichtet. lnbetriebnahme als ,,Radium-Emanatorium“ nach neuesten Erkenntnissen bereits 1913, nach 1920 lnhalatorium. 1952 und 1978 Totalrenovierungen. 1999 stillgelegt. Künstlerisch bedeutender polygonaler Bau des Neobarock mit aufwändiger Kartusche am Portal und weiteren, den Bau gliedernden Schmuckelementen.

Das „Inhalatorium“ bezeichnet durch seinen Standort am Austritt des Thermalwasserquellstollens aus dem Berg einen der markantesten Punkte Badenweilers und zählt sowohl architektonisch wie medizingeschichtlich zu den interessantesten Objekten des Kurortes. Bereits bei seinem ,,Situationsplan“ zum Ausbau Badenweilers 1820 hatte der bekannte Architekt Friedrich Weinbrenner im Auftrag des Großherzoglichen Hofes geplant, gemäß römischer Bautradition an der Thermalquelle eine Brunnen- und Trinkhalle mit antikisierendem Säulengang zu errichten. Dies hätte die Schaffung eines auf das Thermalwasser als neuen Lebensnerv Badenweilers ausgerichteten Ortszentrums inmitten der damaligen Badgasthäuser bedeutet. Man darf nicht vergessen, dass das Kurhaus erst über 30 Jahre später, das erste Thermalbad, das Marmorbad, sogar erst 50 Jahre nach diesen Plänen errichtet wurde, der Badbetrieb fand bis dahin vor allem in den Badgasthäusern statt. Allerdings wurde dieser Plan wie die anderen großen Weinbrennerschen Baukonzepte für Badenweiler nie realisiert, da ab 1821 der Ausbau Baden-Badens als Kurort viele Jahre Vorrang hatte.

Erst 93 Jahre später wurde am Stollenausgang das bis heute in seinem äußeren Erscheinungsbild original erhaltene Gebäude des „Radium-Emanatoriums“ errichtet, das bereits 1921 in „Inhalatorium“ umbenannt wurde.

lm Gegensatz zu Weinbrenners klassizistisch strengem Konzept waren nun barocke Formen architektonisch Mode geworden, auch das fünf Jahre zuvor errichtete Markgrafenbad war bereits im Neobarock ausgeführt worden. Das 1912/13 errichtete oktogonale eingeschossige Gebäude liegt fast drei Meter über Straßenniveau direkt neben dem Quellstollen und ist durch einen breiten Treppenaufgang zu erreichen. Unsichtbar unterhalb des Gebäudes lag der für die Emanation erforderliche Maschinenraum. Das Gebäude besitzt eine geschwungene barocke Dachhaube und als Eingang ein aufwändig gestaltetes Barockportal. Zwei mächtige geschmückte Eckpfeiler tragen den verzierten Türaufsatz. Eine von plastischen Voluten umgebene Kartusche krönt dabei den geschwungenen Giebel. Kulturgeschichtlich bedeutsam ist das Inhalatorium aber nicht nur durch seine besondere Position im Ortsbild und seine Barockarchitektur, sondern ebenso durch die ursprüngliche Nutzungskonzeption als „Radium- Emanatorium“, welche einen heute fast vergessenen Mythos der balneologischen Medizintechnik des frühen 20. Jahrhunderts präsentiert.

Badenweiler war mit Unterstützung der badischen Landesregierung nach der verstärkten Hinwendung zu medizinischen Heilmethoden des Kurortes Ende des 19. Jahrhunderts bemüht, den Gasten über die traditionelle Badekultur hinaus auch die medizintechnisch fortschrittlichsten Anwendungen des Thermalwassers anbieten zu können. Bereits 1908 bei der Einweihung des Markgrafenbades mit neuen Kurmitteln wie elektrischen Lichtbädern und hydroelektrischen Bädern wurde dies sichtbar.

Als Höhepunkt dieser damaligen Entwicklung ist das „Radium-Emanatorium“ anzusehen, dessen Eröffnung sinnfällig am 07.07.1913, zwei Tage vor der festlichen Geburtstagsfeier des Großherzogs erfolgte, weicher nach Badenweiler gekommen war. In der Kurzeitung hieß es bereits im April als Vorankündigung dieses Projekts unter der Überschrit „Vom Radium“: ,,So kommt auch unser Kurort in den Genuss der im altberühmten Thermalwasser wirksamen Quantität an Radium, diesem wunderbarsten aller Stoffe der Erde, den man erst vor wenigen Jahren entdeckt hat und der heute bereits zu ungeheurer Bedeutung gelangt ist und für die Zukunft noch ungeahnte Möglichkeiten erwarten lasst.“ Nach einer Beschreibung des damaligen Erkenntnisstandes über die im Uranzerfall frei werdenden Energien und dem Hinweis, dass Radium Blasen erzeugt, wenn man es nur kurze Zeit in der Hand halt (!), folgt der freudige Schlusssatz „Ueber die Wirkung des Radiums in der Heilkunde ist allerdings noch vieles unbekannt; doch darf man schon heute die größten Hoffnungen auf diesen Stoff setzen, dessen Entdeckung eine absolute Folge der Entdeckung Röntgens ist.“

Die Einrichtung des Emanatoriums wurde nach den Plänen des Bautechnischen Referenten des Großherzoglichen Ministeriums, Baurat Stürzenacker, durchgeführt und von der Radiogengesellschaft in Berlin-Charlottenburg hergestellt. Prinzipiell funktionierte die Radium-Emanation durch unter hohem Druck in der Luft zerstäubtes Thermalwasser, wobei der Luft vor der Inhalation so weit wie möglich durch diverse Verfahren Feuchtigkeit und Kohlensäuregehalt wieder entzogen und zusätzlich Ozon zugesetzt wurde. Die voll gekachelten Behandlungsräume besaßen elektrisch schließende Doppeltüren, um das Entweichen der Luft zu verhindern.

Nur in vager Kenntnis von der zellschädigenden Wirkung des Radiums entwickelte sich damals ein wahrer Mythos über die verborgenen Heilkräfte der radioaktiven Radiumstrahlung. Durch die balneologische Anwendung sollten Zellen und Organe stimuliert werden. Als lndikationen wurden 1913 angeführt: „Ausscheidung harnsaurer Salze“, sodann Rheumatismus, neuralgische Beschwerden, nervöse Schlaflosigkeit und nervöse Schwäche. Das tschechische Bad Joachimstal, die St. Placi-Quelie beim schweizerischen Disentis oder das schlesische Bad Landeck und mehrere andere Bäder mit Uranvorkommen in der naheren Umgebung wurden Zentren für die Radiumtherapie, die man auch mit Trinken, Einspritzen oder Umschläge verabreichen konnte. Die großherzogliche Landesregierung und Badenweiler waren bestrebt, dieses neue Heilmittel mit der modernsten Technik anbieten zu können: „Die Einatmungsbehandlung, wie sie im Emanatorium zur Anwendung kommt, verdient, wo sie gut vorhanden ist, entschieden den Vorzug, weil durch sie das Blut mit großen Mengen Emanation für längere Zeit geladen werden kann.“ So die Hoffnungen von 1913.

Physikalisch wirksam im Thermalwasser bzw. in der Luft ist allerdings nicht das Element Radium selber, sondern das Gas Radon, das beim Radiumzerfall entsteht, eine energiereiche Alphastrahlung besitzt und zusätzlich durch seine eigenen Zerfallsprodukte schädlich werden kann. Bis ca. 1930 wurde das Gas als Radium-Emanation bezeichnet.

Als die Nobelpreisträgerin Marie Curie (1867-1934), die 1898 das Radium als Element entdeckt hatte, 1934 an Leukämie verstarb, hatte die Schulmedizin bereits begonnen, Abstand von einer allgemeinen Radiumtherapie zu nehmen. Bis heute ist nicht entschieden, inwieweit niedrige Dosen für das Zellwachstum gefährlich werden können. Auch in Badenweiler war man früh vorsichtig geworden, bereits zur Wiedereröffnung nach dem Ersten Weltkrieg 1921 heißt es in der Kurzeitung: „Zu den alten Heilmitteln die Badenweiler besitzt, tritt in der nächsten Zeit ein lnhalatorium, welches in den Räumen des früheren Radium-Emanatoriums eingerichtet wird.“ Damit war das lnhalieren wassergesättigter Luft wichtiger geworden als das Einatmen des Gases. 1958 und 1978 wurde das Inhalatorium jeweils renoviert, 1999 wurde die Einrichtung geschlossen. Zur Zeit werden Pläne zur Nutzung des Gebäudes als Museum für die Thermalquelle und die Kurgeschichte Badenweilers entwickelt.